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Gutenberg1964

Zurück zum Start – Tag 2

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von am 10.05.2012 um 13:38 (654 Hits)
Freitag, 6.4.2012: Heute ist Karfreitag. Ein Tag an dem erfahrungsgemäß nicht allzu viel los ist. Mal schauen wie es heute wird. Nachdem um 6:45 Uhr mein Wecker klingelt, wage ich einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster. Nach all dem Regen gestern wäre ein trockener Lauftag auch mal nicht schlecht. Leider erfüllt sich meine Hoffnung nicht! Es regnet. Zwar nicht so stark wie gestern, aber doch deutlich. Naja, vielleicht wird es bis nach dem Frühstück besser. Das Frühstück selbst ist gut und die Auswahl auch nicht schlecht. Okay, der Obstsalat ist aus der Dose, aber dafür gibt es sogar Grünen Tee.

Nach dem Frühstück richte ich meinen Rucksack, zahle mein Zimmer und trete vor die Türe. Und was soll ich sagen? Es regnet immer noch. Wie bereits erwähnt nicht sehr stark, aber zu allem Überfluß geht jetzt auch noch ein kalter Wind. Ja es hat gegenüber gestern deutlich abgekühlt. Ein Blick auf das Thermometer vor dem Hotel zeigt mir nicht einmal 10 Grad an. So ein Mist! In den letzten Wochen hatte es immer 20 bis 25 Grad. Bevor ich also starte, ziehe ich mir nun doch die Beinlinge über, denn es ist richtig fröstelig. So habe ich mir das alles nicht vorgestellt. Aber ich möchte nicht jammern, es könnte noch viel schlechter sein.

Also los. Bloß in welche Richtung? Irgendwie ist es hier in der Stadt sehr unübersichtlich und Rad- bzw. Wanderwegweiser fehlen komplett. So irre ich erstmal 1 km durch die Stadt, orientiere mich nach der Himmelsrichtung. Lustig! Bei den Wolken nicht so einfach. Aber irgendwie schaffe ich es doch aus der Stadt herraus. Später auf der GPS-Auswertung werde ich sehen dass ich fast einen vollständigen Kreis gelaufen bin. Jetzt bin ich aber auf dem richtigen Weg und der führt mich an einem See vorbei, einen Bach entlang und zwischen Feldern durch. Die ersten Kilometer fallen nicht leicht. Obwohl ich keinerlei Beschwerden habe, komme ich nur langsam in Tritt. Die Beine sind schwer und ich finde nur mit Mühe einen Rhythmus.

Nach rund 7 km haben sich die Beine wieder an das Laufen gewöhnt. Die letzten Kilometer war ich überwiegend auf asphaltierten Wegen unterwegs. Jetzt komme ich immer wieder durch Waldgebiete. Und immer wieder muß ich, wie an Vortag auch schon, meine geplante Route verlassen, da viele Waldwege nur noch Morastpfade sind. Wie schon gestern mehrfach, verfranse ich mich natürlich immer wieder im Wald. Einmal wird der Weg immer schmaler, verjüngt sich zum Trampelpfad und endet irgendwo zwischen den Bäumen. Ich könnte kotzen. Von unten alles naß. Von oben Regen ohne Ende. Und ich stehe mitten im Wald ohne Weg. Mithilfe des Kompasses schlängele ich mich immer nordwärts zwischen den Bäumen durch und stehe plötzlich vor einem Bach. Super! Weit und breit keine Brücke. Heute ist wirklich nicht mein Tag. Habe ich das nicht gestern schon gesagt? Also, links oder rechts weiter? Ich entscheide mich für links. Zwischen Bäumen, Sträuchern und Gestrüpp stapfe ich bachaufwärts, entlang. Plötzlich komme ich an eine Stelle, an der der Bach etwas schmäler ist. Im Bach liegt ein großer Stein. Hier könnte ich rüber. Aber wenn ich ausrutsche und ins Wasser falle ist Feierabend. Dann setzte ich mich in den nächsten Zug und fahre heim. Zum Glück klappt die Überquerung und auch bald schon habe ich den richtigen Weg wieder gefunden.

