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Gutenberg1964

Zurück zum Start - Tag 1

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von am 03.05.2012 um 12:43 (706 Hits)
Donnerstag, 5.4.2012: Um 5.00 Uhr klingelt der Wecker. Heute startet mein großer Lauf. Voller Vorfreude hüpfe ich aus dem Bett. Doch ein Blick aus dem Fenster ernüchtert mich schnell. War es in den letzten Wochen sonnig und warm mit frühlingshaften Temperaturen, zeigt sich heute das Wetter von seiner hässlichen Seite. Windig, kühl und tiefhängende Wolken versprechen nichts Gutes. Naja, das kann ja noch werden. Also Frühstück, Morgentoilette und Rucksack packen.

Um 7.10 Uhr stehe ich auf dem Marktplatz und drücke die Starttaste meiner Uhr. Ab jetzt geht es auf Nebenstraßen, über Feld- und Waldwege immer in nordwestlicher Richtung rund 170 km weit in die Heimat. Ich trabe langsam los. Für den heutigen Tag habe ich mir mindestens 65 km vorgenommen. Also nicht zu schnell angehen, die Kräfte sollen ja bis zum Abend reichen. Auf den ersten Kilometern bewege ich mich auf vertrautem Terrain. Diese Wege bin ich in den letzten Jahren schon gefühlte tausendmal gelaufen. Hier kenne ich jeden Stein und doch laufe ich mit wachsamen Augen durch die Flure. Immer wieder halte ich an um besonders schöne Ausblicke, Feldkreuze und einen kleinen Wasserfall zu photographieren. Bereits nach 7 km fallen die ersten vereinzelten Regetropfen die ich aber ignoriere. Wie gemütlich ich unterwegs bin sieht man an der Tatsache, dass ich für die ersten 9 km eine ganze Stunde benötige. Nach 12,5 km erreiche ich die Wallfahrtskirche „Maria Steinbach“. Eine wunderschöne Kirche die 1755 im Stil des Rokoko umgebaut wurde und reich ausgeschmückt ist. Ein kurzes Besuch und ein stilles Gebet nutzte ich zur inneren Einkehr.

Nach 2 Stunden und 45 Minuten bzw. 21 km ändere ich zum ersten Mal meine geplante Route ab. In Aitrach laufe ich nicht um das Dorf herum, sondern geradeaus durch. An einer Bäckerei mache ich Rast, gönne mir ein zweites Frühstück, fülle meine Trinkblase nach und packe noch etwas Proviant (Butterbrezel) ein. Bis jetzt läuft es sehr gut obwohl es immer noch leicht tröpfelt. Die Beine sind frisch und die Strecke gut zu laufen. Ab km 25 habe ich das Gefühl die Wolken hängen tiefer und der Regen wird stärker. Einige male muß ich auf Verbindungsstraßen ausweichen. Hier laufe ich zu meiner Sicherheit und um den Verkehr nicht zu gefährden im Grünstreifen neben der Fahrbahn. Bei dieser Gelegenheit fällt mir mal wieder auf, wie unachtsam doch einige Mitmenschen mit ihrem Müll umgehen. Da liegen leere Flaschen, Plastikverpackungen, Zigarettenschachteln, McDonalds Tüten und Pappbecher an Straßenrand. Das nimmt man aus dem Auto heraus oft gar nicht so wahr, wie dreckig manche Straßenabschnitte sind. Unglaublich was da so alles aus den Autos fällt!

