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Seite neu laden Respekt vor der Langdistanz? (Ostseeman-Bericht)
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Alt 04.08.2009, 03:44   #1
steilkueste
UltraUltraUltra
 
Benutzerbild von steilkueste
 
Im Forum dabei seit: 24.04.2006
Ort: Kiel
Beiträge: 620
Standard Respekt vor der Langdistanz? (Ostseeman-Bericht)

Wieviel Respekt erfordert die erste Langdistanz? Je näher der Ostseeman kam, desto mehr baute sich der Respekt auf. Trotzdem, ankommen kann nicht das Ziel sein. Ratschläge dieser Art habe ich bewusst missachtet. In diesem Punkt wollte ich nicht einmal auf Gordo, meinen Lieblingsratgeber für die Langdistanz, hören: "Setze dir keine Ziele, und wenn doch, behalte sie für dich. Die meisten Ersttäter sind 1 bis 2 Stunden langsamer als geplant". So erschien es mir schon als frech und mutig, mein Ziel mit "Mitte vom Mittelfeld" anzukündigen. 11:24 erschienen mir machbar. 1:10 fürs Schwimmen, 6 Stunden radeln inklusive wechseln, Marathon im 6er-Schnitt mit 4:13 nach Hause bringen. So der Plan.

Die Nervosität vor dem Start versuche ich wie immer dadurch zu reduzieren, dass ich als einer der letzten ins Starterfeld gehe. Anders als im letzten Jahr achtet der Veranstalter diesmal darauf, dass alle Athleten beim Start noch auf dem Strand stehen (gut!). TurboSchroegi hatte mir für die Aufstellung generell empfohlen: "mittig und im vorderen Drittel". Gesagt, getan!

Das große Problem in Glücksburg liegt 50 Meter nach dem Start: Eine 90-Grad Rechtskurve, noch dazu zwischen zwei Dalben mit vielleicht 4 Metern Abstand durch. Unvorstellbar, wie da die 648 Athleten gleichzeitig durchpassen sollen. Tatsächlich fühlt es sich an wie Sardinen in der Büchse. Kein freies Wasser, um eine Hand einzutauchen. Also vorsichtig die Hand auf den Vordermann legen und möglichst sanft einen Weg ins Wasser suchen. Soweit ich es sehen und fühlen kann, gehen hier alle respektvoll miteinander um.

Quallen sind heute selten, eine Feuerqualle erwischt mich allerdings mal wieder am Kinn. Kurz juckt es etwas, danach spüre ich davon nix mehr. Abgehärtet durch Routine, glaube ich. Allerdings sehe ich die Quaddeln im Spiegel auch noch zwei Tage später.

Immer wieder habe ich bei vergangenen Wettkämpfen im Freiwasser versucht, gute Füße zu finden. Heute gelingt es mir erstmals, das für kürzere Teilstrecken zu nutzen. Ich bin erstaunt, wie schlecht andere sich im Freiwasser orientieren können. So bin ich doch überwiegend allein unterwegs, auf dem kürzesten Weg von Wendeboje zu Wendeboje. Wie anstrengend darf das Schwimmen sein? Ich beschließe, die Arme nicht zu schonen. Was da an Glykogen drin ist, soll auch aufgebraucht werden. Trotzdem kann ich es gar nicht fassen, als im Wechselzelt jemand was von 1:05 sagt.

Nach dem Abtrocknen ziehe ich normale Radklamotten vom Verein, Socken und Radschuhe an. Immer noch ungläubig über die gute Gesamtzeit liege ich entspannt auf dem Auflieger und lasse das Tchiborad rollen. Drei Kettenblätter vorne sind nicht unbedingt nötig, aber am dritten und letzten steilen Anstieg der Runde kommt das kleinste Blatt doch zum Einsatz. So bleibe ich ruhig und in gleicher Frequenz, während das Publikum, das hier dicht an dicht Spalier bildet, die Mitstreiter mit kräftig Lärm zu Heldentaten führt. Ich liebe es, bei der abschließenden Abfahrt einige wieder aufzusammeln Nach der ersten 30-km-Runde stehen 33 km/h auf dem Tacho. Mit 30 km/h wäre ich nicht unzufrieden gewesen. Große Verunsicherung. Also etwas rausgenommen und geärgert, dass ich die guten Ratschläge von wegen Zurückhaltung im ersten Drittel nicht umsetzen kann. Noch dazu habe ich Tessa nicht am Rand gesehen.

