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Gutenberg1964

Zurück zum Start – Tag 3

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von am 11.05.2012 um 13:13 (977 Hits)
Samstag, 7.4.2012: Wie schon gestern, geht um 6.45 Uhr mein Wecker. Mein erster Blick fällt auf das über dem Bett platzierte Dachfenster. Keine Regentropfen! Ich kann es kaum fassen. Okay, der erste Blick aus dem Fenster ernüchtert mich doch ein wenig. Trübe und graue Wolken hängen sehr tief und verschlucken die obersten Baumwipfel. Aber, die Straße ist trocken. Na wenn es so bleibt bin ich schon zufrieden.

Aufstehen, rasieren, anziehen und runter zum Frühstück. Leute ich sage es euch, so was hätte ich hier nicht erwartet. Auf einem ca. 3 Meter langen Tisch ist das Frühstücksbuffet aufgebaut, dass sich keineswegs verstecken bracht. Verschieden Wurst- und Käsesorten, mehrere Marmeladen, zweierlei Honig, Nutella, frisches Obst und frischer Obstsalat, Säfte, Wasser, Milch, Joghurt, unterschiedliche Brötchen und Brote. Ja sogar frische, kleine Croissants gibt es in rauen Mengen. Dazu gibt es Kaffee oder Tee und auf Wunsch hart- oder weichgekochte Eier, bzw. Spiegel- oder Rührei. Genial. Mein Tischnachbar von gestern Abend ist auch schon da und wir lassen es uns richtig gut gehen und unterhalten uns über verschiedene Wandertouren, Historie, geographische und geologische Besonderheiten der Alb. Die Zeit vergeht wir im Fluge. Aber das ist ja kein Problem. Heute sind es ja nur noch 40 bis 50 km. Im Vergleich zu den letzten beiden Tagen quasi ein Katzensprung.

Pünktlich mit dem 9.00-Uhr-Läuten der Kirchturmuhr von Schopfloch trete ich vor das Haus. Ich drehe jedoch auf dem Absatz um! Drei Grad plus hat es heute. Also schnell noch die Beinlinge überziehen und ein zusätzliches Shirt, damit der Oberkörper nicht zu stark abkühlt. Rucksack geschultert und im lockeren Trabschritt rolle ich dem einen Kilometer entfernten Schopfloch entgegen. Heute geht es gleich von Anfang an recht locker dahin. Ich bin echt überrascht was meine Beine so alles wegstecken können.

Doch kaum in Schopfloch angekommen, muß ich schon den ersten Halt einlegen. Es fängt mal wieder an zu regnen. Also Regenjacke an und Regenhaube über den Rucksack gestülpt. Wäre ja zu schön gewesen. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte was auf den nächsten Kilometern folgt, hätte ich in dem Bushäuschen auf den nächsten Omnibus gewartet und wäre mit Bus und Bahn weiter gereist. Ich laufe also aus Schopfloch heraus auf das Schopflocher Moor zu. Eine absolute Rarität! Eine Moorlandschaft in einem Gebiet das eigentlich aus Jurakalk besteht ist geologisch einzigartig in ganz Europa! Ja, und wie ich so auf diese Moor zulaufe, die Straße steigt leicht an, verwandelt sich der Regen in Schneeregen. Mir bleibt auch nichts erspart, denke ich so bei mir. Und wieder mal sollte ich recht behalten, denn das Ende der Fahnenstange war noch nicht erreicht. Am Rande des Moors, auf einem Parkplatz muß ich eine neue Landkartenkopie hervorkramen. Ich vergleiche den Übergang. Passt. Und weil es so heftig schneit ist die alte Karte, die ich aus der Plastikfolie gezogen habe, auch relativ schnell aufgeweicht. Naja, brauche ich ja nicht mehr, also weg in die Mülltonne die hier rum steht.

Nördlich an dieses Moor schließt sich schon das nächste geologische Phänomen an. Nämlich das Randecker Maar. Ja ein Maar! Wie in der Vulkaneifel. Nur viel kleiner und nicht so schön ausgeprägt und mit Wasser gefüllt. Ich laufe hier quasi durch einen erloschenen Vulkan. Ja die Alb hält noch einige dieser Überraschungen parat. Lange rede kurzer Sinn, auf der Karte ist ein Weg eingezeichnet, in Wirklichkeit sind es aber zwei. Eine Gabelung und wie sollte es auch anders sein, keine Schilder. Dazu ist der Schneeregen, da ich weiter an Höhen zugelegt habe, in Schnee über gegangen und bei diesem Sauwetter ist natürlich niemand unterwegs, den ich fragen könnte. Also links oder rechts? Ich entschließe mich für rechts, da der linke Weg einen Bogen in die falsche Richtung zu machen scheint. Okay, der Schnee ist mir jetzt egal, es sind ja nur noch ein paar Kilometer (45), die mich von meinem Ziel trennen.

