Ich befinde mich in der ersten (vondrei) Trainingsphasen für die 100 Meilen von Berlin, und bin geradedabei, Grundlagen zu legen. Seit Oktober sammle ich fleißig undregelmäßig Kilometer und steigere jeden Monat die Länge deslängsten Laufes. Jetzt, im Januar, bin ich bei 35 km angekommen.


Heute ist mein freier Tag, und meineFrau und ich planten, eine Freundin in Chemnitz zu besuchen – mitKindern im selben Alter, win-win also.
Als ich so meine Laufwoche plante, kammir die Idee, mal wieder nach Chemnitz zu laufen, über densächsischen Jakobsweg, der mehr oder weniger direkt an meinerHaustür vorbei geht.
Frau und Kinder wären beschäftigt,ich könnte mal wieder lang laufen – wieder win-win. Gut, dieStrecke ist etwas zu lang, knapp 42 Kilometer. Eigentlich zu viel,aber die gelegenheit ist günstig. Und ein Marathon geht jabekanntlich immer.


Also Rucksack gepackt, zum Frühstücknach einer sehr unruhigen Nacht zwei Kaffee eingeworfen undlosgelaufen. Das Wetter ein echter „Traum“: Nebel, 2 Grad,Nieselregen. Aber hilft ja alles nix, da muss man durch!


Ich möchte bewusst langsam laufen, dieStrecke hat aber viele Höhenmeter (lt. Uhr mit Glättung +650 /-700), so dass ich es bergab rollen lassen werde und beran langsamtun will.


Die ersten 5 Kilometer gehen durch dieStadt, erste 1,5 Km bergab, dann wieder hoch, so dass ich Freibergund den Stadtwald nach 5 km verlasse und nach Kleinschirma komme. Wieso viele Dörfer hier lang und schmal, geht es erst 1,5 km bergrunter und dann wieder hoch, ich überquere die Bundesstraße und derWeg stürzt sich hinab ins Tal nach Oberschöna. Es rollt gut, ichfühle mich wohl, die Welt ist wie in Watte gepackt, ich genieße denLauf.


Bei km 10 geht es wieder hoch – undwie. Unmerklich nämlich. Von Oberschöna nach Kirchbach (und durchdiesen Ort) sind es 5 Kilometer. Und als ich die Strecke zum erstenMal gelaufen bin, habe ich hier geflucht, weil es so mühsam war –vermeintlich ohne Grund. Jetzt kenne ich ihn: Von km 10 bis 15 gehtes schlappe 140 Höhenmeter nach oben. Heute geht das ziemlichlocker, ich nehme ein wenig Tempo raus und komme gut hoch.


Bei km 15 teste ich ein neues Gel.Normalerweise laufe ich im Training grundsätzlich ohneEnergiezufuhr. Doch da mein Lieblingsgel nicht mehr verkauft wird,bin ich auf der Suche nach einer Alternative, die ich natürlichtesten muss vor dem Wettkampf. Und so werde ich die nächsten Langenimmer wieder mal ein anderes Gel testen. Dieses Mal eines vonSponser. Schmeckt widerlich wie jedes Gel, ich habe es vertragen,Verpackung gefällt mir. Passt.


Ab km 15 fällt der Weg bis Oederansteil berab, hier hake ich den Obligatorischen Kilometer mit der 4vorne ab, km 17 geht mit 04:42 min weg. Bei km 18 erreiche ichOederan. Zum ersten mal verlaufe ich mich nicht (der Jakobsweg istgut ausgeschildert, nur in den Ortschaften ist es manchmal schwierig.Und er ist eben für Wanderer ausgelegt, nicht für vorbeiflitzendeLäufer.), finde direkt meinen Weg. Ab km 19 geht es in Wellen hoch,Halbmarathon passiere ich ziemlich genau bei 01:58 Stunden. Hui,nicht schlecht. Und ich musste noch nicht gehen, alle Berge konnteich richtig gut laufen.


Bei km 22 merke ich zum ersten Mal,dass meine Beine müde sind. Ui. Das wird spaßig, aber auch dafürsind solche Trainingsläufe ja da, zu lernen mit solchen Dingenumzugehen. Wird schon werden...


Ab km 23 geht es steil berab nachFalkenberg, teilweise in Treppen. Hier merkt man, dass es ab einemgewissen Grad auch keine Erholung oder Zeitgewinn bringt, wenn es zusteil nach unten geht. Und das war hier der Fall.


Von km 25 bis 28 kommt derlangweiligste Teil der Strecke, an der Flöha entlang zumgleichnamigen Ort. Der einzige topfebene Streckenabschnitt. Die Paceliegt so bei 05:30-05:40, es geht noch, ich bekomme langsam Hunger.Ich habe außer Kaffee, Wasser und einer halben Tube Gel ja nichts imMagen. Aber so weit ich weiß, komme ich direkt an der Strecke ankeiner Bäckerei vorbei und auf einen Umweg habe ich keinen Bock.


In Flöha geht es für 3 Kilometer amOrtsrand entlang, schön durch den Wald, mit einigen knackigenSteigungen. Hier muss ich zum ersten mal kapitulieren und erstmaligin den Gehschritt wechseln. Es wird wirklich anstrengend, solangsam...


Jetzt kommt der schlimmste Abschnitt –die Kilometer 31 bis 35 von Flöha nach Euba. Jetzt kommt derhärteste Anstieg, auf 2 Kilometern sind 135 Höhenmeter zubewältigen. Hier muss ich viel gehen, zumal mir mein Körpersignalisiert: So, Junge, 31 Kilometer sind um, jetzt hören wir dochimmer auf, oder? FEIERABEND!!!“ Aber nix ist, ich werfe dasrestliche Gel ein und weiter geht’s.
Aber dann, endlich ist der Berggeschafft, haben Waldarbeiter gewütet. Für die nächsten 500 Meterbenötige ich über 10 Minuten. Laufen ist unmöglich, gehenteilweise auch, nur Schlamm und Löcher, ich bleibe mehrfach steckenund verliere beinashe meine Schuhe. Die Füße sind klitschnass.Mahlzeit!


Ich bin froh, dass ich diesen Abschnitthinter mir habe (erwähnte ich, dass ich Hunger habe???) und rollehinab nach Eula, was ich bei km 35 erreiche.


Jetzt ist das schlimmste überstanden,bei km 38 erreiche ich Chemnitz, der Weg wellt sich hoch und runter,aber ich kann fast alles laufen. Es geht ab in den Zeisigwald, inmeiner Erinnerung geht es ab hier nur noch bergab. Blöde Erinnerung.Es geht erstmal leicht, aber stetig berauf. Erst ab km 40 geht eswirklich runter, und ich rolle die letzten 2 Kilometer hinab.
Mich erwarten vier glücklichspielende/schlafende Kinder und zwei tratschende Frauen – undleckeres Mittagessen. Perfekt!


Genau 42,27 Kilometern. Sehr schön,ich bin heute einen Ultra gelaufen. Wenn auch nur einenklitzekleinen.
Die Uhr blieb bei 04:09:53 Stundenstehen. Ich bin also deutlich eingebrochen auf der zweiten Hälfte,wobei natürlich die Strecke auch dazu beigetragen hat.


Fazit: Zu diesem Zeitpunkt im Training,quasi nüchtern, einen Marathon (nein, einen Ultra!!!) zu laufen, mitdiesen Höhenmetern – das passt! Das Training scheint zu passen.Stimmt mich hoffnungsvoll für Berlin – dass ich in genau 7 Monatendiese Strecke vier mal laufen darf, blende ich einfach mal aus...


Danke fürs mitlaufen,
nachtzeche