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Seite neu laden Die durch die Hölle gehen: Marathon brutal
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Alt 07.07.2010, 14:15   #1
burny
Mal sehen!
 
Benutzerbild von burny
 
Im Forum dabei seit: 07.06.2007
Ort: Grevenbroich
Beiträge: 3.293
Standard Die durch die Hölle gehen: Marathon brutal

Jungfrau, Zermatt, Davos: ich bin sie alle gelaufen – schön, aber hart und herausfordernd jeder von ihnen. Im Vergleich zu diesen zählt der Marathon in Oberstaufen bereits unter normalen Bedingungen für mich zu den härtesten; nach dem Hitzelauf 2010 ist er definitiv mein leidvollster gewesen, Brutalmarathon eben.

Dabei kannte ich die Strecke von vor 3 Jahren, mit Ausnahme des einen, des schönsten Teils: der Panoramaweg über den Kamm der Nagelfluhkette. Aus Wettergründen wurde damals die Ausweichstrecke gewählt. Vor 3 Jahren schrieb ich über den Oberstaufen-Marathon meinen ersten Laufbericht, ja meinen ersten Beitrag für das Forum überhaupt (damals noch laufen-aktuell), seinerzeit argwöhnisch begutachtet von Teilen der Forenpolizei. In diesem Jahr nun wollte ich die ganze Strecke laufen, inklusive des Sahnehäubchens. Ich wartete zunächst ab, wie sich mein Bandscheibenvorfall entwickelte, meldete mich dann rechtzeitig an, freute mich riesig und hoffte auf schönes Wetter.

Schönes Wetter: das bedeutete für mich keineswegs Temperaturen über 30° auf einer zum Großteil schattenlosen Route. Je näher der Samstag rückte, um so höher stiegen die Prognosen, letzte Vorhersage: 33° C. Samstagmorgen bei der Ankunft hatte sich bereits um ½ 8 pralle Hitze breit gemacht mit Temperaturen, die ich erst nach 2 oder 3 Stunden Laufzeit erwartet hatte.


„Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen“, diese Inschrift auf dem Tor zur Hölle [Göttliche Komödie] passte zu meinen Gedanken, als ich den Startbogen anschaute. Ich hatte ein recht mulmiges Gefühl, ja, kurzzeitig fragte ich mich, ob ich den Lauf nicht lieber ausfallen lassen sollte, ein bisschen aus Furcht vor gesundheitlicher Beeinträchtigung, ein bisschen, weil ich vor der Strecke und dann noch bei dieser Hitze mächtigen Bammel hatte. Im Brecht’schen Sinne entschied ich mich schließlich, lieber ein Kämpfender statt ein schon Verlorener zu sein.

Mein Ziel für den Lauf war indes klar abgesteckt:
Durchkommen ohne Blessuren!
Kein Gedanke an Zeiten, Platzierungen, Wettbewerb!

Die Taktik dafür lautete:
Langsam und mit möglichst geringer Anstrengung laufen!
Bei den Steigungen frühzeitig und viel gehen!
Jede Möglichkeit, zu trinken und den Körper zu kühlen, nutzen!

Um gut der Sonne zu widerstehen, schmierte ich mich dick mit 40-er Sonnenmilch ein, schützte meine Lippen mit einer gehörigen Fettschicht und war selbstredend mit leichter Sonnenkappe ausgestattet. Sorge bereitete mir der ausgegebene Transponder-Chip, der mit ca. 2 cm breitem Klettband unten am Bein zu befestigen war. Meine kurzen Socken endeten knapp über dem Knöchel, und es war abzusehen, dass das Band auf der nackten Haut scheuern würde. Da ich vor einigen Tagen im Training (Feinfühlige weghören!) eine durchgescheuerte Stelle am Hoden gehabt hatte, befürchtete ich Schlimmes. Ich schmierte den Bereich (am Bein!) dick mit Vaseline ein, nahm ein Tempo-Taschentuch und befestigte darüber das Klettband. Und, oh Wunder, diese Konstruktion hielt völlig unerwartet bis ins Ziel. Gesundheit, langes Leben und Schutz vor übler Nachrede werde den Schöpfern dieses wunderbaren Produktes zuteil!