Es ist alles eine Frage der Energie, habe ich mir im Vorfeld eingeprägt. Ich achte auf die passende Kalorienzahl und die passende Menge zu trinken. Den Bericht von einem Ex-Fori über Frankfurt lasse ich mir eine Lehre sein. Bloß keinen unverdaulichen Klumpen im Magen bilden lassen, lieber etwas mehr Wasser draufschütten. Immer mit einer Prise Salz versetzt. So erreiche ich auch ein weiteres Nebenziel, dass mir Gordo mit auf den Weg gegeben hat: "Wenn du weniger als zweimal pinkeln musst auf der Radstrecke, bist du dehydriert." Das Dixi oben auf dem Wahleberg steht aber auch wirklich ideal, direkt am Ende des steilen Anstieges. Kein Tempoverlust, danach direkt neue Getränke und Verpflegung aufnehmen. Besser geht es nicht

Beim Laufen dann das gleiche Problem wie beim Radstart: die ersten zwei Kilometer rollen wie von selbst im 5er-Schnitt. Wie kann man so viel in Büchern und Foren lesen, und trotzdem so überzocken? Ich will doch nur locker laufen! Zum Glück beginnt nach Kilometer drei der Streckenteil mit den Anstiegen. Die bremsen etwas und erinnern mich daran, dass die Beine, die ich für diesen Marathon zur Verfügung habe, nur gebrauchte Exemplare sind.

Im Verlauf der weiteren Runden geht es nur noch darum, durchzuhalten und nicht wesentlich langsamer zu werden. Das Publikum ist wichtiger denn je. Die immer wieder voll engagierte Truppe von PapaBaer ist ein klasse Fixpunkt am Wegesrand, zusammen mit anderen Freunden und Bekannten. Jeder einzelne zählt, jedes bekannte Gesicht führt zu geraderer Laufhaltung, die erwarten einen wieder nach 45 Minuten, da will man keinen enttäuschen. Also möglichst gut aussehen und immer weiter. So reicht es denn für einen Marathon in 3:47:30. Im Ziel bin ich so erschöpft, dass ich erst mal zwei Minuten Auszeit nehme um mich hinzukrümmen, bevor ich mich langsam den Glückwünschern zuwende, die so lange durchgehalten haben.

Nach der ersten Zielverpflegung legt sich die Angestrengtheit langsam. Mit Olli und Acki sitzen und liegen wir noch etwas herum und plaudern. Endlich kein Getrieben-Sein mehr.

Hatte ich zu viel Respekt vor der Langdistanz? - Ich glaube nicht. Zwar habe ich meine Möglichkeiten deutlich unterschätzt, aber wäre ich mit weniger Respekt gestartet, wäre ich vielleicht schon auf dem Rad, spätestens aber auf der Laufstrecke, eingebrochen. So hat die Energie genau bis zum Zielstrich gereicht.

10:33:41, im ersten Drittel gefinisht. Bevor ich zu übermütig werde, weil ich mit dem Gesamtergebnis nicht mehr wie angepeilt im Mittelfeld liege, erinnere ich mich daran, wie mein Namensvetter Mittelmäßigkeit definiert: "... irgendwie ist das Mittelmaß, und das ist der Feind des Sports", so Jan Frodeno zu seinen 10. Platz beim Triathlon Worldcup in Hamburg.

Grüße
Jan
__________________

*** Ironman Regensburg 2010 ***
*** Ironman Hawaii 2010 ***
steilkueste ist offline  
Alt 04.08.2009, 06:34   #2
lifty
 
Benutzerbild von lifty
 
Im Forum dabei seit: 29.10.2007
Beiträge: 550
Standard

Sehr schöner Bericht !

Herzlichen Glückwunsch zu einer bravourösen Leistung

Alles richtig gemacht.


Gruß Lifty
lifty ist offline  
Alt 04.08.2009, 07:47   #3
Freya.fall
 
Im Forum dabei seit: 15.02.2009
Beiträge: 162
Standard

Sehr schön geschrieben und ne super Leistung! Respekt!

Steffi
Freya.fall ist offline  
Alt 04.08.2009, 07:52   #4
liverpool
train smart, race hard!
 