Nach 4 Stunden und 20 Minuten, bei Km 33, erreiche ich Rot an der Rot. In der Zwischenzeit ist der Regen noch heftiger geworden und ich nutze einen Besuch in der dortigen Klosterkirche St. Verena um meine Regenjacke anzuziehen. Auch diese Kirche ist ein wunderschöner sakraler Bau der reich ausgeschmückt ist und über ein sehr detailliert geschnitztes Chorgestühl und wunderschöne Fresken verfügt. Es ist schon beachtlich welchen Aufwand frühere Generationen betrieben haben um ihrer Gottesverehrung Ausdruck zu verleihen. Auf jeden Fall lasse ich die Stimmung auf mich wirken und tanke neue Kraft.
Leider bricht hier in Rot mein GPS-Track auf dem Navi ab. Durch den Regen auf der Brille und dem Display habe ich eine Warnmeldung übersehen, die falsche Taste gedrückt und den Track gelöscht. Na prima. Jetzt kann ich die restlichen 140 km nur nach Karte laufen. Das kann ja heiter werden. Es wird aber nicht heiter, sondern eher noch trüber und der Regen findet kein Ende. Zu allem Überflüß habe ich irgendwann beim ab- und auf des Rucksacks meine Salztabletten und die kleine Vaseline, die ich einer offen Meshtasche verstaut hatte, verloren. Was habe ich nur angestellt dass ich so bestraft werde? Naja, alles Jammern hilft nichts. Ich muß weiter. Und es geht weiter, aber wie!

In einem weitläufigen Waldstück nach Rot verlaufe ich mich prompt. Im Gewirr der vielen Querwege und Gabelungen habe ich total die Orientierung verloren. Mit Hilfe der Karte, auf der viele der kleinen Waldwegchen gar nicht eingezeichnet sind, dem Navi, auf dem auch viele Pfade nicht erscheinen, und dem Kompass orientiere ich mich nach Himmelsrichtung und suche meinen Weg aus dem Wald. Das ganze wir erschwert durch die Tatsache, dass viele Wege durch den Regen total aufgeweicht und morastig sind. Oft muß ich umkehren und mir neue Wege suchen, weil ich einfach nicht weiter komme. Es regnet immer noch ununterbrochen und nach gefühlten Stunden stehe ich am Waldrand und atme erstmal auf. Aber wo bin ich? Wo geht es weiter? Wie viel Zeit habe ich verloren? Wie viele Kilometer Umweg bin ich gelaufen? Nach Gefühl und etwas geknickt trabe ich weiter bis zur nächsten Ortschaft und orientiere mich dort neu. Ich bin tatsächlich wieder auf dem richtigen Weg!

Die nächsten Stunden vergehen ohne große Änderung. Regen, Wind, kurze Kirchenbesuche, unpassierbare Wege, Verlaufen, und neu orientieren. Leicht wellig, nie steil bergauf oder bergab, durch Wälder, vorbei an Seen und Wiesen. Es sind kaum Menschen unterwegs. Ist ja klar bei dem S..wetter jagt man nicht einmal einen Hund vor die Türe. Die kleinen Orte wirken teilweise wie Geisterstädte, hin und wieder ein Auto auf einer Landstraße das in einer Gischtwolke an mir vorbeizieht. Ich komme mir vor wie in den einsamen Weiten Kanadas, dabei bewege ich mich durch die beschauliche Landschaft Oberschwabens. Irgendwie passt auch diese Wetter und die Stimmung zu diesem Landstrich. Auch der Menschenschlag hier soll etwas bedrückt, zurückhaltend und Fremden gegenüber eher skeptisch sein. Vielleicht fürchten sich die Dorfbewohner vor mir weil ich ein Fremder bin und beobachten mich durch die vorgezogene Gardinen.

In der Zwischenzeit neigt sich mein erster Lauftag seinem Ende entgegen und ich sollte mir langsam mal eine Unterkunft für die Nacht suchen. In der nächsten Ortschaft die ich ansteuere, soll es einen Gasthof geben, sagt zumindest ein Schild am Wegesrand. Doch endlich am vermeintlichen Ziel muß ich feststellen, dass sowohl Gaststätte als auch der Nebeneingang verschlossen sind. Kein Auto vor dem Haus und kein Licht im Haus. Na super. Was jetzt? Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fährt eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern gerade ihr Auto in die Garage. Die frage ich nach einer alternativen Übernachtungsmöglichkeit und es entwickelt sich ein kleines Gespräch. Etwas ungläubig über meine Ausführungen und mein Vorhaben, wünscht Sie mir gutes Gelingen und schickt mich in die nächste Ortschaft. Zwei Kilometer weiter in Baustetten wieder das gleiche Bild. Immer noch Regen, kein Gasthof aber ein freundliche Tante-Emma-Laden-Verkäuferin.

