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    Pfützen machen glücklich! Avatar von dicke_Wade
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    Standard Mauerweglauf - 100 Meilen von Berlin am 16./17.08.2014

    Ich bin ja seit vielen Monaten auch in dem Forum hier zu Hause und warum soll ich nicht auch hier meinen Laufbericht über mein bisher größtes Laufabenteuer hier einstellen

    .............................

    Ich fange an zu schreiben und sitze mit dem Lappi auf dem Sofa und schaue das Konzert "The Wall" von und mit Roger Waters am Potsdamer Platz am 21. Juni 1990 an. Finde ich mal ganz gut passend.

    Wie allgemein bekannt konnte ich letztes Jahr zum Mauerweglauf nicht starten, da ich Trottel es versäumt hatte, mir rechtzeitig ein ärztliches Attest zu besorgen. Da war es schon logisch, dass ich mich für den Lauf dieses Jahr erneut anmelden würde. Und dieses Jahr machte ich alles richtig. Attest besorgt und vernünftig trainiert. Okay, das hatte ich letztes Jahr auch. Gewissenhaft hatte ich mich auf meinen ersten Höhepunkt des Jahres, den Comrades, vorbereitet und den konnte ich auch sehr gut laufen und noch mehr genießen. Der Lauf forderte meinem Körper allerdings etwas mehr ab, als ich es ahnte. Dann machte ich kleine Fehler im Training und merkte beim Finowkanallauf, dass mir die Form abhanden gekommen war. Mir fehlte es an der nötigen Regeneration und somit beschloss ich, den Thüringen Ultra nicht zu laufen. Der ist ein wunderschöner Lauf aber dieses Jahr war mir der Mauerweglauf um einiges wichtiger. Ich strickte mir noch so etwas wie einen Plan zusammen, mit dem ich mich in den verbleibenden Wochen wieder auf Vordermann bringen würde. Und ich wollte dabei sehr genau auf meinen Körper acht geben. Hauptsächlich waren es meine Beine, die etwas mürbe waren und mir leichte Sorgen machten. Dazu kam, dass mich bereits beim Comrades meine linke Kniescheibe kurze Zeit ärgerte. Es verging zwar rasch wieder, aber sowas merke ich mir dann schon. Die Patellaspitze und auch die Patellasehne ärgerten mich immer mal wieder. Ich war wohl an der Grenze meiner Belastbarkeit was die Kilometerumfänge betraf angelangt. Auch das beobachtete ich genau. Dennoch konnte ich mein Training planmäßig durchziehen und es verschlimmerte sich nicht. Mir sehr entgegen kam dabei das Wetter. Es war viele Wochen recht warm und auch richtig heiß an manchen Tagen und immer nutzte ich die Nachmittagsstunden zum Laufen um meinen Körper so gut wie möglich an die Hitze zu gewöhnen. Damit begann ich schon vor dem Comrades und auch danach ging das wunderbar so weiter.

    Ich schaffte es in der Tat, wieder die gewohnte Lockerheit in meine Beine zu bekommen. Nicht unwesentlich daran beteiligt war das Lauf-und-Yoga-Wochenende von und mit Sonja Eigenbrod in Wolfgang Schwerickes Laufpark Stechlin. Drei Tage hintereinander Traillaufen, dabei mit dem Wasserfestlauf in Fürstenberg ein für mich schneller 12-Kilometer-Wettkampf und die Entspannung beim Yoga brachten mich wieder voll in die Spur. Drei Wochen vor dem Mauerweglauf veranstaltete Rita Stoyke mit ihren Lauffreunden einen 12-Stundenlauf rund um den Hollener See im Saterland. Schon lange vorher schien mir der Termin drei Wochen vorher genau richtig in der Vorbereitung zu sein. Und so war es auch. Ich konnte 12 Stunden lang in genau meinem geplanten Wohlfühltempo laufen und auch konnte ich mir Gewissheit verschaffen, dass ich mental stark genug bin, den Mauerweglauf durchzustehen. Denn das ist es. So ein Lauf ist nie nur eine körperliche Grenzbelastung. Auch die Willensstärke ist extrem gefordert, ohne diese übersteht man solch einen Lauf nicht. Und nebenbei, es ist überhaupt keine Schande, wenn man es nicht schafft. Ich wollte natürlich nicht, dass ausgerechnet mir das passiert.

    Die verbliebenen drei Wochen galt es nun, mich von dem 12-Stundenlauf zu erholen, dennoch dabei die Ausdauer zu erhalten. Eine kleine Gratwanderung. Das ist mir aber sehr gut gelungen, ich schaffte sogar ein paar Tempoläufe, schneller als geplant, einfach weil es Spaß machte und den Beinen gut tat. Selbst die Beschwerden meiner Kniescheibe hielten sich so in Grenzen, dass ich mir keine Sorgen machen musste. Das liest sich jetzt für den geneigten Nicht-Ultraläufer sicher komisch und ich ernte eventuell leichtes Kopfschütteln. Aber dazu muss ich sagen, dass ich meinen Körper über die Laufjahre recht gut kennen gelernt habe. Und da kann ich schon unterscheiden zwischen schlimmen Schmerzen, die eine Verletzung bedeuten und solchen, die zwar auch nicht unwichtig aber eben weniger schlimm und erträglich sind. Sicher habe ich mittlerweile wohl eine etwas andere Schmerzwarnehmung als Nichtläufer, wie viele andere Ultraläufer auch (wenn ich bedenke, mit was für Blasen an den Füßen allein dieses Wochenende Läufer ins Ziel gekommen sind!) aber dass ich gar nichts mehr merke, so ist es nun auch noch nicht. Noch? Öhm, Themawechsel! Sicher machte ich mir im Vorfeld auch schon Gedanken, was nach dem Mauerweglauf sein wird aber dazu komme ich später noch.

