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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der Ultracup 2009 ist zu Ende, Abschlussrennen 6 Stunden in Schwechat am 10.10.2009



katzie
24.10.2009, 21:50
Es ist nicht alles eitel Sonnenschein, kanns auch gar nicht sein. Aber schon wieder Regenwetter? Was hab ich bloß verbrochen? Daran, dass ich meinen Teller nicht brav leer gegegessen habe, kann es wohl nicht liegen, immerhin neige ich dazu, den Teller sogar abzuschlecken, wenn es was besonders Feines gibt (und ich mich unbeobachtet fühle). Das hat sich auch wieder auf meinen Hüften bemerkbar gemacht und die mühsam im Frühjahr abgespeckten Kilos sind zum Teil wieder auf meinen Hüften gelandet. Naja, ich betrachte das als Jahresringe und immerhin werde ich im Ultra Cup in der Klasse "DAMEN BIS 50 JAHRE" gewertet. Da muß ich doch nicht mehr aussehen wie eine 19jährige Birke. Und steirische Eichen haben ja auch ihren Charme...

Wie immer etwas Vorgeplänkel: Die Übersiedelung in die neue Wohnung ist Mitte September fast abgeschlossen und ich bereite mich schon mental auf den Start in drei Wochen in Schwechat vor, als eine Blockade in den Bandscheiben und eine Blaulichtfahrt mit der Rettung ins Krankenhaus mich den Plan noch einmal überdenken lassen. Aber vierzehn Tage, einige Injektionen und eine Unzahl an Therapien mit Ultrakurzwelle und noch allerlei Neuheiten der Medizintechnik später kann ich den Krankenstand beenden. Und wenn ich wieder arbeiten kann, dann kann ich auch wieder laufen!

Na gut, so richtig wie laufen sieht das noch nicht aus, eher vorsichtiges Schleichen, aber ich bin schon angemeldet und am 09. Oktober gibts noch eine letzte Vorbesprechung mit Papa in Graz, dann fahren wir im Morgengrauen des 10. Oktober nach Schwechat.

Lustigerweise befindet sich das Stadion, wo wir starten und ins Ziel laufen werden, in Rannersdorf und das ist bei Himberg und das ist - ja, genau! Dort, wo der Motorradclub ist, wo ich früher Mitglied war! Ich schwelge in Erinnerungen und wäre beinahe falsch abgebogen, denn automatisch zieht es mich auf die alten Pfade. Aber zum Glück gibts eine Hinweistafel und ein junger Mann in gelber Weste, der wagemutig vor mein Auto hüpft, holt mich wieder in die Ultralauf Realität zurück.

"Teilnehmer am Lauf?" will er wissen.

"Ja. Wo sollen wir hinfahren?" und wir lassen uns auf einen Parkplatz einweisen. Dort stelle ich meinen parkfreudigen Stadtflitzer gleich in ein passendes Eck, weil Papa schon ausgekundschaftet hat, dass die Laufstrecke genau dort vorbeiführen wird.

Startnummer abholen und Startgeld einzahlen, ich bin etwas verwirrt. Hier gibt es keine "Betreuer" Kärtchen für die Betreuer und Startsackerl gibts auch keines. Aber Finishersackerl. Nachher halt, logisch. Auf Nachfrage, wie man denn verhindern will, dass auch völlig Unbeteiligte am Läuferbuffet sich und die gesamte Familie versorgen, werde ich aufgeklärt, dass es hier in Schwechat nicht so streng gehandhabt wird. Immerhin ist das ein Läuferfest und kein reiner Ultralauf. Mit dieser Einstellung scheinen die Veranstalter recht gut zu fahren, mir solls recht sein.

Ich mache es mir noch ein paar Minuten auf der Liege im Auto bequem, während Papa alles für den Lauf herrichtet. Das Wetter ist trübe, aber noch trocken. Als ich mich endlich für den Lauf umkleide und gerade dabei bin, meine Kompressionsstutzen anzuziehen, fallen plötzlich schwere Tropfen. Papa will alles ins Auto räumen, aber schnell habe ich das Vorzelt gefunden und in nicht einmal drei Minuten steht das Ding, befestigt an einem Alleebaum und einem Halteverbotsschild. Da kann auch der Wind nichts anstellen, das hält bombenfest (bis auf den Saugnapf am Dach, der hat sich mit einem sanften "Plopp" gleich wieder gelöst). In der kurzen Aufregung ist es auch völlig untergegangen, dass ich diesmal zwei rechte Stutzen anhabe. Naja, besser als zwei linke. Der Hintergrund ist leicht erklärt: Ich besitze zwei Paar CEP Kompressionsstutzen, davon ist ein Paar schon etwas älter. Nun neigt aber die gewöhnliche Läufersocke dazu, mit der Zeit etwas zu ergrauen. Speziell, wenn man so wie ich die Gewohnheit hat, sie ab und zu mit der dunklen Wäsche mitzuwaschen. Beim Regenwetterlauf in Grieskichen habe ich es allerdings geschafft, mit meinen nagelneuen makellosen weißen Stutzen in eine ordentliche Dreckpfütze zu latschen und jetzt ist der linke Stutzen auch schon ziemlich grau. Nach dem Waschen habe ich die farblich passenden Stutzen zusammengelegt und siehe da: in Schwechat hatte ich plötzlich zwei Stück "rechts" in meiner Tasche!

