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Gutenberg1964

KALT - HART - SCHÖN - Teil 1

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von am 14.02.2012 um 22:35 (674 Hits)
Hallo alle miteinander,

am letzten Wochenende war ich ja in Göttingen bzw. im Harz. Oder besser gesagt, ich war zuerst in Göttingen und bin dann in den Harz gelaufen. Um genau zu sein auf den Brocken. Doch das ist ja bereits bekannt.

Viele fragen sich mit Sicherheit, wie kann man so bescheuert sein und im Februar bei Schnee und Kälte 80 km durch die Lande zu laufen? Ganz einfach! 1. Im Sommer kann das fast jeder und 2. ist die Brocken Challenge eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Startgelder kommen karitativen und gemeinnützigen Organisationen zu Gute. In diesem Jahr ging das Geld zum Beispiel an das Hospiz an der Lutter, den Kinderschutzbund Göttingen und den CVJM Göttingen. Also Laufen für einen guten Zweck!

Zu diesem Zwecke bin ich schon am Donnerstagabend mit dem Zug nach Göttingen zur Trailfüchsin und zum Traildachs gereist. Vielen Dank euch Beiden für die freundliche und überaus herzlich Aufnahme unter eurem Dach. Und natürlich auch das ganze Drumherum in den drei Tagen an denen ich bei euch sein durfte.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am Freitag, sind wir dann zu einem kleinen Auflockerungs- und Beineausschüttelläufchen (8,8 km) aufgebrochen. Ich muß sagen, ich war angenehm überrascht wie hügelig und waldig es in der Gegend um Göttingen ist. Am Nachmittag besichtigten wir dann noch ein paar markante Stellen und evtl. kritischen Abzweigungen auf den ersten 30 km der Laufstrecke. So konnte ich mich schon mal räumlich etwas orientieren und mir einen Überblick über die Streckenbeschaffenheit und die Wegverhältnisse machen. Am Abend dann die verpflichtende Informationsveranstaltung. Dort gab es die neuesten Informationen von den Organisatoren zur Strecke, den Verpflegungspunkten und Stellen, an denen man sich gerne verläuft. Dort traf ich auch auf einen alten Bekannten aus dem Allgäu. Nämlich den späteren Gesamtdritten Matthias Dippacher. Ein bekanntes Gesicht unter 150 Unbekannten.

Am Samstag klingelte dann um 4.00 Uhr der Wecker. Katzenwäsche, Frühstück und Laufrucksack richten und ab nach Göttingen. Dort im Startbereich noch schnell in die Starterliste eingetragen und noch ein paar Worte mit Matthias gewechselt. Die Atmosphäre war sehr entspannt und heiter. Für die Läufer wurde ein Frühstück gereicht und es wurden die letzten Vorbereitungen getroffen. Nach einer kurzen Ansprache von Organisator Markus Ohlef wurden wir (140 Starter) dann um 6.00 Uhr, bei minus 14 Grad Celsius, auf die Strecke geschickt. Das Leitmotto der Challange prangte auf unseren Startnummern: "Kalt - hart - schön". Alle drei Schlagworte sollten sich im Laufe des Tages mehrfach bewahrheiten.

Zunächst ging es durch den Göttinger Wald. Zuerst flach, dann leicht bergab. Entlang der ersten Kilometer hatten die Veranstalter Fackeln in den Schnee gesteckt. Ein sehr schöner Anblick und außerdem eine Garantie, dass man/frau sich nicht verläuft. Wie lautete eines der Schlagwörter? Schön! Ja genau, schöne Idee. Auf diesen ersten Kilometern traf ich auf einen flüchtigen Bekannten (Dietmar), den ich bereits beim Nebelhornberglauf 2010 und beim Allgäu Panorama Ultra Trail 2011 getroffen hatte. Einen blinden Läufer mit seinem Guide. Mit ihnen wechselte ich ein paar Wort und lief dann zügig, weil leicht bergab, weiter. Nach kurzer Zeit überholte mich eine Frau in Barfußlaufschuhen. Respekt! Und um es gleich vorneweg zu nehmen, die ist damit die komplette Strecke durch gelaufen! Bereits nach 6 km wurde ich zum ersten Mal von Trailfüchsin und Traildachs begrüßt. Es war leicht bewölkt und es fing trotz der tiefen Temperaturen ganz zaghaft an zu schneien. Weiter ging es auf so genannten „Rübenschnellwegen“ dem Seeburger See entgegen (km 17). Hier unten am See, im Keller sozusagen, war es gleich noch mal 5 Grad kälter als beim Start. Aus diesem Grund hielt ich es für angebracht, an den Verpflegungen nicht allzu lange zu verweilen und schnell weiter zu laufen. Denn bereits nach zwei Minuten Stillstand war ich so ausgekühlt und mir wurde so kalt, dass ich wieder mindestens drei Kilometer brauchte um einigermaßen auf Temperatur zu kommen. Schade, denn das Personal an den Verpflegungen gab sich alle Mühe die tiefgekühlten Läufer wieder auf zu tauen. Wie bereits erwähnt, kalt eben.