    Die Woche vor dem Lauf hatte ich schon Urlaub um mich optimal vorbereiten zu können. Muss ich erwähnen, dass ich eigentlich völlig neben der Spur war? Ich dachte an nichts anderes mehr! Bereits Mittwoch begann ich meine Tasche zu packen. Könnte ja sein, dass ich noch was brauche und das dann einkaufen muss. Noch recht kurzfristig hab ich mir eine Warnweste bestellt. Das Tragen dieser ist in der Nacht Pflicht. Sehr kurzfristig. Aber ich hätte mir dann auch noch eine anner Tanke oder sonst wo auf die Schnelle kaufen können. Noch ein paar mal las ich die Ausschreibung und auch die FAQs. Nichts wollte ich vergessen! Beim Packen und nochmaligem studieren fiel mir auf (warum erst jetzt?) dass die Turnhalle zum Übernachten in der Lobeckstraße eben nicht in der Nähe des Start/Ziels im Jansportpark war. Also hätte ich gar keinen Vorteil, dort zu schlafen. Die gute eine Stunde später aufstehen is es auch nicht wert und das eigene Bett ist der Isomatte vorzuziehen, entschied ich. Die Warnweste kam dann noch rechtzeitig mit der Post und ich hatte mit ihr eine sehr gute Wahl getroffen was den Tragekomfort beim Laufen betraf. Soll heißen, sie störte mich überhaupt nicht und durch leichtes Verrutschen kam ich an all meine Taschen vom Rucksack gut heran. Weiterhin gehörte zu meiner Vorbereitung, dass ich die Woche zwei mal zur Massage ging, um auch damit meine Beine bestmöglich auf die Herausforderung vorzubereiten. Davon mal abgesehen, wenn man fast 200 Euro für einen Lauf ausgibt, was sind da jeweils 14 Euro für eine halbe Stunde Massage, die den Erfolg unterstützen werden?

    Am Freitag Nachmittag fuhr ich zum Ramada-Hotel am Alexanderplatz, wo die Startnummernausgabe und um 18 Uhr die Pastaparty stattfinden sollte. Das war schön kurzweilig und viele Bekannte konnte ich treffen und es machte einen Riesenspaß. Es gab auch eine ganz kleine Messe mit ein paar Anbietern von Laufutensilien. Eher uninspiriert schaute ich mich um, wollte nichts und brauchte nichts. Aber der Laufrucksack von Hoka (ja die Firma, die die Schuhe mit den gaaanz dicken Sohlen herstellt) fiel mir ins Auge. Michael Frenz, der umtriebige Laufveranstalter und selbst ein ganz toller Ultraläufer, zeigte mir den Rucksack und ja, das Teil gefiel mir immer mehr. Und so flitzte ich zum Geldautomaten (der Verkäufer war etwas altmodisch und hatte keinen EC- oder Kreditkartenleser dabei) und kaufte mir das Teil für den morgigen Lauf. Ich war mir sicher, dass er sich besser tragen wird, als mein gut bewährter Camelback-Rucksack. Warum ein Rucksack? Geht doch nur auf dem Mauerweg um Berlin und es gibt genügend Verpflegungsstellen. 27 Stückers um genau zu sein. Aber zwischen den VPs waren öfters Distanzen zwischen 6 und 7 Kilometern. Nicht weit an sich, aber mit zunehmender Laufzeit wird das Tempo langsamer und die Gehpausen nehmen zu und teilweise sollte ich über 50 Minuten unterwegs sein. Und so lange wollte ich nicht ohne was zum trinken unterwegs sein. Auch wenn es nicht so heiß werden sollte, besser zwischendurch ein paar Schluck trinken, als voll durstig an den VP kommen. Weiterhin wollte ich diverse kleine Dinge bei mir haben. Als da wären, Ersatzbatterien für die Stirnlampe, Ersatzakku für die Kamera (ganz wichtig nach der Erfahrung beim Comrades!), natürlich meine Kamera, Händy (Ausnahmsweise, sonst nehme ich das nicht mit, aber bei solchen Läufen ist es gut, ein Notrufgerät dabei zu haben. Wenn nicht für mich selbst, dann vielleicht für einen anderen Läufer) Sogar Kontaktlinsen zur Reserve, falls mir eine aus Versehen aus dem Auge rutscht, hatte ich dabei. Ich wollte auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Ja auch ein paar frische Laufsocken hatte ich zur Not dabei, falls es stark regnen würde. Stundenlang mit nassen Socken rennen ist ein Garant für lecker Blasen an den Füßen! Man konnte Wechselsachen und diverses in so genannten Dropbags deponieren, die zu den drei Staffelwechselstellen transportiert wurden. Ich hatte mir überlegt, dass ich die erste gute Hälfte (91 km) mit meinen alten Lieblingsschuhen und den Rest der Strecke mit meinen neuen laufen würde. Beide das selbe Modell, nur eben unterschiedlichen Laufalters. Ich versprach mir von den frischen Schuhen ein gutes Durchkommen. Ich kam gut durch also war es die richtige Entscheidung. Auch ein langes Shirt legte ich mir da bereit, da es doch kälter werden sollte die Nacht. Und natürlich die Warnweste und die Stirnlampe, so musste ich sie nicht "mitschleppen" bis dahin. Ja und warum nun der neue Rucksack? Mein alter guter ist eben ein klassischer Rucksack. Hinten der Sack und der Rest ist Ruck *hihi* Also zum um- und festschnallen die Gurte und so. Der Hoka-Rucksack ist gebaut wie die Laufrucksäcke von Salomon, wie eine Weste mit vielen Taschen ringsrum für die kleinen Dinge des täglichen Laufbedarfs. So muss man ihn nicht alle Näse lang abschnallen um an etwas heran zu kommen. Und der Tragekomfort ist bei solch langer Laufzeit auch sehr wichtig. Aber kein Rucksack ist wohl so perfekt und irgendwann scheuert es immer wo und nun kenne ich die Stellen, die ich das nächste mal einfetten muss.