…Uiuiuiuiui! Bereits die ersten 2 km, durch den Ort und noch ganz flach, zeigten die Kraft der Sonne. Dann ging es in den Wald hinein, herrlich, noch kühl, dafür aber der erste kräftige Anstieg. Langsam, Kräfte einteilen, der Lauf ist noch lang! Ich folgte meiner Taktik und wechselte auf Gehen um, sobald mir der Anstieg zu steil wurde, und lief wieder an, wenn’s etwas flacher war. Nach knapp 2 km Aufstieg war der höchste Punkt erreicht, und nun zeigte sich die Perfidie dieses Laufes, denn flugs wurde der ganze schöne Höhengewinn wieder abgetragen, und es ging die nächsten 3,5 km bergab, nicht ohne dass immer wieder kleine giftige Gegenanstiege den Abwärtslauf unterbrachen.

Dieser Abstieg erfolgte in praller Sonne, und bereits hier – nach nur einmal richtig rauf und einmal richtig runter – hatte ich das Gefühl, statt fester, geschmeidiger Muskeln Pudding in den Beinen zu haben. Dieser häufige Wechsel zwischen Anstieg und Abstieg ist es, was diesen Marathon so fies und anstrengend macht. Insgesamt kommen so nach Veranstalterangaben 1.800, nach FR und Elevation Correction sogar knapp 2.100 Höhenmeter zusammen, sowohl rauf als auch runter.


Ich wusste, was nun auf mich zukam. Der Marathon in Oberstaufen (Allgäu) hat 3 heftige, lang gezogene Steigungen, den gerade geschilderten, leichteren Anfang nicht mitgerechnet. Die ersten beiden Steigungen kannte ich bereits und hatte sie als steil und sehr anstrengend in Erinnerung. Vor mir konnte ich die ersten Läufer auf dem ansteigenden Asphaltweg sich abmühen sehen.

Ist das heiß! Verdammt, dass ausgerechnet hier kein bisschen Schatten ist! Ich hab doch trainiert, wieso geht das dann trotzdem so schwer? Klar, so steile Passagen habe ich zuhause gar nicht, erst recht nicht so lange. Herrgott, das wird ja immer steiler. War das 2007 auch schon so? Na, muss ja! Nee, jetzt wird gegangen! Schon besser. Ah, da oben, das muss der höchste Punkt sein, gleich geschafft! Ach du Scheiße, das geht ja noch höher. So hab ich das gar nicht in Erinnerung! Irgendwann muss diese verfluchte Steigung doch vorbei sein! Komm, lieber wieder gehen! Wenn doch bloß mal wieder etwas Schatten käme, damit ich wenigstens die Kappe lüften kann. Die Luft am Kopf muss doch bald kochen. Mein Gott, dieser Holperweg über die Wiesen nachher verläuft ja auch die ganze Zeit in der prallen Sonne. Langsam, Kräfte einteilen, der Lauf ist noch lang!

Ja, und dann war diese erste Härteprüfung endlich vorbei. Was heißt vorbei? Der nächste Anstieg schloss sich fast nahtlos an, unterschiedlich zum einen durch die Bodenbeschaffenheit, nämlich unbefestigter, recht unebener kiesiger Wanderweg, zum anderen dadurch, dass er fast durchgängig die Steilheit des Vorgängerstücks noch übertraf. Kein Unterschied dagegen in der direkten Sonnenbestrahlung! Die Sonne knallte unbarmherzig, schien sich so richtig auszutoben, durch kein noch so kleines Wölkchen unterbrochen. Es war noch nicht einmal 10 Uhr. Serpentinenartig schlängelte sich der Weg nach oben. Ziel war die Bergstation der Imbergbahn.

Langsam, Kräfte einteilen, der Lauf ist noch lang! Ich glaube, ich bin den größten Teil des Aufstiegs gegangen, aber es war richtig so, wie sich später zeigte. Viele Läufer um mich herum steppten mit kleinen Trippelschritten, zeitlupengleich, nach oben und verharrten im Laufschritt selbst bei den steilsten Stellen. Wenn der Weg etwas weniger anstieg, machte ich einige Laufschritte. Dabei überholte ich stets, ging wieder, wenn es mir zu anstrengend wurde, und schon zogen die anderen, wie eine kleine Schneckenarmee, jedenfalls, was die Relativgeschwindigkeit anging, wieder an mir vorbei. Mir fehlte die Kraft in den Beinen, und ich war immer froh über die zumindest kleine Erleichterung, die das Gehen mit sich brachte. Der Schweiß lief eh schon genug, und unterm Käppi staute sich die Luft. Die Hitze nahm noch zu! Ich fragte mich, ob die durchgängig-laufen-Taktik ökonomisch war. Sie war es – jedenfalls für die meisten - nicht, aber hierzu später mehr.