Die folgenden Kilometer, durch das niedersächsische NICHTS vergingen wie im Flug. Es ging über Felder, durch kleine Wäldchen und Ortschaften. Nichts Spektakuläres. In den Ortschaften fiel mein Blick immer wieder auf Schützenscheiben von Preisschießen oder vom Kirmesschießen, die außen an den Häusern angebracht waren. Die Schützenvereine scheinen hier einen sehr starken Zulauf zu haben und die Schützenkönige besitzen offensichtlich auch einen gewissen Stolz den sie gerne zur Schau tragen. Es war immer noch bedeckt, mittlerweile zwar hell, und immer noch schneite es ganz leicht und es war auch immer noch sehr sehr kalt. Das Läuferfeld hatte sich schon stark auseinander gezogen und so kam es, dass ich über weite Strecken alleine unterwegs war. Nur an den Verpflegungs- und Getränkepunkten sammelten sich die Läufer ein wenig. Oft lief man dann in kleinen Gruppen weiter, die sich aufgrund der unterschiedlichen Tempi wieder auflösten oder von schnelleren Läufern eingeholt wurden. So spulte ich Kilometer um Kilometer ab. Alles im grünen Bereich, bis auf die Tatsache, dass durch die permanent sehr tiefen Temperaturen der Tee im Schlauch meiner Trinkblase gefror. Wie schon mehrfach erwähnt, eiskalt eben.

Bei km 30 passierten wir die Rhumequelle, die drittstärkste Quelle Deutschlands. Auch hier das gleiche Bild. Läufer an deren Haaren und Bärten Eiszapfen hingen vom gefrorenen Atem. Auch ich hatte ganz vereiste Wimpern und immer wieder das Gefühl die Tränenflüssigkeit in meinen Augen würde zu Eis erstarren. Kalt halt! Waren die letzten 14 km eher flach und die Strecke zwar schneebedeckt aber fest, ging es nun hügelig weiter, die Schneehöhe nahm zu und die Laufbedingungen vom Untergrund wurden schwieriger. Immer wieder blies uns auf kleinen Anhöhen der frostige Ostwind ins Gesicht, dass ich den Eindruck hatte, mir würden die Gesichtszüge einfrieren. Trotz Laufunterhemd, langärmeligen winddichten Laufunterhemd und langem Winterlaufshirt fror ich so, dass ich zusätzlich meine Armlinge drüber zog und ein zweites Buff um den Hals streifte. Kein Wunder bei minus 15 Grad und ca. 20 km/h Windgeschwindigkeit, fühlt sich das an wie -24 Grad. Hatte ich schon mal erwähnt das es zapfig kalt war! Aber was solls, nur nicht stehen bleiben. Immer weiter wenn man/frau nicht einfrieren möchte.