Bei Gamerschang überquere ich die Donau. Ein verschlafenes kleines Dörfchen in dem mir nur ein paar Kinder über den Weg laufen. Kurz hinter dem Dorf bemerke ich, dass zwei kopierte Kartenteile nicht exakt zueinander passen. Der Übergang fehlt und ich laufe mal wieder frei Schnauze weiter. Die Landschaft ist etwas hügelig und ich beschließe den nächsten Hügel hoch zu laufen um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Zwischenzeitlich hat der Regen eine Pause eingelegt und auch der Wind ist schwächer geworden. Ich ziehe die Beinlinge aus und prompt fängt es wieder an zu tröpfeln und der Wind nimmt auch wieder zu. Also alles wieder an. Ich bin ein echter Glückspilz. Ich beschließe nach meinen negativen Erfahrungen mit den Waldwegen jetzt vermehrt auf Straßen zu laufen. Unter einer dunklen, grauen und tief hängenden Wolke rolle ich so auf einem Radweg wieder zu Tal. Insgesamt bin ich heute noch nicht vielen Personen begegnet. Tja, Karfreitag und Regenwetter, da geht keiner ohne triftigen Grund vor die Türe.

Bei Schmiechen erreiche ich die Ausläufer der Schwäbischen Alb. Jetzt wird es hügeliger. Oberschwaben war eher wellig. Die Alb bietet mehr steilere Anstiege. Die Marathonmarke durchlaufe ich nach 5 Stunden und 50 Minuten. Ich genieße die Landschaft und die Ausblicke. Diese sind zum Teil sehr mystisch, ja manchmal auch etwas gespenstig. Die ganze Alb erscheint nur aus Grau-, Braun- und Grüntönen in unterschiedlicher Intensität zu bestehen. Ich komme mit vor wie einer der Gefährden aus „Der Herr der Ringe“ im Lande Mordor. Und so jogge ich durch die scheinbar menschenleeren Weiten.

Es dauert nicht lange und ich verlaufe mich erneut. War ja klar. Ich bin schon wieder viel zu lange auf dem richtigen Weg gelaufen. Die Straße spuckt mich diesmal auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz der Bundeswehr in Münsingen aus. Hier rolle ich über eine breit asphaltierte Panzerstraße. Rings um mich herum, scheinbar unberührte Natur. Und tatsächlich ist es so, dass sich hier durch die jahrzehntelange Nutzung durch die Bundeswehr eine Flora und Fauna ansiedeln und verbreiten konnte, die sich in landwirtschaftlich genutzten Flächen und Wäldern nie hätte ausbreiten können. Seit der Stilllegung als Übungsplatz haben sich die Bedingungen für Pflanzen und Tiere nochmals verbessert. An einem Zugang zum Platz, macht der Bund für Umwelt- und Naturschutz auf einer großen Infotafel darauf aufmerksam.

Nun wähle ich einen komplett anderen Weg als geplant. Ich bin schon viel zuviel auf Asphalt gelaufen. Ein Feldweg, der neu geschottert wurde, führt in den Wald und auch dort geht es geschottert weiter. Es ist sehr schön zu laufen. Die Beine machen keine Probleme, der Nieselregen hat auch mal wieder aufgehört und hier im Wald ist es recht windstill. Ich kämpfe mich einen Hügel hoch und auf der anderen Seite genieße ich das bergab rennen. Und so geht es mehrere Male auf und ab. Danke des Schwäbischen Albvereins gibt es hier auch sehr viel mehr Wegweiser und Schilder als in Oberschwaben und auch die Qualität der Wege ist besser.