Ich war erschöpft, mein Mund war ausgetrocknet, die Haut aufgeheizt, als ich endlich das Imberghaus mit der Verpflegungsstelle erreicht hatte. Als erstes lief ich unter die Dusche, die dort aufgebaut war, spürte, wie Kräfte und Konzentration durch die Kühle des Wassers zurück kehrten. Dann war Trinken angesagt. Es ging nur in kleinen Schlucken, schnelle Flüssigkeitsaufnahme ließ der Körper nicht zu, 2 Becher, dann noch einer langsam hinterher. Bevor ich weiterlief, noch einmal Oberkörper in die Dusche und Kappe mit Wasser gefüllt auf den Kopf. Dieses volle Programm zog ich an allen Verpflegungsstellen durch. Oft waren Läufer, die mit oder nach mir ankamen, längst wieder weiter, während ich noch Zeit dort verbrachte. Es war in Summe viel Zeit, aber ich bin sicher, dass es gut investierte Zeit war. Die Unterbrechung und relative Ruhe taten gut, und die Versorgung mit Flüssigkeit sowie die Abkühlung des Körpers waren lebenswichtig.

Hier auch noch ein Wort zur Organisation: Die Veranstalter hatten das hervorragend gemacht, hatten den neun offiziellen Verpflegungspunkten eine Reihe weiterer Wasserstellen hinzugefügt, so dass spätestens alle 3 km Versorgung gegeben war. Ja, selbst über die „offiziell ergänzten“ Wasserstellen hinaus saßen mitten am Wiesenweg plötzlich Helfer, die Becher an die Läufer reichten. Vorbildlich! Und so wohltuend, wenn wieder mal nach kurzer Zeit die Kehle ausgetrocknet war oder die Haut glühte!

Weiter! Auf breiter Asphaltstraße folgte eine Passage, die bei nur leichtem Auf und Ab etwas Erholung brachte. Wenn nur die pralle Sonne nicht so brennen würde! Nach einiger Zeit verließ die Route die Asphaltstraße, der Aufstieg zum Kamm begann: Terra incognita für mich. Dieser Teil hatte es in sich, 500 Höhenmeter auf ca. 3,5 km Länge, wobei der Anstieg anfangs noch moderat verlief und schließlich steiler und steiler wurde, weiterhin so gut wie kein Schatten, selten mal ein Baum oder größerer Strauch. Selbst die Durchgängig-Läufer gingen hier fast nur noch. So merkwürdig es klingen mag: Dieser Teil fiel mir dennoch leichter als die Aufstiege vorher. Es scheint, dass Steigungen über 20 oder 25% eine andere, einfachere Kletterarbeit erfordern als irgendwas zwischen 10 und 20%, was zum Laufen zu steil, zu ökonomischem Gehen aber zu „flach“ ist.


Ein erster Lohn der Mühe! Ich hatte den Beginn des Kamms erreicht, den Streckenteil, der diesem Lauf seinen besonderen Reiz gibt und der der Lohn der harten und heute brutal-harten Anstrengung war. Hier war die Luft nicht ganz so heiß wie zuvor, manchmal sogar ein schwacher Windhauch zu verspüren. Nur: Leicht wurde der Lauf dadurch noch lange nicht, im Gegenteil, neue Herausforderungen warteten.

Boahh, endlich oben! Wenigstens sind diese Scheißanstiege jetzt passé. Ja, es stimmt, das ist wirklich ein phantastischer Ausblick hier! Verdammt, fast daneben getreten! Ich muss aufpassen, darf mich nicht vom Blick ablenken lassen, so schön er auch ist. Jetzt wird wenigstens mal wieder etwas gelaufen, verdammt eng ist das aber, jetzt fällt der Weg auch noch ab. Ohje, Bernd, jetzt konzentrier dich voll auf den Weg, lieber nicht nach da unten schauen. – Schon wieder alles voll mit den Baumwurzeln, vorsichtig drüber springen, das würd’ mir noch fehlen, mir ausgerechnet hier den Fuß zu verknacksen. Herrgott, wo ist denn jetzt der Weg? An dem Fels da geht’s doch gar nicht weiter. Ach ne, da, da ist eine Markierung. Na, da nehm ich beim Rüberklettern doch lieber die Hände zu Hilfe. Ah, hier wo’s 3 Meter runter geht, sind ja Metallstufen angebracht. Vorsichtig absteigen.