Bei km 42,5 gab es dann eine sehr nette Überraschung. An der dortigen Verpflegungsstelle wartete das Stummelbeinchen mit einer Tafel feinster Schokolade aus Venezuela . Leider konnte ich gar nichts essen, da ich das Gefühl hatte mein Unterkiefer war eingefroren. Also nur schnell ein Gel und ein Becher waren Tee und weiter. Hinter Barbis begannen nun auch die ersten Ausläufer des Harz. Sprich auf den nun folgenden 10 km, für die ich über 1,5 Stunden brauchte, ging es ständig bergauf. Aber nicht nur das bergauf machte es mir schwer, sondern auch die zunehmende Schneehöhe auf der Strecke. Dieser Schnee lag ca. 20 cm hoch, war durchwühlt und uneben und eigentlich unlaufbar. Ständig auf die paar Meter vor mir konzentriert, bedacht nicht auszurutschen oder umzuknicken stapfte ich Meter für Meter weiter. Nicht umsonst trägt dieser Streckenabschnitt den Namen „Entsafter“. Er zog jedem Läufer den letzten Saft aus den Knochen und auch ich merke, wie die Beine immer schwerer wurden. Trotzdem galt es die Beine ordentlich zu heben um durch den mit jedem Höhenmeter den man vorwärts kam, tiefer werdenden Schnee überhaupt voran zu kommen. Nicht auszudenken, wenn man hier strauchelt, umknickt, fällt und nicht wieder aufstehen und weiterlaufen kann. Innerhalb weniger Minuten wäre aus einem Läufer ein Ötzi, oder besser gesagt ein tiefgekühlter Harzi geworden. Gleichwohl taten sich hier im Harz immer wieder wunderbare Blicke in eine zauberhafte Winterlandschaft auf. Leute ich sage euch, der Harz bietet atemberaubende Ausblicke und Eindrücke. Schön war glaube ich eines der Schlagwörter. Aber gleichzeitig war es auch hart, beinhart. Und natürlich immer noch kalt.

Teil 2 folgt!
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Kommentare

  1. Avatar von hamann35
    Hallo Niko,

    ein toller Bericht der mir wieder zeigt was für eine Wahnsinns Leistung es war das du den gelaufen bist.Freu mich schon auf den zweiten Teil und trinke nun einen Tee irgendwie friert es mich gerade ein wenig ob das wohl an deinem Bericht liegt?

    Grüße

    Rolf
  2. Avatar von Kati_S
    die Dame mit den Barfußschuhen war sicher Sanna Almstedt ? Sie wollte auch den Deutschlandlauf (oder war's Horb-Berlin?) barfuß laufen, komplett ohne Schuhe. Hat sie sich dann aber innerhalb kürzester Zeit anders überlegt ;-)
  3. Avatar von mauki
    Ein Klasse Bericht.

    Die Leistung die du und auch die restlichen Starter vollbracht haben ist echt der Hammer. Wie du schon schreibst, im Sommer kann das jeder.

    Ich kann richtig mirfühlen, war ich ja am Wochenende ja auch 32 KM laufen, aber nicht bei der Kälte. Wenn ich denke ich müsste das 2 1/2 mal laufen. Ne danke

    Freu mich auf den zweiten Teil.
  4. Avatar von Thomas7
    Hi Niko, wieder mal ein sagenhafter Lauf von Dir. Danke für den Bericht, duch den man das so schön mitempfinden kann
  5. Avatar von Ranya Run
    Hallo Gutenberg64 :winkt: !

    Ein toller Bericht - Wahnsinn!
    Schierke, der Brocken - alles kenne ich aus meiner Kindheit,
    da war das Höhenverhälnis Kind-Schnee eh groß, aber du
    rennst da auch noch auf Zeit lang...
    Klasse - und du mußt irre sein... :-) - ich meine das im positivem
    Sinn!
    Deine Berichte sind immer ein kleines Erlebnis für sich!
    Danke Dir :-)

    Liebe Grüße -Nicole-
  6. Avatar von Knirschknie
    Ja, Wahnsinn... Bei der Kälte - da MUSS man einfach TOTAL IRRE sein, völlig sozusagen... Aber ich persönlich finde das nicht schlimm... Mache ja auch gern verrückte Sachen mit. Aber für 80 km - da bin ich noch nicht fit für. Ich würde aber schon gerne mal mitlaufen, ist ja für nen guten Zweck. Stellt sich mir nur die Frage, wie man für so was irres trainiert. Klar, immer schön zum Brocken fahren und hochlaufen... Das wäre doch perfekt... Und natürlich immer schön laaaaange laufen...

    Naja, das bleibt wohl noch ein Traum...

    Liebe Grüße,
    Knirschknie

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