    Die Pastaparty war sehr angenehm und der Saal füllte sich schnell und war dann richtig voll mit Läufern. Sind nächstes Jahr noch mehr Läufer dabei, dann reicht dieser Sall nicht mehr. Man darf ja die Staffeln nicht außer acht lassen. 15 Vierer- und 7 Zweierstaffeln sind auch 74 Läufer, von den 10+er Staffeln ganz zu schweigen. Es war eine richtig schöne Stimmung. Und immer wieder sah ich neue Freunde und hier und da gab es ein Schwätzchen. Es gab mehrere Pasta- und Soßensorten und ein reichhaltiges Obst und Gemüse-Buffet. Guter Hotelstandard. Einzig die Getränkepreise waren exorbitant. Für 0,2 Liter Apfelschorle 3,10 Euro und einen Liter Sprudelwasser 6,50 Eu ist durchaus etwas teuer. Gegen 19 Uhr war die offizielle Wettkampfeinweisung durch den Rennleiter Ronald Musil. Weiterhin wurde uns die Streckenmarkierung durch Hajo Palm erklärt. Beide Streckenmarkierer, Hajo und Harald Reiff, liefen selbst mit und konnten sich persönlich von der Perfektion ihrer Arbeit überzeugen. Weiterhin wies uns der Rennarzt auf wichtige Dinge hin. Die Stunde verging ebenfalls sehr rasch und schnell löste sich anschließend die Runde auf. Ich hatte es auch eilig nach Hause zu kommen. Eine Mütze Schlaf wollte ich mir noch gönnen und vorher noch einmal überprüfen, dass ich nichts vergessen habe. Alles noch bereitlegen für den Morgen, damit dann kein Stress entstehen kann. Naja, noch etwas in Laufforen gestöbert und auf Fatzebuck geschaut und die Zeit verging rasch und ich kam dann doch etwa später ins Bett. Halb drei sollte der Wecker klingeln. Mit den üblichen Einschlafschwierigkeiten vor solch einem Wettkampf kam ich wohl zu drei Stunden Schlaf. Das musste reichen und ich machte mir nicht so die Sorgen. Aus meinen bisherigen 24-Stundenläufen weiß ich, dass ich mit Müdigkeit keine Probleme haben werde.

    Samstag früh! Lauftag! So früh aufstehen ist schon doof, aber ich kam gut aus den Federn. Ich muss ja und ich will ja und ich hab heute was wichtiges vor. Erst einmal fertig angezogen und Lauffein gemacht. Lieber schon alles zu Hause erledigen, dann hab ich vor dem Start keine Hektik und kann noch schön mit den Läufern quatschen und was man sonst so vor nem Läufchen macht. Eine Schüssel kaltes Porridge (das frisch zu kochen bin ich zu faul, über die Nacht weicht das auch gut durch) mit frischen, gezuckerten Erdbeeren gemütlich in mich rein geschaufelt und schon machte ich mich auf den Weg. In der U-Bahn zum Alexanderplatz noch ein Nickerchen zu machen war eine Illusion, viel zu aufgeregt war ich. Wie geplant kam ich recht früh im Jansportpark an. Dort gab es auch noch ein Frühstück und ich nahm gerne einen Kaffee und ein Marmeladenbrötchen zu meiner Klappstulle, die ich mir mitgebracht hatte. Es war alles ganz gemütlich, die Läufer und Helfer bester Laune und die Vorfreude bei allen groß. Aber auch der Bammel. Klar doch. Ich hatte meinen längsten Nonstopplauf vor mir den man mit 24-Stundenläufen nicht vergleichen kann. Was wird mich erwarten? Was wird passieren? Ich hatte keinen Zweifel, dass ich es schaffen kann und werde aber es kann auch so viel passieren. Die erfahrensten Ultraläufer mussten schon bei diversen Läufen kapitulieren. Das kann jedem passieren. Und diese Ungewissheit ist es einerseits, die das Lampenfieber hoch hält und die mich andererseits nicht auf die Idee kommen lässt, den Lauf locker zu sehen. Ich hatte einen Riesenrespekt vor dieser Distanz. Und dabei noch mein persönliches Ziel, die 24 Stunden zu unterbieten. Also denn....

    Die letzten Vorbereitungen waren schnell erledigt, die Dropbags mit Wechselsachen in die richtigen Körbe deponiert, immer wieder nette Unterhaltungen und gegenseitige Aufmunterungen und schon war die Startzeit heran. Auf die Sekunde schickte uns Ecky auf das große Abenteuer.

    Wir liefen noch eine Runde durch das Stadion, dann raus und zur Bernauer Straße. Auch wenn es nun bereits 25 Jahre her ist, erinnerte ich mich gerade heute intensiv daran, wie ich nach der Maueröffnung 1989 und 1990 hier über die Grenze bin. Ich wohnte damals nur ein paar hundert Meter weiter in der Dimitroffstraße, heute Danziger Straße. Es sind eben nicht nur die 100 Meilen von Berlin. Es ist auch der Mauerweglauf in Gedenken an den Bau und den Fall der Berliner Mauer oder des "Antifaschistischen Schutzwalles", so wie ich es in der Schule gelernt hatte. Es war auch ein Gedenklauf an all die Toten, die beim Versuch, die Mauer zu überwinden erschossen wurden. Als gut behüteter DDR-Bürger habe ich das alles so nicht mit bekommen, mir ging es gut, alles war schön und warum sollte man denn abhauen? Ich muss dazu erwähnen, dass ich als Leistungssportler im Gewichtheben besonders gefördert wurde und es mir im Prinzip an nichts fehlte. Da war mein Verständnis für die Unzufriedenen des Systems nicht gerade groß. Sicher wurden wir Leistungssportler, so auch speziell ich da ich zur Junioren-WM nach Italien fahren durfte, von der Stasi überwacht. Wir fanden das ziemlich normal, es störte uns nicht. "Wir hatten ja nichts zu verbergen". Okay, dass wir öfters einen über den Durst tranken, sollte nicht allgemein bekannt werden aber sonst? Wer im System mit schwimmt, hat nicht viel zu befürchten. Aus heutiger Sicht ganz schön naiv aber ich schäme mich dafür auch nicht. Es ist ein Teil meines Lebens. Andere Menschen in der damaligen Zeit hatten eine andere Sicht auf die Dinge und heute habe ich großen Respekt für sie, zumal sie recht heftige Einschränkungen erfahren mussten, wenn sie offen für ihre Einstellung eintraten. Bis hin zu jahrelangem Gefängnis. Ja und heute bin ich froh, dass andere für Veränderungen gekämpft und damit den Fall der Mauer eingeleitet haben. Jeden Montag sind sie auf die Demos gegangen. Niemand wusste, wie würde die die DDR-Regierung das hinnehmen. Es hätten auch Schüsse fallen können, es hätte Tote geben können, wer weiß. Diese Demonstranten hatten damals Mut bewiesen und auch an diese Menschen sollte man denken, wenn man an den Fall der Mauer denkt. Auch wenn die Pressekonferenz vom 10. November 1989 legendär ist, es war nicht Günter Schabowski, der den Fall der Mauer bewirkt hat, seine Ausführungen vor der Weltpresse waren nur noch das I-Tüpfelchen auf eine lange Reihe wichtigerer Ereignisse, die dazu führten.