Benutzerbild von liverpool
 
Im Forum dabei seit: 03.07.2007
Beiträge: 1.872
Standard

herzlichste glückwünsche!!!

hast du super gemacht, toller bericht und eine wirklich spitzen leistung

Zitat:
Zitat von steilkueste Beitrag anzeigen
Die bremsen etwas und erinnern mich daran, dass die Beine, die ich für diesen Marathon zur Verfügung habe, nur gebrauchte Exemplare sind.


donnerwetter, die zeit ist natürlich vom feisten, respekt

weiterhin viel erfolg bei deinen nächsten vorhaben!
__________________
nur ein harter tag war ein guter tag! (sagt frank und der hat echt ahnung)
09.01.11 ifL-WLS 10km - 1. Platz (37min40sek)
16.01.11 ifL-WLS 15km - 1. Platz (1h4min00sek)
30.01.11 ifL-WLS 20km - 1. Platz (1h29min30sek)
17.04.11 HM Leipzig
22.04. - 30.04.11 TRAININGSLAGER Cesenatico
18.06.11 SCHLOSSTRIATHLON Moritzburg MD
10.07.11 CHALLENGE Roth LD
24.07.11 GEALAN Triathlon Hof OD
manche träumen von herausragenden leistungen, ich will wach sein und sie vollbringen!
liverpool ist offline  
Alt 04.08.2009, 08:38   #5
Chri.S
 
Im Forum dabei seit: 19.10.2006
Beiträge: 4.652
Chri.S eine Nachricht über ICQ schicken
Standard

Hammer, Jan! Da kriegt man gleich Lust, mit dem RR einen Umweg zur Schwimmhalle zu fahren und ein paar Bahnen einzulegen. Wie heißt es so schön: Irgendwann mach ich das auch! Und da meine Frau letztens ganz erstaunt war, dass ich nicht zum Ostseeman wolle - sie findet Triathlon nämlich ganz toll - kann das schneller gehen, als erhofft

Glückwunsch zum tollen Finish!

Da sieht man sich wohl nicht dieses Jahr in Bokel? ;-)

Chris
__________________
Training (B)log - Last update 24.10.11
04/10 Marathon: 2:51:49 (VDot 57.0) - 02/11 HM: 1:19:32 (VDot 58.8) - 01/11 15k: 56:25 (VDot 57.4) - 09/11 10k: 36:15 (VDot 58.3) - 08/09 5k: 17:49 (VDot 57)
Chri.S ist offline  
Alt 04.08.2009, 09:58   #6
ottoerich
vive ut post vivas!
 
Benutzerbild von ottoerich
 
Im Forum dabei seit: 28.07.2005
Ort: Altona (nicht Hamburg!)
Beiträge: 3.363
Standard

Wie mir scheint, findest du noch nicht so richtig den Schlaf. Aber das Ergebnis lohnte dein Wachbleiben: Ein schöner, bestimmt kein mittelmäßiger Bericht

Dein Wettkampf erscheint mir als gelungene Mischung zwischen Disziplin und Emotionalität. Da die Waagschale zu finden, ist nicht leicht.

Als du auf die Laufstrecke wechseltest, warst du jedenfalls ziemlich aus dem Häuschen, ein ganz ungewohnter Steilküstenmann. Wir als Zuschauer waren durch Gitterzäune von den Athleten getrennt. Fast wie im Zoo. Der Abstand zwischen uns wurde so noch augenfälliger.

Nur das zweite Kettenblatt und bei einem Anstieg das erste? Konnte man nicht bei den Abfahrten dem Affen noch mal mit No. 3 so ordentlich Zucker geben? Aber gut zu wissen, dass ein Mann aus Eisen auch No 1 ungescheut benutzt. Darf ich mich bei runterschalten auch als ein solcher fühlen.

Oskar Maria Graf, einer meiner Lieblingsschriftsteller, hat sich zeitlebens als ein "Dichter der Mittelmäßigkeit" verstanden. Er wusste die Segnungen dieser "Mittelmäßigkeit" zu schätzen. Sein Lob darauf muss ich mal für dich raussuchen, nicht dass du noch Komplexe kriegst

Wann ist Autogrammstunde?
__________________



MdLdR

Zuletzt überarbeitet von ottoerich (04.08.2009 um 10:45 Uhr) Grund: Interpunktion nachgebessert
ottoerich ist offline  
Alt 04.08.2009, 10:40   #7
lonerunner
voller Hoffnung
 
Benutzerbild von lonerunner
 
Im Forum dabei seit: 23.06.2006
Ort: Bremerhaven
Beiträge: 2.538
lonerunner eine Nachricht über ICQ schicken
Standard