Und so trabe ich durch die Landschaft. Der Weg (geschottert) führt zunächst in Schlangenlinien am Waldrand entlang und später in den Wald hinein. Er wird schmäler und der Schotter geht langsam in normalen Waldboden über. Da, ein Wegweiser! Hauptweg 1. Super, ich bin auf dem Weg Richtung Burg Teck. Denke ich. Vorsichtig jogge ich weiter, der Waldboden ist aufgeweicht und schmierig. Nach einer weile komme ich an einen Aussichtspunkt. Schön, wie die Ortschaft da inmitten des Waldes liegt. Ein Blick auf die Karte. Was soll denn das für eine Ortschaft sein? Und wieso ist denn dahinter Wald. Der sollte doch langsam lichter werden und die Albhochfläche durch den Albtrauf begrenzt werden. Hm, wo bin ich? Ein Blick auf die Karte bringt auch keine Erleuchtung. Super, mal wieder verlaufen. Mist. Zum Glück ist der Schnee wieder in Schneeregen über gegangen. Ich laufe weiter und wähne mich immer noch auf dem richtigen Weg, da abermals ein Schildchen mit „HW1“ an einem Baum prangt. An einem Wanderparkplatz bleibe ich vor einer Wandertafel stehen und mich trifft fast der Schlag! Durch das ständige links/rechts des Weges habe ich gar nicht bemerkt, wie dieser einen großen Bogen beschrieben hat und mich nicht westwärts, sondern in östliche Richtung geführt hat. Damit nicht genug, er hat mich in einem Kreis um Schopfloch herum auch südwärts geführt und ich stehe nach über 10 km wieder kurz vor dem Harpprechtshaus. Über eineinhalb Stunden durch Regen und Schnee um fest zu stellen, dass ich praktisch wieder am Ausgangspunkt bin. Meine Stimmung ist auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt.

Mein einziger Lichtblick ist das bevorstehende Treffen mit der lieben Laufsogern, hier aus dem Forum, mit der ich mich für den Mittag verabredet habe. Also umdrehen und auf dem HW1 zurück. Denn ich bin nicht in Richtung Teck gelaufen sondern von der Teck weg. Da ich nun schon sehr viel Zeit verloren habe, lege ich etwas an Tempo zu um mich nicht zu sehr zu verspäten. Der Weg ist schmal, führt leicht bergab und hängt etwas nach links. Während ich noch so im Kopf rechne, wie lange ich wohl bis zur Burg Teck brauchen werde, verliere ich das Gleichgewicht. Auf dem abschüssigen und durch den vielen Regen total aufgeweichten Boden, bin ich ausgerutscht und habe mich hart auf die rechte Seite gelegt. Das tut richtig weh. So liege ich nun im Matsch. Naß von unten, naß von oben und ich dazwischen drin. Also viel schlimmer kann es nun wirklich nicht werden. Doch auch diesmal irre ich mich. Es kann immer noch schlimmer werden!

Ich rapple mich hoch und versuche mich von all dem Dreck zu befreien, da erreicht mich auch schon eine SMS von der Laufsogern. Wann ich denke am Treffpunkt zu sein? Schwer zu sagen, so wie es gerade läuft, kann es noch dauern. Ich antworte und möchte weiterlaufen. Aber bei jedem Schritt schmerzt mein rechter Fuß. Was ist das? Später wird sich herausstellen, dass ich das Außenband überdehnt habe und der rechte Knöchel angeschwollen ist. An Laufen ist gar nicht zu denken. Ich versuche zu gehen, aber bei jedem Schritt fährt mir der Schmerz ins Bein. Was soll das? Soll es das jetzt gewesen sein? Ja! Über 140 km nach meinem Start und rund 40 km vor dem Ziel muß ich abbrechen! Das ist echt bitter, aber laufen geht gar nicht. Gehen auch nur schlecht als recht. Und so humpele ich dem nächsten Örtchen entgegen.

Die Laufsogern hat angeboten mich mit dem Auto abzuholen und mich zu meiner Mutter zu bringen. Sehr, sehr lieb von ihr und ihrem Mann. Vielen Dank! Wie ich so den Berg hinunter humple und mir die letzten Tage durch den Kopf gehen, lässt auch der Regen nach. Je weiter ich ins Tal komme umso heller wird es. Am Waldrand komme ich an einem riesigen wilden Bärlauchfeld vorbei. Der Duft betäubt mich fast. Die ersten Obstbäume schieben schon ihre Blüten heraus und was mir an den letzten Tagen verwehrt blieb, wird doch noch wahr. Die Wolken reißen auf und geben ein Stück blauen Himmel frei. Jetzt, wo alles vorbei ist! Herr, was habe ich getan um so bestraft zu werden? Am österlich geschmückten Dorfbrunnen setze ich mich hin und warte auf mein „Taxi“. Ich wasche mir die Hände und Jacke ab und reinige meine schlammverschmierten Schuhe so gut es eben geht. Schließlich möchte ich nicht das ganze Auto versauen. Wie ich so dasitze und warte, trifft mich ein Sonnenstrahl. Das tut richtig weh. Warum jetzt und nicht schon gestern oder vorgestern? War dieser Lauf eine Prüfung? Was soll ich daraus lernen? Fragen über Fragen, die mir da durch den Kopf gehen. Und schon ist sie da, meine Retterin und sammelt mich ein. Nicht ohne vorher ein Kompliment los zu werden. „Man, Du siehst ja echt sch…e aus!“.