    Wir liefen weiter die Bernauer Straße entlang Richtung Nordbahnhof. Und kamen am Gedenkstein an einige der Maueropfer vorbei. Ich erinnerte mich in dem Moment gerne an unseren Lauf vor 10 Jahren. Diesen würde ich als den ersten offiziellen Mauerweglauf bezeichnen. Gero Mensel, ein mir lieber Lauffreund organisierte damals einen Mauerwegetappenlauf, jeden Samstag eine Etappe über ungefähr 20 Kilometer auf dem Mauerweg, der damals noch nicht so gut ausgebaut war wie heute. Die erste Etappe liefen wir am 24. Januar 2004 vom Potsdamer Platz bis zur Massantobrücke. Dies war damals mein erster realer Kontakt zu Läufern der Community des SCC-Forums, ich war ja noch nicht lange Läufer, hatte noch nicht einmal einen Marathon bewältigt. Wir liefen damals die letzte und siebente Etappe am 9. April 2005 vom S-Bahnhof Wilhelmsruh bis zum Startpunkt an der Ampel am Potsdamer Platz und an diesem Stein machten wir eine Fotopause. Sehr schöne Erinnerungen. Auch später auf der Strecke sollte ich mich noch öfter an die Etappen von damals erinnern.

    Links der Eberswalde Straße gibt es weitere Bauwerke und Gedänkstätten, die an die Mauer erinnern und auch Teile der Mauer sind hier noch erhalten. Viele gibt es ja nun wirklich nicht mehr in Berlin. Wir bogen ab, liefen einen Schlenker, kamen am Nordhafen und dem Bundeswehrkrankenhaus vorbei und liefen Richtung Regierungsbezirk mit Reichstag, Bundestagsgebäuden und Kanzleramt. Wir überquerten die Invalidenstraße, nach der Maueröffnung einer der ersten Grenzübergänge, die man mit dem Auto passieren konnte. Wie hat sich das hier alles über die Jahre verändert! Den Berliner Hauptbahnhof sehe ich rechts. Was wurde damals, als mit dem Bau begonnen wurde kritisiert. Wie kann man einen Hauptbahnhof ins Niemandsland bauen? Da stand in der Tat noch nichts. Die Planer meinten aber, es wird sich Wirtschaft, Hotels und Geschäfte ansiedeln. Und sie hatten recht. Immer noch jede Menge Bauaktivitäten und das wird sicher noch lange nicht enden. Auch wenn der Bahnhof leider durch Herrn Mehdorn verstümmelt wurde und er (also der Bahnhof) seine Fehler hat halte ich ihn für ein imposantes Bauwerk. Klar bin ich als Eisenbahner da nicht ohne Vorurteile *kicher*

    Ich will mal zwischendurch auf eine nicht unwesentliche Sache zu sprechen kommen. Immerhin ist das ja eine Laufveranstaltung. Wir hatten zwar bisher nur wenige Kilometer zurück gelegt aber ich hatte jetzt schon ein gutes Gefühl, was den Tag angehen sollte. Ich fühlte mich wohl und locker. Meinen Beinen ging es bestens, so hab ich wohl in der Vorbereitung alles richtig gemacht. Das Wetter konnte man nur als perfekt betrachten. Bis jetzt. Laut Wetterbericht sollte nur sehr wenig die Sonne scheinen und die Temperaturen uns auch keine Sorgen bereiten. War ich auch auf größere Hitze gut vorbereitet, so war mir das dennoch viel lieber. Wir liefen mal in kleineren und mal wieder in größeren Gruppen zusammen, kaum jemand hatte es eilig und die Stimmung unter uns war sehr gut und lustige Sprüche fielen jede Menge. Dadurch war das Lauftempo für mich zwar sehr langsam aber ich fand es gerade jetzt in diesen Gruppen richtig schön und hatte keinen Grund, ihnen davon zu laufen. Auch nicht wenige rote Ampeln bremsten uns immer wieder aus. Es war durch die Organisatoren ein striktes Rote-Ampel-Laufverbot ausgesprochen und da hielten wir uns daran. Auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen war. Dies kostete die eine und andere Minute. Aber auch das war alles nicht so schlimm. Mit Carmen aus dem Runnersworld-Forum lief ich eine Weile zusammen und wir hatten viel Freude an unserer Beschäftigung. Wir liefen leider nicht direkt am Brandenburger Tor entlang was ich schade fand, sondern die nächste Straße, die Glinkastraße, an der ehemaligen amerikanischen und der englischen Botschaft vorbei. Ich sachte freundlich "Guten Morgen" zu dem dort stehenden Polizisten der sich freute und zurück grüßte. Ich bin ja immer ein freundlicher Läufer und Höflichkeit kostet nicht viel.

    Wir liefen weiter, kamen am Bendlerblock vorbei, allseits bekannt durch die Hinrichtung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seinen Mitkämpfern, und kamen kurz darauf zum Panoramaprojekt von Asisi über die Berliner Mauer. Die Veranstalter des Mauerweglaufes hatten eine Partnerschaft mit dem Panoramaprojekt und wir Läufer konnten durch die Rundschau laufen. Im Grundgedanken, dass dies ein Gedenklauf an die Mauer ist eine logische und wunderbare Sache. Fotos darinnen zu machen war mir natürlich eine Selbstverständlichkeit. Auch nahm ich mir die Zeit, einen Spruch ins Gästebuch zu schreiben. Ich hatte noch Glück, dass vorher keiner auf die Idee gekommen ist und ich schrieb das Motto der LG Mauerweg "Niemand hat die Absicht 100 Meilen zu laufen" hinein. Ach war das alles schön und ich hatte sooo eine gute Laune dabei.