Ich beschließe, die Tatsache zu ignorieren, dass ich zwei rechte Stutzen anhabe, den rechten Fuß habe ich ohnehin noch dick mit Pflaster verklebt, da ich mir vor einigen Tagen eine Porzellanscherbe von meinem zersplitterten Waschtisch eingetreten und diese nur teilweise wieder aus dem Fuß herausbekommen habe. Trotzdem - oder vielleicht gerade weil diesmal einiges im Vorfeld schief gelaufen ist, bin ich guter Stimmung. Und außerdem steht der Mond gerade im Zeichen Zwilling und ich bin im Sternzeichen Zwilling.

Papa und ich besprechen noch einen ungefähren Ess- und Trinkmarschplan (den ich erfahrungsgemäß wieder umwerfen werde, sobald ich unterwegs bin) und dann geht es an den Start ins Stadion. Der Rennverlauf ist in Schwechat sehr interessant, denn die ersten 5 1/2 Stunden läuft man auf einer großen Runde, die letzte halbe Stunde nur noch im Stadion. Bei rund 100 Startern kann man sich da auf ein ordentliches Gewurle vorbereiten.

Ich starte langärmelig, denn es nieselt noch immer. Aber schon nach drei Runden merke ich, dass mir warm wird und rufe Papa zu, er soll mir das kurzärmelige Shirt zuwerfen. Im vollen Lauf übernehme ich das Shirt und ziehe mich um. Keine Gefahr von Paparazzis, denn die Strecke ist um diese Uhrzeit noch völlig verwaist. Nur im Stadion stehen ein paar frierende Betreuer und das ändert sich erst, als es aufhört zu regnen.

Im Stadion wird aktuelle Musik gespielt, auf der Laufstrecke außerhalb des Stadions steht ein Lautsprecher, der eine CD in der Dauerschleife spielt. Ich laufe das erste mal vorbei: "come on, lets twist again", in der nächsten Runde sind es "blue suede shoes", danach "tutti frutti" (heißt das Lied im Original so? Mir bleibt nur das "wo babaduba a wo bäng bum" im Kopf) und schließlich noch Gloria Gaynor mit "I will survive" und ich versinke in Gedanken über die Emanzipationsbewegung. Dann beginnt es wieder mit "Come on, lets twist again" und es ist ein wenig wie in Wals, nur dass dort die Musik moderner war.

Eigner Leopold legt heute ein ordentliches Tempo vor, er ist in Grieskirchen ein super Ergebnis gelaufen und will an dieses heute anschließen, teilt er mir noch mit und schon ist er wieder weg. Pauline Moshammer überrundet mich. Und Ingrid Bandel natürlich auch. Pfützen stehen auf der Strecke, aber diesmal nehme ich das feuchte Wetter nicht persönlich, sondern laufe gleichmütig vor mich hin.

Am Freitag waren Papa und ich noch beim Sport Eybl in Graz, wo die Läufer des Grazer Marathon ihre Startnummern abholten und noch einen kurzen Gesundheits-check machen konnten. Da wir gerade etwas Zeit hatten, habe auch ich so einen Check gemacht. Ein Orthopäde war auch vor Ort, der meinen gewaltigen Hallux Valgus angesehen und mich gefragt hat, ob ich Schmerzen hätte. "Nein, gar nicht" habe ich ihn angelogen und er hat wenig überzeugt gemeint, "da haben Sie aber verdammtes Glück...!" Daran muß ich jetzt denken, denn bei jedem Schritt knackt mein Zehengrundgelenk und des klingt, als ob die Sohle meines Laufschuhes lose wäre. Ein Läufer, den ich überhole, hört das Geräusch und schaut irritiert auf meine Schuhe. Ich weiß, was er denkt und grinse still in mich hinein, während mein Hallux Valgus scheußlich weh tut. Aber das tut er öfter mal einfach so ohne Grund, also alles wie immer.

Da ich ohne MP3 Player laufe, lausche ich ab und zu den Gesprächen anderer Läufer und manchmal schnappe ich nur Gesprächsfetzten auf, aus denen ich dann im Geist Geschichten schmiede. So vergeht die Zeit wie im Flug und schon sind 1 1/2 Stunden vergangen und Papa hält mir das erste Stück Powerbar hin. Ich mampfe es dankbar.