Ist aber total nett, dass die Wanderer warten und uns den Vortritt lassen. Ist auch ne kleine Motivationsspritze, wenn die klatschen und uns Ermunterungen zurufen. Au, jetzt wär ich fast gestolpert, komm mir schon vor wie ne Gemse bei dieser ewigen Hüpferei über die Steine und vor allem die vielen Baumwurzeln, das sind ja regelrechte Gitter aus Wurzeln, wie Spinnweben. So langsam ermüden meine Füße. - Ach du Scheiße, ich denk, dieser Kamm ist flach, ne, da hinten kraxel ich lieber langsam hoch. Mein Gott, ist das hier schmal. Aber toll, hier kann man ja nach links einige Hundert Meter ins Tal gucken und nach rechts auch. Lieber mal ganz langsam, das ist echt ein supergeiler Ausblick! Schade, hätte ich bloß ne Kamera mitgenommen! Ach ne, lieber doch nicht, dazu muss ich zu viel balancieren, wär bestimmt schon auf die Fresse gefallen.


Nach 3 km war das Ende des Panoramawegs auf dem Kamm erreicht. Kurz danach zeigten je ein Pfeil geradeaus - dieser Weg ging steil nach oben - und einer nach links - jener ging steil nach unten. „Wohin?“ „Erst nach oben, dann wieder runter.“ Musste das jetzt sein? Schon wieder ein steiler Anstieg? Ich ging langsam die ca. 200 m bergauf und befand mich nun auf dem höchsten Punkt der Laufstrecke, der Bergstation der Hochgratbahn. An der Verpflegungsstelle dort zog ich wieder das volle Kühl- und Verpflegungsprogramm durch, bevor ich den Abstieg begann…


Ein richtiges Scheißstück! Der Abstieg beginnt bei der Hochgrat-Bergstation und endet an der Hochgrat-Talstation. Dazwischen liegen ca. 800 Höhenmeter und ein breiter Fahrweg mit einer Decke aus meist finger- bis faustgroßen Schottersteinen. Die Gesamtlänge beträgt knapp 6 km, erst spät geht diese Schotterstrecke in Asphalt über. Bergab laufen geht immer in die Oberschenkel und sorgt dafür, dass der Pudding darin nach 2 Tagen wundersam zu Stahl mutiert ist. Bei steinigem Untergrund kommt es vorwiegend darauf an, nicht wegzurutschen und auf die Fresse zu fallen. Hierzu bemühte ich mich, immer mit der gesamten Fußfläche aufzusetzen, den Oberkörper möglichst in gleicher Position zu halten und nicht zu schnell zu werden, also ständig abzubremsen. Und alles das bewirkte, dass die Belastung für die armen Oberschenkel, aber auch für andere Körperteile noch größer war. Außerdem erforderte es höchste Konzentration, denn der Untergrund war extrem uneben.

Ich verfluchte dieses Stück. Wurde natürlich dennoch immer mal wieder zu schnell, da der Gefällewinkel variiert, musste dann bei Risiko des Wegrutschens abbremsen, und war erleichtert, als es von der Traufe in den Regen ging, sprich wenigstens wieder Asphalt kam. Mit Puddingbeinen erreichte ich die Talstation, ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es bereits nach ½ 12 war. Mehr als 3 Stunden war ich schon unterwegs, noch 15 km lagen vor mir. Die letzten km war ich so auf den Weg und das Nicht-Wegrutschen konzentriert gewesen, dass ich auf das Drumherum kaum geachtet hatte. Nun, da diese Anforderung vorbei war, wurden mir die knallende Sonne, die immer mehr aufgeheizte Luft und mein eigener verschwitzter und erschöpfter Zustand wieder bewusst. 15 km musste ich noch kämpfen, 15 km in der Hitze, nach drei Stunden Anstrengung, sind verdammt viel, und ich schwor mich erneut ein:
Langsam, Kräfte einteilen, der Lauf ist noch lang!


Die Mühen der Ebene! Talstation, Verpflegung, den Körper wieder herrichten. Dann ein Dankesgebet an den Planer der Strecke, denn es ging in den Wald, auch hier war die Luft mittlerweile aufgeheizt, aber es gab wenigstens keine Sonne, die Kappe konnte ich abnehmen, den Kopf der frischen Luft aussetzen. Zweifel, ob das Dankesgebet nicht verfrüht war, tauchten auf, denn einige recht flache Passagen wurden abgelöst von weiteren Anstiegen, diese sind verglichen mit den vorherigen ein Furz im Ozean, aber die Beine waren halt nicht frisch, und da fallen auch leichtere Anstiege schwer.