In der Zwischenzeit habe ich 66 km auf der Uhr und es sind noch 4 km bis Laupheim, der nächsten größeren Stadt. Hier habe ich tatsächlich Glück, ein kleines neu renoviertes Hotel mit einem freien Einzelzimmer. Nicht gerade billig, aber sauber und gemütlich. 10 Stunden und 5 Minuten nach meinem Start geht meine erste Etappe zu Ende. Überraschenderweise tut mir nichts weh und ich habe keinerlei Beschwerden (Blasen, etc.). Zuerst eine heiße Dusche, die Klamotten zum Trocknen aufhängen, frische Klamotten an und ein kurzer Spaziergang, natürlich im Regen, ins Stadtzentrum. Hier kaufe ich Wasser, Cola, Vaseline und Proviant für den morgigen Tag. Anschließend lasse ich mir noch eine Pizza und zwei alkoholfreie Biere schmecken bevor ich zufrieden und ein wenig geschafft einschlafe.

Tag 2 folgt

„Wer kämpft kann verlieren! Wer nicht kämpft hat schon verloren!“ – Mario Müller

Gruß
Gutenberg1964
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Kommentare

  1. Avatar von hamann35
    Puh da wurdest du ja gleich zu Beginn ordentlich auf die Probe gestellt.Es spricht für deinen Willen das du nicht umgekehrt bist sondern Durchgelaufen was bestimmt wenige getan hätten.Ich freue mich auf den 2. Tag.

    Grüße
    Rolf
  2. Avatar von Laufsogern
    Ahhh...da ist er ja...der Bericht.....ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben...fast jedenfalls...umso größer die Freude, ihn jetzt zu finden.
    Vielen Dank und ich freu mich auf die Fortsetzung.
  3. Avatar von Ranya Run
    Hallo Gutenberg1964 !

    Was hast du denn da wieder für einen verrückten Plan ausgeheckt?
    Ist das die Vorstufe zu einem Überlebenslauf a la Joe Kelly?
    170 Kilometer - und dann so ein übler Start, nach dem Wald wäre sicher
    so mancher sicher lieber sofort wieder umgekehrt.
    Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

    Liebe Grüße -Nicole-
  4. Avatar von Krümel-monster
    Hallo Gutenberg,
    ich bin jetzt erst wieder hier und habe deinen Bericht verschlungen. Das ist ja spannend und ich finde, du hättest dir keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können als die Karwoche.
    Ich bin sehr gespannt, ob die weiteren Tage genauso spannend waren. Dass du das Ganze locker geschafft hast - daran habe ich keinen Zweifel!
    Liebe Grüße
    Krümel
  5. Avatar von Gäu-Läufer
    Niko das ist ja scheußlich bei dem Wetter. Da kann ich mitfühlen. Besonders wenn man so ein Vorhaben hast wie du. Man will das Ding durchziehen und hat widrige Bedingungen.

    Ich weis nicht ob ich da abgebrochen hätte.
  6. Avatar von Laufmaus64
    Heute hatte ich endlich mal Zeit den Bericht in Ruhe zu lesen. Wow, sehr schöne Idee und klasse geschrieben. Ich steh ja auch total aufs pilgern, allerdings eher im Wanderschritt. Bin echt gespannt wie es weitergeht. Schon jetzt danke fürs Mitnehmen!
  7. Avatar von Knirschknie
    70 Km gelaufen und keine Beschwerden? Aber Du mußt doch pitschnass gewesen sein. Wieso hast Du dann keine Blasen, verdammt? Hast Du Dir die Füße mit Vaseline dünn eingeschmiert? Hab mal gehört, das soll helfen. Beim New York Marathon hab ich das gemacht und es war der wirklich erste verdammt lange Lauf, wo ich KEINE Blase hatte... Vielleicht lag´s aber auch an den etwas größeren Schuhen. Ich weiß es nicht...

    Also echt, Hut ab und für diese Leistung, die ja noch nicht zu Ende ist. Da fehlt ja noch die Fortsetzung... Die Idee ist völlig verrückt, aber irgendwie auch richtig schön! Halt schön verrückt...

    Liebe Grüße,
    Knirschknie
  8. Avatar von Diana88
    Wow, Gratulation... 70km ohne Schmerzen oder ziehen in den Muskeln...

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