Die 50 km sind voll und ich sollte nach meinen Erfahrungen von gestern mal nach einer Unterkunft Ausschau halten. Leider kann ich im ersten Dorf keinen Gasthof finden und es geht weiter in den nächsten Weiler. Auch hier kein Glück. Ein älteres Ehepaar das mich anschaut als ob ich aus dem Urwald kommen würde, empfiehlt mit Münsingen oder Laiching. Na prima, beide Ortschaften sind mindestens 7 bis 8 km weit weg und in genau entgegengesetzter Richtung. Obwohl ich die Sonne nicht sehe und nicht einmal erahnen kann, merke ich wie sie sich langsam dem Horizont entgegen neigt. Nach dem Studium der Landkarte beschließe ich erneut meine Route zu ändern. Die nächste Ortschaft in der ich eine Übernachtungsmöglichkeit wähne, liegt vier Kilometer entfernt. Also auf zum Endspurt. Hoffentlich.

Ich kämpfe mich mal wieder einen langen Anstieg hoch als ich plötzlich Kinderstimmen beim Toben und dazwischen die Rufe von Erwachsenen vernehme. Je näher ich komme umso deutlicher werden die Stimmen. Ein paar parkende Autos. Das wird doch kein Gasthof sein? Und tatsächlich stehe ich kurz darauf vor dem Wanderheim „Harpperchtshaus“ des Deutschen Alpenvereins (Sektion Schwaben). Gott sein Dank. Für heute könnte ich echt nicht mehr weiter. 63 km sind genug. Und wie ich so vor dem Haus stehe nehme ich den letzten Schluck Wasser aus meiner Trinkblase. Ich trete durch die Türe und schon kommt mir die Wirtin entgegen. Das Haus scheint voll zu sein. Eine geschlossen Gesellschaft oder so etwas. Ich wage kaum zu fragen. Die Dame schaut mich an und lächelt „Für eine Nacht?“. Bingo! Gott bin ich froh. Ein Einzelzimmer in der Schräge von maximal 4 m². Aber sauber und gemütlich. Inklusive Handtuch, Bettwäsche und Frühstück als DAV-Mitglied für 20 Euro! Besser hätte ich es nicht erwischen können.

Nach einer heißen Dusche ein Stockwerk tiefer und in frische Kleidung gewandet gehe ich runter in die Gaststube. Tatsächlich feiert hier jemand im großen Rahmen seinen Geburtstag. Im kleinen Nebenzimmer ist für Hausgäste reserviert. Ich wähle zwei alkoholfreie Hefeweizen und Gemüsemaultaschen mit Ei und grünem Salat. Das richtige essen für Karfreitag. So gut habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Naja, tagsüber hatte ich mich nur von Fruchtriegeln, Gels und Wasser ernährt. Mit meinem Tischnachbarn, einem älteren Herrn, entwickelt sich ein sehr angenehmes Gespräch und darüber hinaus gibt er mir Tipps für meinen weiteren Weg Richtung Kirchheim/Teck.
Um 21.00 Uhr falle ich totmüde und ohne Blasen an den Füßen (ja das geht auch ohne Vaseline, liebe Knirschknie) ins Bett.

Tag 3 folgt

„Nur wer seinen eigenen Weg geht, kann vom niemandem überholt werden“. – Marlon Brando

Gruß
Gutenberg1964
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Kommentare

  1. Avatar von Knirschknie
    Wahnsinn... Was kann man da noch zu sagen? Wie schaffst Du das, blasenfrei zu bleiben. Ich meine, Deine Füße MÜSSEN doch pitschnass gewesen sein... Und dann keine Blasen. Ich hab mir bei einem meiner letzten Läufe ne Blase gelaufen und da waren es nur gute 10 km...

    Bin gespannt, wie Tag 3 war... Hoffendlich mal trocken? Obwohl das schon recht viel Luxus wäre, oder?

    Liebe Grüße,
    Knirschknie
  2. Avatar von Krümel-monster
    Was für ein Abenteuer. Aber trotz oder gerade wegen aller Hindernisse, wird diese Tour wohl immer in deinem Gedächtnis bleiben.
    Ich bin wieder gespannt auf den nächsten Teil des Berichts.
    Du bist ja genau dort vorbei gekommen, wo meine Freundin wohnt, die ich öfters besuche. Zwischen Laupheim und Gamerschwang - da ist doch irgendwo Öpfingen.....
    Liebe Grüße
    Krümel

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