Ab hier begegnete ich wieder einigen der Durchgängig-Läufer, die ich auf alle Zeiten entschwunden gewähnt hatte. Der Erste lehnte an einem Baum, dem er Schwall um Schwall eigenproduzierten Düngers zukommen ließ. Andere, denen vorher keine Steigung zu steil war, gingen nun bereits bei kaum wahrnehmbarer Veränderung der Wasserwaage, und wieder andere gingen generell. Auch ich - Langsam, Kräfte einteilen, der Lauf ist noch lang! – ging, wenn mir die Steigung zu viel wurde (und „viel“ fing nun viel früher an als am Beginn des Laufes), dennoch mutierte ich fast zum Durchgängig-Läufer. Auch in den Flachpassagen ließ ich mein Tempo nicht schneller werden als bei normalen Trainingsläufen. - Ab km 38 war dann jeder einzelne km ausgezeichnet, vorher nur alle 5 km. Der Nachteil dieser letzten km war: Sie gingen durch den Ort und hatten das nicht, was am segensreichsten gewesen wäre, nämlich Schatten. „High noon“ war vorbei, die Hitze näherte sich ihrem Höhepunkt, und im Ort wurde sie noch von Straßen und Häusern reflektiert.


Dann passierte es doch noch, ca. 1 ½ km vorm Ziel. Ich schwör’s: Vorher hatte ich auch nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet, war ausschließlich in Abwandlung des Gore’schen Mottos gelaufen: No ranks, no times! Nun aber sah ich erneut einen langsamer werdenden Läufer vor mir, der mich irgendwann beim Aufstieg überholt hatte und den ich aufgrund seines grauen Bartes und der Gesichtszüge als der Altersklasse M60 zugehörig eingeschätzt hatte. Genau dieser tauchte nun vielleicht 100 m vor mir wieder auf.

Na und? Ich will DURCHKOMMEN, und da bin ich bald am Ziel. – Ja aber, wenn der nun wirklich meine Altersklasse ist? Und ganz kurz VOR mir im Ziel? Da ärgere ich mich doch später schwarz. Ey, mehr als 1,5 km können’s nicht mehr sein. Da muss ich mich noch mal vielleicht 7 Minuten anstrengen. – Ey, geht doch! Und wie der Abstand kürzer wird, den pack ich, aber locker. Danach kann ich ja wieder langsamer machen. So, schon vorbei! Nun noch etwas Abstand zwischen uns bringen. Nur bis da vorn lauf ich noch in dem Tempo weiter. - Also, jetzt noch abbremsen wär aber auch doof! Weit isses nicht mehr. – Puh, ist das scheißheiß! Runter mit der Mütze, iss ja nicht auszuhalten. - Da vorne ist schon der Eingang zum Sportplatz. Ham die hier ne Fußbodenheizung oder was? Das wird ja immer stickiger. Da ist endlich der Start- und Zielbogen. Wie war das? „Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.“ Ne, lieber Dante, diesmal sind wir noch entkommen und heil zurück!


Jauchzet! Frohlocket! – Nein, nichts dergleichen. Ich verspürte nur Erschöpfung, eine wohlige Schlaffheit, endlich konnte die Anspannung sich lösen! Nicht mehr sich selbst vorwärts treiben, einfach nur sich hängen lassen! Meinem vermeintlichen AK-Konkurrenten hatte ich noch etwa 200 m abgenommen. Natürlich gehörte er auch nicht der AK M60 an, sondern lief gar noch in der M45. Sei’s drum! Diese Schlussbeschleunigung führte jedenfalls dazu, dass ich noch klar unter 4:20 h blieb und mit 4:18:56 h um knapp 1 ½ min schneller war als bei meinem langsamsten, dem Zermatt-Marathon, bei dem genau die gegenteiligen Bedingungen geherrscht hatten (Temperatursturz und Schneeregen auf 3000 m).

Den Lauf beendeten 161 Läufer und Läuferinnen.
Ganze 3 blieben unter 4 h, der schnellste mit 3:30:56 h.
46, das sind 29%, konnten unter 5 h finishen,
3 der Läufer kamen nach über 7 h ins Ziel und wurden trotz Überschreitung der offiziellen Schlusszeit noch gewertet.
Meine Taktik war insgesamt richtig, denke ich, denn letztlich war ich dadurch noch bis auf Gesamtplatz 10 durchgerutscht, wenn auch nicht geplant, so doch als netter Nebeneffekt.