Eine kurze, also wirklich kurze, Zusammenfassung reiche ich euch noch nach. Aber das war es jetzt zumindest von meinem Lauf.

„Die Dinge sind nie so, wie sie sind. Sie sind immer das, was man aus ihnen macht.“ – Jean Anouilh (franz. Autor und Dramatiker)

Gruß
Gutenberg1964
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Kommentare

  1. Avatar von Gäu-Läufer
    „Die Dinge sind nie so, wie sie sind. Sie sind immer das, was man aus ihnen macht.“ – Jean Anouilh (franz. Autor und Dramatiker)
    Das trifft den Nagel auf den Kopf.
    Du hast das beste daraus gemacht.
    Jetzt geht es wieder besser und man hat daraus gelernt was man das nächste mal Besser macht.

    Nach dem Regen kommt Sonnenschein.
    Das durftest du am letzten Tag erleben.
    So wird es immer und immer wieder sein.
    Dann kannst du auch neue Ziele erstreben.

    Wünsche dir noch fiele schöne Läufe in der herrlichen Natur.


    Gruß Horst
  2. Avatar von Knirschknie
    Puh, hatte echt mit einem Happy-End gerechnet! Aber das war halt einfach Pech... Aber Du hast dem sehr bescheidenen Wetter getrotzt und eigentlich hättest Du es geschafft, wenn, ja wenn der Sturz nicht gewesen wäre... Du hast alles gegeben! Mein Respekt, wirklich!!!

    Liebe Grüße von Knirschknie, die hofft, daß der Fuß wieder okay ist, inzwischen? Ich hätte wahrscheinlich wegen der 100 Blasen aufgegeben...
  3. Avatar von Ranya Run
    Hallo Gutenberg1964

    Es ist, Verletztungsbedingt, ja ein sehr abruptes und nicht zu erwartendes
    Ende deines großen Vorhabens . Schade, dabei warst du so ehr-
    geizig und hast nicht aufgegeben oder unversucht gelassen!
    Ehrlich ?!, ich hätte wahrscheinlich schon am zweiten Tag das Trampen auf
    verlassenen Straßen neu erfunden und wäre auf dem Heimweg gewesen,
    egal wie... Wenn ich nur an den Endlosregen denke und die Kälte in
    jeden Knochen kriecht sobald man zum stillstand kommt, um sich zu
    orientieren.
    Den Respekt für dein Vorhaben "back to the roots" hast du in jedem
    Fall und wahrscheinlich nicht nur von mir!
    Ich würde es als Orientierungs-Lauf abhaken - quasie, als in`s "Unreine ge-
    laufen".
    Dein nächster Termin wird dann "DIE KÜR" werden und von vollem Erfolg ge-
    krönt sein!

    Liebe Grüße -Nicole-
  4. Avatar von Laufsogern
    "Herr, was habe ich getan um so bestraft zu werden?"
    Ich denke, das ist die falsche Frage...
    Hättest du gefragt, ob er dich wirklich für so stark hält, das alles zu überstehen, hättest du 100pro ein tiefgrollendes "Ja " gehört.



    Ich altes Plappermaul....war ich wirklich wieder sooo charmant?
  5. Avatar von Krümel-monster
    Hallo Gutenberg,
    was soll ich sagen. Ich hatte auch fest mit Deinem Ankommen dort gerechnet. Ich kann mir vorstellen, dass du sehr enttäuscht warst - aber gegen einen verknacksten Knöchel kannst du nun mal nichts machen. Weiter humpeln wäre mit Sicherheit nicht das Richtige gewesen.
    Du wirst irgendwann wissen, wofür es gut war. Da glaube ich nämlich fest dran: dass fast alles im Leben einen Sinn macht - auch wenn man diesen manchmal erst spät erkennt.

    Shit happens und beim nächsten Lauf, geht alles wieder glatt!
    Es war auf jeden Fall bestimmt eine tolle Erfahrung!
    Liebe Grüße
    Krümel
  6. Avatar von Jolly Jumper


    Ich schließe mich Laufsogern an. Deine Leistung und dein Wille sind echt verdammt stark, bei diesen widrigen Bedingungen hattest du als Schönwetterläufer deine eigene echte Herausforderung!
    Und trotzdem hast du noch so viel wahrnehmen und schätzen können, das ist ne wirklich tolle Eigenschaft von dir, dein Glas ist einfach immer halb voll.

    Solltest du dich auf mein Tempo und meine Distanzen einlassen können, begleite ich dich gerne auf deinem nächsten Versuch.
  7. Avatar von mauki
    Toller Bericht der drei Tage. Ärgerlich das mit deiner Verletzung. Ich hatte mich schon auf einen gemeinsamen Lauf mit die gefreut.

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