Ein Mitarbeiter des Orga Teams fegt mit einer breiten Straßenkehrerbürste die Pfützen von der Strecke, denn es hat mittlerweile aufgehört zu regnen. Papa kommentiert jedes Vorbeikommen von mir mit "super, passt!" und erhobenem Daumen und irgendwie ist heute alles ganz entspannt. Die Strecke ist fast eben, nur eine leichte Steigung hinter dem Parkplatz von etwa 1 Meter Höhe und natürlich ein Niveauunterschied zwischen Stadion und Straße von etwa 1 Meter Höhe wollen jede Runde überwunden werden.

Mein Rücken macht sich nach etwa drei Stunden bemerkbar und ich bekomme dezente Panik, denn die brutalen Schmerzen der Blockade von vor knapp drei Wochen steckt mir noch ziemlich in den Knochen. Ich stelle meinen Laufstil von forschfröhlich auf vorsichtig um und versuche, nicht allzusehr im Tempo einzubrechen. Papa fragt mich, ob ich ein Powergel nehmen will und ich äußere die Bedenken, dass selbiges mir recht rasch wieder aus dem Gesicht hüpfen könnte, denn mein Magen zeigt sich gerade von der rebellischen Seite. Meine Wortwahl erheitert zwei zufällige Ohrenzeugen am Streckenrand und die denken sicher, bei meinem Trödeltempo ist leicht Blödeln!

Pacher Dominik überrundet mich ein ums andere Mal und tippt mir immer im Vorbeilaufen leicht auf die Schulter oder auf den Rücken, damit ich mich nicht allzusehr schrecke. Dominik läuft leise wie eine Katze, man hört ihn nicht kommen. Und plötzlich taucht er im Augenwinkel auf, da kann man sich schon mal schrecken. Aber zum Glück macht er sich kurz vorher immer bemerkbar. Ich schaue ihm gern hinterher, wenn er leichtfüßig davon eilt und wünsche ihm in Gedanken einen guten Lauf, immerhin ist er einer der jüngsten Ultraläufer in Österreich und hat noch einiges vor, wenn man seine Homepage liest.

Eine kurze Plauderei mit Harquel Thierry lenkt mich von meinen Sorgen um den Rücken ab, aber Thierry hat wieder Probleme mit seiner Hüfte und so bleibt er schließlich zurück und ich drehe wieder allein meine Runden.

Christine Konrad ist heute für eine Modenschau gut, sie ändert fast jede zweite Runde ihr Outfit. Da ihr Wohlfühltemperaturfenster recht klein ist, wechselt sie ständig zwischen lang- und kurzärmelig. Es kommt auch wirklich zwischendurch einmal kurz die Sonne durch und ich überlege, dass es mir jetzt doch tatsächlich zu warm werden könnte, denn trotz des kurzärmeligen T-shirts war mir bisher noch nicht kalt. Aber die Sonne narrt uns nur und nur ein paar Minuten später nieselt es wieder.

Der Stadtlauf über 5 Kilometer startet parallel zum Ultralauf und ich bekomme live den vom Sprecher kommentierten Zieleinlauf mit einem Kopf- an Kopf- Fight von Vater und Sohn mit. Die Zuschauer toben. Wir Ultraläufer ziehen daneben weiter unsere Bahnen und auf der 5-Kilometer Strecke finden Interviews statt, das Fernsehen oder zumindest irgend ein Kameramann ist da und die Zuseher schauen uns Ultraläufer eher verständnislos an. Ab und zu hört man auch abfällige Kommentare über unser Tempo. Das fällt auch Hausl Johann auf, der eine Weile mit mir gemeinsam die Runden dreht und mir ein wenig vom 48-Stunden Lauf in Gols erzählt. Eine wirklich tolle Veranstaltung und was er erzählt klingt auch total interessant und fein, aber ich muß gestehen, der 24er in Wörschach reicht mir erst einmal. Schließlich fällt Johann ein, dass er noch ein paar Runden gutmachen muß, um seinen Altersklassenrang zu halten und er zieht davon. Ich laufe weiterhin mein Tempo, unfähig, schneller zu laufen, nicht willens, langsamer zu werden.

In besonderer Erinnerung ist mir auch die jüngste Staffelstarterin geblieben, mit der Nummer 14b und grade mal sechs Jahre alt, die Startnummer ging ihr fast bis runter zu den Knien und tapfer zog sie ihre Runden in der Staffel, stets vorsichtig eingebremst von ihrem väterlichen Begleiter.