Was für ein Debut, Jan

Meinen allerherzlichsten Glückwunsch

Gruss Jörg
__________________
You can check out any time you like but you can never leave

geplant:
10.07.11: Challenge Roth LD (3,8-180-42,2)


http://lonerunner-lauf-triathlon.blogspot.com/
lonerunner ist offline  
Alt 04.08.2009, 22:59   #8
Aninaj
Goes Triathlon
 
Benutzerbild von Aninaj
 
Im Forum dabei seit: 01.01.2005
Ort: Konstanz
Beiträge: 1.946
Aninaj eine Nachricht über Skype™ schicken
Standard

Ein toller Bericht und eine wahnsinns Leistung! Respekt!

Ich wünsche gute Erholung!

Janni
__________________
Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren zählt. (Adlai E. Stevenson)
Aninaj ist offline  
Alt 05.08.2009, 08:53   #9
steilkueste
UltraUltraUltra
 
Benutzerbild von steilkueste
 
Im Forum dabei seit: 24.04.2006
Ort: Kiel
Beiträge: 620
Standard

Vielen Dank für die lieben Glückwünsche!

Ich bin froh, jetzt Auszeit zu haben. Zeit zu haben für andere Dinge, fotografieren, vielleicht auch mal anderen lockeren Sport. Körperlich habe ich kaum Nachwehen. Längere Einheiten von irgendwas möchte ich jetzt nicht trainieren müssen, die Muskeln sind sicher gerade nicht energiegeladen, aber größere Zipperlein habe ich nicht.

Es ist ganz ungewohnt für mich, in der Woche keine Trainingstermine zu haben. Ohne feste Trainingstermine, ohne ein gewisses Getrieben-Sein, hätte ich das Ergebnis nicht erreichen können. Aber nun ist es gut, auch für die Seele, davon mal loszulassen.

Zitat:
Zitat von Chri.S Beitrag anzeigen
Da sieht man sich wohl nicht dieses Jahr in Bokel? ;-)
Nee, hatte ich nicht geplant. Aber jetzt, wo du das sagst ... hmm. 17 Tage Erholung und dann einen 10er aufs Parkett legen? Ohne jedes Traning, von spezifischem Training gar nicht erst zu reden? Unsinn! Aber ... Lust hätte ich schon.

Zitat:
Zitat von ottoerich Beitrag anzeigen
Nur das zweite Kettenblatt und bei einem Anstieg das erste? Konnte man nicht bei den Abfahrten dem Affen noch mal mit No. 3 so ordentlich Zucker geben? Aber gut zu wissen, dass ein Mann aus Eisen auch No 1 ungescheut benutzt. Darf ich mich bei runterschalten auch als ein solcher fühlen.
Klasse, ja, fühl dich so! Ist ein gutes Gefühl.
Wenn ich davon sprach, dass drei Kettenblätter nicht unbedingt nötig sind, meinte ich natürlich, dass ich im Rennen auf das kleinste Blatt auch hätte verzichten können. Ich habe es an einer Stelle eingesetzt, um mich ganz zielgerichtet zu bremsen. Gleichmäßige Belastung über alles, ich bin dieses Jahr noch nicht auf drücken trainiert gewesen.

Natürlich habe ich auch regelmäßig das große Kettenblatt eingesetzt. Ab 31,5 km/h kommt das rauf. Und von der Bundesstraße aus runter nach Rüde kommt man schon ganz gut in Schwung, da kann man dann mit 47 km/h runterrollen oder noch etwas nachtreten

Grüße
Jan
__________________

*** Ironman Regensburg 2010 ***
*** Ironman Hawaii 2010 ***
steilkueste ist offline  
Alt 05.08.2009, 10:27   #10
Kathrinchen
Iron(wo)man 2010
 
Benutzerbild von Kathrinchen
 
Im Forum dabei seit: 20.08.2004
Ort: Westpolen
Beiträge: 7.108
Standard

Streber

Lieber Jan - Riesenglückwunsch zum grandiosen Debüt, das habe ich aber auch nicht anders erwartet weil: siehe oben Erhol Dich gut, genieße die Wolke und Zeit für Dinge, die zu kurz kamen!

Hoffe, Dich bald mal irgendwo wieder zu sehen!

Kathrin
__________________
☼ ☼ ☼
Entscheide Dich. Und wenn Du Dich entschieden hast,
vernichte die Alternativen.
Kathrinchen ist offline  
 
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