    Kurz darauf querten wir den Checkpoint Charly. Wohl der berühmteste Grenzübergang des Kalten Krieges. Und auch eine meiner prägnantesten Erinnerungen. Genau hier bin ich das erste mal in den Westen! Zwei Tage nach dem Mauerfall bin ich direkt nach der Spätschicht hier her gefahren. Ich durfte mir sogar 10 Westmark abholen, denn die gab es damals für jeden DDR-Bürger, der in den Westen fuhr. Also von Seiten der DDR und das hatte nichts mit den 100 Mark "Begrüßungsgeld" zu tun, die man von der BRD bekam. War ursprünglich anders gedacht, denn so viele, neben den Rentnern, durften ja nicht rüber. Nun bekam jeder den 10er. Das ist mir eine Erinnerung, die ich nie vergessen werde. Also der Grenzübertritt, nicht die 10 D-Mark *lacht*. Keine Ahnung wo es lang ging, latschte ich den Massen einfach hinterher zum U-Bahnhof Kochstraße. Ich hatte ja noch eine Orientierung und ich wunderte mich wie ein Biber in der Wüste, der keinen Baum mehr findet, wo die U-Bahn da vollbesetzt her kommt. Wie geht denn das? Ich hatte bis da keinerlei Ahnung, dass die U6 und die U8 durch Ostberlin durch fuhren und die U-Bahnstationen in Ostberlin komplett verschlossen waren. Gebürtige ältere Berliner wussten so etwas, ich wohnte aber erst ein Vierteljahr hier. Mit der U-Bahn fuhr ich dann zum Halleschen Tor um dann mit der U1 weiter Richtung City Berlin West zu fahren. Dort auf dem Bahnsteig war es so voll dass ich glaube 3 U-Bahnen warten musste bis ich einsteigen konnte. Und wo fuhr ich hin? Na logisch zum Kuhdamm! Den kannte ich! Also vom Namen her. Und der war so voll und voller glücklicher Menschen. Alles DDR-Bürger. Den Begriff Ossis gab es da ja noch nicht *lachweg*. Hach, ich könnte noch so viel erzählen aber das hier soll ja ein Laufbericht werden näch *zwinker*

    Nach dem Checkpoint Charly kamen wir zum nächsten Highlight. Dem Mahnmal für Peter Fechter, dem der diesjährige Mauerweglauf gewidmet ist. Er wurde am 17. August 1962 beim Fluchtversuch mit seinem Freund Helmut Kulbeik erschossen. Und nicht nur das, er verblutete und niemand rettete ihn rechtzeitig. Wir Läufer legten jeder für ein eine Rose auf die Straße und schafften für ihn einen Rosenteppich auf diese Weise. Ich fand das eine sehr schöne Idee.

    Und an dieser denkvollen Stelle beende ich den ersten Teil meines Berichtes :o)

    Gruss Tommi


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

  2. #2
    Avatar von Finny
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    Danke Tommi für den ersten schönen und lesenswerten Teil Deiner persönlichen Erfahrung- und Erinnerungssammlung zum Mauerweglauf!
    Ich freue mich schon auf Fortsetzung!

    LG,
    Finny

  3. #3
    Mit Ausdauer hat es auch die Schnecke bis zur Arche geschafft! Avatar von zanshin
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    Kann die Fortsetzung auch kaum erwarten...
    Gut, dass Du (im Gegensatz zu mir, musste bei VP 20-km123 leider den Lauf beenden) die Strecke gut bewältigt hast. DEN Bericht würde ich wahnsinnig missen.
    Liebe Grüße
    - Carmen

  4. #4
    Avatar von Waldläufer 66
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    Was für ein toller Laufbericht, auch ich freue mich schon auf Deine Fortsetzung.
    Grüßle, Volker

  5. #5
    Pfützen machen glücklich! Avatar von dicke_Wade
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    @Carmen, ich hab mich dolle gefreut, dich wieder zu sehen beim Start und die ersten Kilometer. Schade, dass du den Lauf abbrechen musstest, aber gemach, 123 Kilometer sind gutes Holz! Hoffe du ärgerst dich nicht zu sehr

    Gruss Tommi


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

  6. #6
    Überhol’ doch, Angeber Avatar von Die Jules
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    Mein Popcorn ist alle. Ich brauche den zweiten Teil!

  7. #7
    Avatar von spooner
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    sehr schön geschrieben, ich freue mich auf die fortsetzung

  8. #8
    Avatar von Isse
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    Danke Tommi für deine Einblicke.

    Solch einen Lauf kann man wohl nur mit mentaler Stärke und den absoluten Willen des Durchhaltens überstehen. Ich mag mir das nicht vorstellen wollen, du hast diesen WK jedoch ganz souverän gemeistert. Absolut klasse!

    PS: Ich wohnte damals in der Schönhauser, direkt gegenüber von Konnopke, gar nicht weit entfernt von dir

    Freu mich auf deine Fortsetzung.

    LG
    Highlights bisher:
    2012: 100MC Brocken Berlin -
    22.12.2012 - Bergmarathon - insgesamt 1.570 hm und 42,195 km
    2013/2014/2015/2016/2017/2018/2019: Majors in Boston, New York, Chicago, Tokio und Berlin
    15.+16. Juni 2018 - 24 h Burginsellauf = 121,74 km






  9. #9
    laufend unterwegs Avatar von lexy
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    Sauber Tommi, und nu mach hinne dat der zweete Teil fertig wird.
    Det isse, konntest dich aber gut zusammenreißen ob der räumlichen Nähe zu konnopke ?
    Sind die da immernoch unter der Brücke? Die Wurst ist verdammt lecker 👍

  10. #10
    Pfützen machen glücklich! Avatar von dicke_Wade
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    Ja Konnokpe steht immer noch genau dort, wie immer. Und damals, als ich in der DImmitroff wohnte, war ich Stammgast. Selbst heute, wenn ich in der Nähe bin muss ich mir dort ne Görriewurscht mit Pommes ziehen Schmeckt meiner Meinung aber nicht mehr so wie vor 25 Jahren :o(

    Gruss Tommi


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

  11. #11
    Avatar von Isse
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    Ah was. Das Rezept der Currywurst incl. Soße hat sich seit 1912 nicht geändert. Der Laden brummt unverschämt gut. War aber selbst seit Jahren dort nicht futtern. Passt nicht in meine Ernährung rein.