Egal, ob 3:30 oder 7:17 oder irgendwo dazwischen, ich denke, jeder, der in diesem Marathon das Ziel erreichte, hat eine unglaubliche Leistung unter schwierigsten Bedingungen vollbracht und wird den Lauf wohl zu den denkwürdigsten seiner Sammlung zählen.


Ein Wermutstropfen und ein wunderbarer Abschluss Meine Frau war im Hotel geblieben. Dorthin fuhr ich, duschte, und gemeinsam fuhren wir zum Zielbereich zurück. Wir hatten vor, die Siegerehrung abzuwarten und dann im Hotel das Viertelfinalspiel Deutschland – Argentinien zu verfolgen. Auf Rückfrage hieß es, unmittelbar nach Zielschluss um 15.30 Uhr würde zügig die Siegerehrung durchgeführt. Man baue aber auch eine Leinwand auf, auf der gemeinsam das Spiel angesehen werden könne. Mit 20 min Verspätung begann die Siegerehrung schließlich, allerdings erst mit dem 2/3-Marathon. Dessen Teilnehmer waren mit den Marathonis gemeinsam gestartet worden. Gemächlich wurde AK um AK aufgerufen.

Wir hatten umdisponiert und schauten hier mit den anderen Sportfreunden das Spiel, es herrschte freudige Erwartung bei allen und eine tolle Atmosphäre mit Spaß am Sport. Selbstverständlich wurden die Tore bejubelt, aber fair das Geschehen kommentiert. Wohl so in der 30. Spielminute hörte ich meinen Namen, als meine Altersklasse endlich dran war. Ich bin sitzen geblieben und habe weiter dieses ausgesprochen tolle und spannende Spiel verfolgt. Wer, außer ein paar miesepetrigen Nörglern, hätte auch nur eine einzige Spielminute getauscht gegen einen Klumpen Käse?

Um den Kreis zu schließen: In der Göttlichen Komödie wird geschildert, wie es den jeweiligen Sündern in der Hölle ergeht. Im neunten Graben der Inneren Hölle sitzen die Zwietracht-Säer. Ihr Schicksal ist es, dass sie sich selbst unablässig – und jetzt wortwörtlich – zerreißen müssen, noch unterstützt durch einen wilden Teufel mit scharfem Schwert.

„Sieh Alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Aergerniß und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.“


Bernd
__________________

Bericht eines Rekordes, in der Verfilmung von MegaCmRunner

Infos zum Laufen und Vereinsgedöns gibt's auf www.sgnh-la.de
burny ist offline  
Alt 07.07.2010, 14:43   #2
3fach
fast abgelaufen
 
Benutzerbild von 3fach
 
Im Forum dabei seit: 04.06.2007
Ort: Rheinhessen
Beiträge: 6.374
Standard

Gut, dass du den so klug zurückhaltend auf "Durchkommen" gelaufen bist.

Die Zeit ist unter diesen Bedingungen auch großartig, Gratulation!

Danke fürs mitnehmen, der Bericht ist (wie immer) prima geworden!

Viele Grüße,
3fach
__________________


Rheinhessen, jetzt bist du gefragt: km-Spiel

Some say there's no magic formula. I say there is. It's just that the magic is different for everyone. Keith Dowling
3fach ist offline  
Alt 07.07.2010, 15:05   #3
Domborusse
 
Benutzerbild von Domborusse
 
Im Forum dabei seit: 09.05.2009
Ort: Köln
Beiträge: 878
Standard

Super klasse dein Bericht!!
Muss noch an unserem Urlaub im Allgäu denken: als wir in Oberstaufen wanderten und ich schon ordentlich am pumpen war, überholte mich auf einer Mördersteigung ein Läufer. Ich hatte mehr als Respekt!!
Obwohl die Temperaturen und das Geländeprofils eher an Dantes Inferno erinnern: Respekt wie du das gemeistert hast!!
Gruß
Domborusse
(dem alles über 50 Höhenmeter imponiert, da es mehr in der rheinischen Tiefebene nicht gibt )
__________________
Die beliebtesten Diagnosen der Orthopäden:

"Da ist nix"
"Das ist nicht schlimm"
"Das haben viele"
"Da kann man nix mehr machen"
Neu hinzu: "Ja, wir werden alle nicht jünger!"
"Dat krieje me wieder hin!!!"
UND: "Das ist in 2 Wochen wieder weg!"
Domborusse ist offline  
Alt 07.07.2010, 15:42   #4
Angie
 
Benutzerbild von Angie
 
Im Forum dabei seit: 23.03.2006
Beiträge: 2.777
Standard

Mich zog zunächst der Titel deines threads an, da ich eine Assoziation mit meinem Lieblingsfilm damit verbinde
Nach Lektüre deines eindrucksvollen Berichtes muss ich gestehen, dass deine Schilderungen durchaus mit dem Drehbuch des Films mithalten können, was Brutalität und Dramatik angeht
Ich sage nur: Ihr seid alle TIERE
Angie (die sich nach wie vor den "Quickies" verschrieben hat)
__________________
What was hard to suffer, is sweet to remember.Seneca



Angie ist offline  
Alt 07.07.2010, 16:05   #5
schauläufer
Teuflisch schnell, vor allem wenn's drum geht das was schiefläuft
 
Benutzerbild von schauläufer
 
Im Forum dabei seit: 20.10.2009
Ort: Ländle
Beiträge: 900
Standard

Gratulation auch von meiner Seite.

Da ich die Gegend recht gut kenne, kann ich deine Leistung gut nachvollziehen. Bei der Mörderhitze einen Aufstieg über den Imberg zum Hochgrat allein hat es schon in sich.

In meinem Gehirn spukt schon seit längerem der Hochgratberglauf am 5.09.10 herum. Dort geht's da ja die 850HM von der Talstation nur aufwärts. Aber obwohl meine Hausstrecke auch etliche Höhenmeter aufweist bin ich mir noch nicht ganz sicher ob ich's anpacken soll.

Grüße aus dem Ländle
Klaus
__________________
M 03:34:37, HM 1:34:55, 10 km 42:19, 10 Meilen 01:15:04, 6-Stunden 61,994 km, 50 km mit 1000 HM, 4:39:03

Geplant 2012:
- 12.05. Rennsteiglauf Supermarathon
- 2.06. Schefflenzer Ultralauf 50 km
- 23.06. 12-Std.-Lauf Schmiden??
- 28.07. Swiss Alpine K 78

Es gibt keinen lähmenderen Irrtum als den, eine Zwischenstation für das Ziel zu halten,
und an einem Rastplatz zu lange zu verweilen.
Sri Aurobindo, Kaskaden des Lichts
schauläufer ist offline  
Alt 07.07.2010, 21:39   #6
AndreaKA
 
Benutzerbild von AndreaKA
 
Im Forum dabei seit: 17.08.2009
Ort: Karlsruhe
Beiträge: 716
Standard

Mal wieder super gemacht !!! Super gelaufen und super geschrieben !!! Gratulation !!!
Beim Lesen leidet man förmlich mit. Ich kenne die Nagelfluhkette vom Wandern ... an Laufen denke ich da nicht, ich würde über die erste Wurzel stolpern !!!

Freu' mich schon auf den nächsten Bericht !!!

Viele Grüße
Andrea
AndreaKA ist offline  
Alt 07.07.2010, 22:53   #7
cosmopolli
 
Benutzerbild von cosmopolli
 
Im Forum dabei seit: 15.09.2008
Ort: Bodensee
Beiträge: 907
Standard

Genialer Bericht!
Wow, der baut auf nach dem Ergebnis gegen Spanien gerade eben!

Die Nagelfuhkette kenne ich auch nur vom Wandern bzw. Freeriden - aber zum Laufen will ich da auch mal hin.

Gruß
Olli
cosmopolli ist offline  
Alt 07.07.2010, 23:13   #8
uli.g.
Gast
 
Beiträge: n/a
Standard

Da sitz´ ich nun - nachtwindumweht - im Garten vor einer Akte und einem kreuzdämlichen Schriftsatz/ Vertrag, der bis morgen fertig sein muss! Im Haus herrscht die Kollektivdeprie - Frau und Kinder - Ausnahme: der Hund; der stammt aus SPANIEN! - und schaue noch kurz in´s Forum; und hab´ im Kopf die Grosspanik vor dem, auf was ich mich da am Samstagmorgen einlassen werde Ich gratulier´ Dir ganz heftig für Deinen sehr clever "getimeten" Lauf! Aber für meine Generalparanoiapanik vor Zermatt war das GAR NICHT GUT ZU LESEN!!! Gratulation und herzliche Grüße aus´m äußersten Südwesten!