Papa reicht mir die Getränke, ich habe diesmal kein so großes Trinkbedürftnis, denn es ist ja nicht besonders warm und ich bin ziemlich gut hydriert in das Rennen gegangen. Ab und zu nehme ich eine Flasche mit Wasser oder Isodrink, manchmal muß ich mich beinahe dazu zwingen, aber ich weiß ja, wie wichtig es ist, genug zu trinken. Zwischendurch sagt mir Papa auch die Ergebnisse, wer führt und wie viele Runden oder Minuten ich hinten bzw. vorne bin, je nachdem ob es jetzt um die Gesamtwertung oder meine Altersklasse geht.

Schließlich ist die letzte halbe Stunde angebrochen. Dominik scheint es nicht so gut zu gehen, er wird von einem Kollegen begleitet, irgendwas passt nicht, aber ich bekomme keine Gelegenheit mehr, das herauszufinden. Thierry wird wieder von seiner schmerzenden Hüfte gequält, Leopold hat das Tempo etwas gedrosselt, ist aber nach wie vor super unterwegs und Ingrid Bandel und Pauline Moshammer liefern sich kein eisernes Gefecht mehr, sondern haben beschlossen, diesmal ex aequo zu finishen. Die Zuschauer im Stadion sind zahlreicher geworden, es wird angefeuert, geklatscht und gejubelt. Die Stimmung ist super, der Stadionsprecher kommentiert einige Läufer, die schon öfter hier gestartet sind und ich muß grinsen, als er meinen Namen falsch abliest. Ein guter Beweis dafür, dass ich hier gänzlich unbekannt bin.

Papa treibt Christine an, sie liegt nur eine halbe Runde hinter der drittplatzierten ihrer Altersklasse und diese Information gibt ihr noch einmal einen Schub. Am Ende sollen es gerade einmal 40 Meter sein, die Christine den dritten Platz bringen und ihrer Altersklassengenossin die "Holzmedaille".

Die Sirene ertönt und ich bleibe stehen, Papa hat die letzten Runden im Stadion in heller Aufregung verbracht, hat Fotos im Start-Ziel Bereich von mir und auch von Christine gemacht, hat unsere Platzierungen angesehen und uns mitgeteilt und jetzt eilt er mit der silbernen Wärmefolie auf mich zu und ich hülle mich dankbar in das Raschelzeug, während mir eine Geschichte durch den Kopf blitzt, die mir Hausl Johann während des Laufs erzählt hat.

Papa bringt mir einen Teller mit heißer Nudelsuppe, die ich dankbar löffle, während die Restmeter vermessen werden. Ich habe es wieder einmal geschafft,kurz vor der Ziellinie anzuhalten und darf besonders lange auf meine "Erlösung" warten. Aber das ist egal, ich plaudere mit anderen Läufern und beschließe, nicht die Gemeinschaftsduschen zu frequentieren, da vermutlich kein warmes Wasser mehr sein wird, bis ich endlich zum Duschen komme.

Im Auto reinige ich mich vom Schweiß mit den feuchten Waschlappen, die ich immer dabei habe und bin schon mollig warm und trocken umgezogen, als Papa das Vorzelt abgebaut und alles im Auto verstaut hat. Wir fahren zur Körnerhalle, wo die Siegerehrung stattfinden wird und als ersten Preis in meiner Altersklasse bekomme ich eine Medaille.

Der zweite Rang in der Ultralaufcup Wertung 2009 in der Klasse bis 50 Jahre bringt mir einen tollen Pokal mit orangefarbenen und klaren Kunststoffplatten ein, die von LED Lampen beleuchtet werden. Ein toller Pokal, eine super Idee und eine witzige Spielerei. Am Nachhauseweg im Auto diskutieren Papa und ich wieder einmal Trainingsmethoden. Er hält viel vom Tempotraining. Ich gar nichts. Wenn nichts dazwischenkommt, laufe ich nächstes Jahr wieder beim Ultralauf cup mit.

Zwei Tage später gehe ich mit Mama in die Aqualux Therme in Fohnsdorf, um meinen Muskelkater zu ersäufen (Katzen mögen bekanntlich kein Wasser) und nach dem ausgiebigen Bad im warmen Wasser schaffe ich es endlich, die restliche Porzellanscherbe aus meinem rechten Fuß zu ziehen. Allerhand, dass ich mit dem Teil im Fuß sechs Stunden im Kreis laufen konnte!

schoaf
24.10.2009, 22:16
Und steirische Eichen haben ja auch ihren Charme...


das kann ich nur unterschreiben! :-)))

herzliche gratulation und danke für deinen schönen bericht! :daumen:

elcorredor
26.10.2009, 22:12
Hallo Katzie!

Na du bist mir eine: Mit schmerzendem Rücken und scherbenzerschnittenem Fuß einen 6-stünder hinlegen.

Herzliche Gratulation, dass du das Rennen durchgelaufen bist und dir auch noch einen Pokal geholt hast :daumen:.

Gute Erholung wünscht

Wolfgang