    Tommi, als alter Mann lässt halt alles nach, incl. Geschmacksnerv für die einst kultigste Kultwurst.
    Highlights bisher:
    2012: 100MC Brocken Berlin -
    22.12.2012 - Bergmarathon - insgesamt 1.570 hm und 42,195 km
    2013/2014/2015/2016/2017/2018/2019: Majors in Boston, New York, Chicago, Tokio und Berlin
    15.+16. Juni 2018 - 24 h Burginsellauf = 121,74 km






  12. #12
    not fast & not furious Avatar von Steif
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    Moin Tommi, das liest sich alles sehr spannend! Sollte ich noch nicht zum erfolgreichen Finish gratuliert haben, sei dies an dieser Stelle noch geschehen!
    Zitat Zitat von dicke_Wade Beitrag anzeigen
    Es ist auch der Mauerweglauf in Gedenken an den Bau und den Fall der Berliner Mauer oder des "Antifaschistischen Schutzwalles", so wie ich es in der Schule gelernt hatte. Es war auch ein Gedenklauf an all die Toten, die beim Versuch, die Mauer zu überwinden erschossen wurden. Als gut behüteter DDR-Bürger habe ich das alles so nicht mit bekommen, mir ging es gut, alles war schön und warum sollte man denn abhauen?
    ...
    Ja und heute bin ich froh, dass andere für Veränderungen gekämpft und damit den Fall der Mauer eingeleitet haben.
    Für mich einer der interessantesten Absätze in Deinem Bericht, denn hier wird eindeutig, dass Du echt mein Bruder sein könntest! Genau so war meine Empfindung des Systems und der Gang der Geschichte. Nicht nur, dass wir in der gleichen Größen-/Gewichts-/Wadenumfangs- und Altersliga kämpfen,beide geraucht haben, beide Kontaktlinsen tragen (vielleicht sogar dieselben?) ... okay, einer ist halt der erfolgreichere Sportler!
    Zitat Zitat von dicke_Wade Beitrag anzeigen
    Ich hatte noch Glück, dass vorher keiner auf die Idee gekommen ist und ich schrieb das Motto der LG Mauerweg "Niemand hat die Absicht 100 Meilen zu laufen" hinein.
    Geniale Idee! Die anderen waren wahrscheinlich schon zu übersäuert um auf sowas zu kommen und/oder das noch so zu geniessen!
    Zitat Zitat von dicke_Wade Beitrag anzeigen
    Nun bekam jeder den 10er.
    Den habe ich nie bekommen ... nur die 100 DM habe ich in Ratzeburg an der Sparkasse bekommen und sie in Hamburg beim Kaufhof am Hbf für nen "vernünftigen" Kassettenrecorder von Sanyo ausgegeben. Dafür musste ich auch nicht U-Bahn fahren, sondern wurde vom Papa im Trabbi chauffiert.
    Zitat Zitat von dicke_Wade Beitrag anzeigen
    Dort auf dem Bahnsteig war es so voll dass ich glaube 3 U-Bahnen warten musste bis ich einsteigen konnte. Und wo fuhr ich hin?
    Hier musste ich zweimal lesen, ob Du nicht beim Mauerlauf zwischendurch mal die Bahn genommen hast!?

    Bin auf dei Fortsetzung gespannt!
    Steffen aus Schwerin ... nübergemacht im Novenber 89
    Steif
    ---------------------------------------
    Ständig verschwinden Senioren spurlos im Internet, weil Sie "ALT" und "ENTFERNEN" gleichzeitig drücken.

  13. #13
    Limited Edition Avatar von Mario Be
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    Mahlzeit Tommi,

    erstmal meinen Glückwunsch zur sportlichen Leistung! Solch einen Lauf zu beenden ist für mich ganz großes Kino! Ich hab wirklich einene Haufen Respekt vor solchen Leistungen.

    Und dann wollte ich Dir für den tollen Bericht danken. Mit deiner Sichtweise dabei liest es sich schön kurzweilig und sehr interessant.
    Freue mich schon auf den nächsten Teil.

    Grüße aus dem Ruhrgebiet
    HM-10/14 - 2:10:08 | 10k-11/14 - 49:45 ...to be continue

  14. #14
    Mit Ausdauer hat es auch die Schnecke bis zur Arche geschafft! Avatar von zanshin
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    Zitat Zitat von dicke_Wade Beitrag anzeigen
    @Carmen, ich hab mich dolle gefreut, dich wieder zu sehen beim Start und die ersten Kilometer. Schade, dass du den Lauf abbrechen musstest, aber gemach, 123 Kilometer sind gutes Holz! Hoffe du ärgerst dich nicht zu sehr

    Gruss Tommi
    Habe mich riesig gefreut, Dich wieder zu treffen. Und vor allem hat es mich wahnsinnig gefreut, dass Du so gut durchgekommen bist!

    Ich konnte den Lauf bis Sacrow und ein ganzes Stück danach richtig genießen. Habe dann ernährungstechnisch einige Fehler gemacht (konnte das süsse flüssige Zeugs, das ich dabei hatte ab einer bestimmten Zeit nicht mehr vertragen. Anstatt es aber doch mal mit etwas salzigem und v.a. fettigem wie Wurst oder Schmalzbrot zu versuchen, dachte ich, dass sich das schon wieder gibt.... Tja... und dann begann sich die Abwärtssirale zu drehen und dann kam natürlich auch die Erschöpfung mehr und mehr zur Geltung). Gut. Nächstes Jahr wird es hoffentlich besser klappen...