LGUli
 
Alt 08.07.2010, 08:24   #9
acaffi
 
Benutzerbild von acaffi
 
Im Forum dabei seit: 14.07.2007
Ort: Aachen
Beiträge: 2.421
Standard

Oh Mann Bernd,

ich glaube du hast die Tipps zum Hitzelaufen nötiger gebraucht als ich . Ein wirklich mitreißender Bericht, ich habe mit dir gelitten. Und auch mein für diese Leistung.

Meinen Glückwunsch

Achim
__________________
Man muß das Unmögliche so lange anschauen,
bis es eine leichte Angelegenheit ist.
Das Wunder ist eine Frage des Trainings.

Carl Einstein
acaffi ist offline  
Alt 08.07.2010, 20:26   #10
burny
Mal sehen!
 
Benutzerbild von burny
 
Im Forum dabei seit: 07.06.2007
Ort: Grevenbroich
Beiträge: 3.293
Standard

Zitat:
Zitat von 3fach Beitrag anzeigen
Die Zeit ist unter diesen Bedingungen auch großartig, Gratulation!
Danke! Ich denke, das, was ich zunächst an Zeit mehr gebraucht habe, hat mir am Ende die Kraft gegeben, das Tempo zu halten und sogar nochmal einen kleinen Schlussspurt hinzulegen.

Zitat:
Zitat von Domborusse Beitrag anzeigen
Domborusse
(dem alles über 50 Höhenmeter imponiert, da es mehr in der rheinischen Tiefebene nicht gibt )
Ja, das stimmt, mein "Höhentraining" (Grevenbroich) konnte ich auch nur an einer aufgeschütteten Abraumhalde machen. Leider ist das vergleichsweise flach oder wenn steiler, dann sehr kurz.

Zitat:
Zitat von Angie Beitrag anzeigen
Mich zog zunächst der Titel deines threads an, da ich eine Assoziation mit meinem Lieblingsfilm damit verbinde
Das war auch meine Assoziation .

Zitat:
Zitat von schauläufer Beitrag anzeigen
In meinem Gehirn spukt schon seit längerem der Hochgratberglauf am 5.09.10 herum. Dort geht's da ja die 850HM von der Talstation nur aufwärts. Aber obwohl meine Hausstrecke auch etliche Höhenmeter aufweist bin ich mir noch nicht ganz sicher ob ich's anpacken soll.
Wenn du steilere und nicht ganz so kurze Anstiege hast, ist das eine gute Vorbereitung. Aus meiner Sicht wäre ein langgezogener Anstieg, 10 - 15%, 500 m oder mehr, ideal, um sich auf den Lauf vorzubereiten. Ich drück dir die Daumen.

Zitat:
Zitat von AndreaKA Beitrag anzeigen
ich würde über die erste Wurzel stolpern !!!
Davor hatte ich auch etwas Angst und bin sehr konzentriert gelaufen, um nicht hinzufallen.

Zitat:
Zitat von cosmopolli Beitrag anzeigen
der baut auf nach dem Ergebnis gegen Spanien gerade eben!
Ja, das ist schade, aber es hat halt nicht (noch nicht?) sollen sein, und Spanien war eben besser.

Zitat:
Zitat von uli.g. Beitrag anzeigen
Aber für meine Generalparanoiapanik vor Zermatt war das GAR NICHT GUT ZU LESEN!!!
Ich habe Zermatt zwar auch als hart in Erinnerung, aber das Laufen dort war für mich stetiger, es geht ja auch nur einmal zwischendrin ein bisschen weiter runter. Außerdem ist der Kurs durch die Verlegung des Ziels etwas entschärft worden. Bei der Premiere lag das Ziel noch auf über 3.000 m Höhe am Gornergrat.

Zitat:
Zitat von acaffi Beitrag anzeigen
Oh Mann Bernd,
ich glaube du hast die Tipps zum Hitzelaufen nötiger gebraucht als ich
Du hast recht, die kompakte Zusammenstellung war noch mal ganz hilfreich.
Wie ist es dir denn ergangen, Achim? Dein HM müsste doch auch schon gewesen sein, oder nicht?

Bernd
__________________

Bericht eines Rekordes, in der Verfilmung von MegaCmRunner

Infos zum Laufen und Vereinsgedöns gibt's auf www.sgnh-la.de
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