    Aber das ist DEIN Faden.
    Und ich warte schon sehr, sehr ungeduldig auf die Fortsetzung.....
    Zuletzt überarbeitet von zanshin (22.08.2014 um 13:44 Uhr)
    Liebe Grüße
    - Carmen

  15. #15
    01.10.2025 Avatar von d'Oma joggt
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    Tommi,
    danke für den Bericht (hoffe auf schnelle Fortsetzung), ich hatte beim Lesen eine Gänsehaut.
    November '89, hochschwanger vor dem Fernseher, ich erinnere mich an jede Minute, jede Emotion, diese unendliche Freude.
    Ich freue mich noch immer.

    LG Anke
    12.05.2007 / 12.05.2012 / 09.04.2013 / 27.05.2017
    ...an Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
    An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
    In dieser Nacht der Nächte, die uns soviel verspricht
    Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht
    (Toten Hosen)
    ________________________________________ __

    BIG 25 Berlin 2015 HM 2:14:xx

  16. #16
    GlücksKind
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    Toller Bericht Tommi, ich warte gespannt auf die Fortsetzung. Aufgrund meiner desaströsen Verfassung hatte ich mir aufgrund Eigenschutztes verboten was übers Laufen zu lesen aber deinen Bericht konnte und wollte ich mir nich verkneifen

  17. #17
    Pfützen machen glücklich! Avatar von dicke_Wade
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    Ihr seid so lieb Dankeschön *hopps* Zweiter Teil ist fast fertig

    Gruss Tommi


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

  18. #18
    Gardasee - wo das Training am schönsten ist Avatar von NordicNeuling
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    Super-Leistung! Gratulation. Bin gespannt auf Teil 2.
    Gruß vom NordicNeuling

  19. #19
    Pfützen machen glücklich! Avatar von dicke_Wade
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    Im Zug nach Thüringen hab ich Zeit, weiter über meine Erlebnisse auf dem Berliner Mauerweg zu schreiben. Ich freue mich natürlich über die Anteilnahme und da macht das gleich doppelt Spaß.

    .............................

    Am Mahnmal von Peter Fechter legte ich meine Rose nieder und das sah schön aus. Ein kleiner Teppich aus Rosen und ein schönes Gedenken an seinen furchtbaren Tod. Nach dem obligatorischen Foto lief ich weiter. Durch das Mauer-Panorama im Asisi-Panometer hat sich unsere kleine Gruppe auseinander gezogen und von nun an lief ich alleine. Der erste Verpflegungspunkt kam kurz darauf und hier wurde erst einmal nur Wasser angeboten. Nach etwa 10 Kilometern reicht das auch noch aus. Es war aber auch schon über eine Stunde vergangen und ich hatte durchaus auch Durst, sodass ich ganz gut in mich rein süffelte. Ziemlich viel Zeit hatte ich auch verloren auf diesem ersten Abschnitt. Sorgen an sich machte mir das nicht. Es ist noch viel Weg um Berlin herum und da sind die paar Minuten jetzt nicht der Rede wert. Ein Ultra wird nicht auf den ersten Kilometern gewonnen. Da ich nun alleine lief fand ich schnell in ein angenehmes Tempo bei dem ich mich wohl fühlte. Ich wusste nicht direkt, wie schnell ich war, an meinem Garmin hab ich den Satellitenempfang ausgeschaltet, sonst würde der Akku nicht die ganze Zeit halten. So benutzte ich ihn nur als Stoppuhr. Ich wollte allerdings alle Verpflegunspausen heraus stoppen, um meine Nettolaufzeit zwischen ihnen zu haben. Ich bin eben ein Statistikfän und die Auswertung später macht mir große Freude. Vom Veranstalter wurde eine Zeitmessung über die Firma Sport-Ident angeboten. Wir trugen dazu einen Chip ums Handgelenk und an jeder Verpflegungsstelle war ein Lesegerät, dass die Zeit stoppte. Dieses wurde zeitnah ins Internet geladen, so dass Freunde und Verwandte jeden Läufer auf der Strecke verfolgen konnten. Eine wunderbare Idee, die reichlich genutzt wurde. So auch bei mir, wie ich hinterher feststellen konnte. Und so gab es auch eine Genaue Auswertung aller Zwischenzeiten Nach dem Zieldurchlauf. Auch wenn ich kein GPS hatte konnte ich mein Tempo immer recht gut einschätzen und anhand der gelaufenen Zeit wusste ich immer ziemlich genau, wo ich mich zwischen den VPs befand. Noch dazu hatte ich meine persönliche Zeittabelle, die mich sicher zur Sub24 führen sollte immer griffbereit. Da hatte ich die Kilometer und die gewünschten Zeiten zwischen den VPs aufgelistet. Daran konnte ich mich sehr gut orientieren. Im ersten Drittel hab ich zwar immer etwas Zeit verloren, gerade an den VPs, wo ich mir zu Beginn des Laufes drei Minuten gönnen wollte. Hier was essen, da was naschen und immer gut trinken, das kostete oft mehr Zeit und ich wollte da nicht in Hektik verfallen. Absichtlich getrödelt hab ich dann aber auch nicht. Immer schön nach Gefühl, so wie es mir gerade passte.

    Ich kam zum zweiten VP und der wurde vom "Hupsies Lauftreff am Brandenburger Tor" betreut. Eine ganz tolle Truppe bei denen ich auch schon mitgehoppelt bin. Den Weihnachtsmarkt-Glühwein-Lauf letzten Dezember, für mich eine ganz neue Erfahrung, hab ich in sehr guter Erinnerung. Ich hörte Hupsie mit seiner Knatter schon vom weiten und es war eine ganz wunderbare Stimmung dort. Die Leute abgeklatscht und umärmelt und nebenbei getrunken und schon etwas gefuttert. Auch da verging mehr Zeit als geplant aber das war gut so und schön.

    Ich lief weiter, rechts Neukölln und links Treptow, heute sind die beiden Bezirke verschmolzen. Bis wir an der Kaffeerösterei vorbei kamen und nun viele Kilometer dem Flutgraben folgten, links von uns war hinter der Schallschutzwand die A113. Nun begann ein Abschnitt, den ich sehr genoss. Die anfänglichen leichten Schmerzen der linken Kniescheibe hatte ich bereits hinter mir, es ging mir gut und ich hatte mein Wohlfühltempo gefunden. Die Strecke ging geradeaus und war bestens asphaltiert. Das war schon so eine Art Flow, in dem ich da recht lange lief. Jogger und Radler kamen uns entgegen und die ersten von ihnen begrüßten uns bereits, Daumen hoch oder auch schon Applaus gab es für uns Mauerwegläufer. Das war schön und aufbauend. Auch Anna aus dem Runnersworld-Forum, sie lief die erste Etappe einer Viererstaffel überholte mich hier und rief mich schon von hinten an. Hätte auch Patricia Rolle sein können und daher wusste ich die Stimme noch nicht zuzuordnen. Als sie vorbei fegte erfreute ich mich an ihrem flotten und tollen Laufstil. Leider nicht lange, sie war verdammt schnell unterwegs. Das gute Laufgefühl hielt weiterhin an bis wir leider dieses schöne Stück verließen. Es ging die Rampe hinauf auf die Autobahnbrücke und über den Kanal und auf der anderen Seite hinab. Das war ein krasser Rhythmuswechsel, der alles zunichte machte. *haha* Na ich will nicht übertreiben, aber in Verbindung mit dem normalen Bürgersteig anschließend war es einfach nicht mehr so, wie vorher.

    Es ging durch Rudow und ich hab schon gar nicht mehr daran gedacht und nicht damit gerechnet, aber da stand mein Kollege Danny, der mich schon letztes Jahr ein Stück begleiten wollte. Er ist ein Läufer, noch in den Anfangsjahren und wollte dieses Jahr etwa 20 Kilometer mit mir mit laufen. Darüber hab ich mich schon lange vorher gefreut. Bis er sich bei einem heftigen Radsturz die Hand böse verletzte und immer noch dick verbunden mit Daumenschiene rumlaufen muss. Dennoch stand er da und etwa drei Kilometer lief er mit mir und da freute mich schon sehr. Schön geschwätzt haben wir und Spaß gehabt.

    Und als er mich verließ, da hatte ich kurze Zeit später dann doch so etwas wie eine Krise. Erst der Abschied vom Flutgraben, dann von Danny und nun hatte ich nix mehr. Okay, so schlimm war es nicht, aber es lief unrund und machte erst einmal nicht so den Spaß wie vorher. Da ich aber nun schon einige Jahre Ultraerfahrung hatte und in der Vergangenheit auch nicht jeder Lauf so lief wie gewünscht, wusste ich, aus diesem Loch komme ich wieder heraus. Körperlich hatte ich ja nichts zu beanstanden, es war nur der Kopf. Und was mache ich in solch einer Situation? Ich laufe einfach weiter und weiter auch wenn das Lächeln da mal etwas schwerer fällt. Jetzt im Nachhinein weiß ich auch nicht mehr ganz genau, wie lange diese Phase anhielt. Lange war es aber nicht, ich glaube beim nächsten VP am Buckower Damm, wo mich bestens gelaunte Helfer empfingen war es damit auch schon wieder vorbei. Ich hab da eh die Einstellung, egal wie mies ich drauf bin, beim Eintreffen bei einem VP bin ich gut gelaunt. Da wird Freude gezeigt. Die lieben Leute stehen da mitunter viele Stunden nur für uns Läufer, da haben sie es nicht verdient, dass ich da griesgrämig daher komme. Und so ist es ein Geben und Nehmen und es baut uns alle wieder auf.

    Beim nächsten, dem siebenten VP werde ich die Marathonmarke überschritten haben. Das klingt möglicherweise lustig in Anbetracht der Distanz des Mauerweglaufes aber bei jedem Ultra gibt es bei mir einen innerlichen Jubler, wenn ich die Marathonmarke überschreite. "Ab jetzt ist Ultra!" Sage ich mir da immer. Ein kleines Ritual. Und dieses ist auch immer wieder ein Quell guter Laune für mich.

    Bis dahin wunderte ich mich aber auch, dass mir ein Teilstück des Mauerweges fehlte. Vor zwei Jahren, als ich beim Etappenlauf von Berlin nach Cottbus mitlief, liefen wir auch den Mauerweg entlang, bis wir die A113 überquerten, die dort teilweise im Tunnel verläuft. Damals mit Gero beim ersten Mauerweglauf liefen wir noch auf der Baustelle der Autobahn entlang. Und das hab ich verpasst. Ich hab mir die genaue Strecke im Vorfeld des Laufes nicht angeschaut und genau da "kürzten" wir durch Rudow etwas ab. Später schaute ich mir das noch einmal genau an. Aber alles keinen Grund für mich zu verzagen, mir ging es wieder gut, der Kopf spielte mit, der Körper lief wie ein gut geschmiertes Uhrwerk. So konnte es weiter gehen.

    Der Körper! Ich hatte ein anderes Problem mit dem Körper. Etwas oberhalb der Beine. Pinkeln ist ja für den männlichen Läufer nichts Schwieriges, aber wenn es dicke kommt, das ist dann schon was anderes. Und das verging nicht mehr und in Anbetracht der Tatsache, dass ich noch über 18 Stunden unterwegs sein würde, war es nicht zu ignorieren. Ich finde nicht viele Dinge schlimmer, als mich in den Wald zu hocken und ... ähm nun ja ... das zu tun. Ich hielt angestrengt Ausschau nach Restaurants, Cafés und dergleichen. Samstag Vormittag keine einfache Sache und der Mauerweg ist manchmal auch etwas abseits vom Schuss. Dann sah ich ein Schild, dass ein Café 150 Meter weiter ab sei. Der Umweg war es mir Wert! Nichts wie hin! Und was musste ich feststellen? Noch geschlossen! *hoil* Also wieder umgedreht und zurück zur Strecke und da ich nun keine andere Wahl mehr hatte, schlug ich mich ins Gebüsch. Gottseidank hab ich seit vielen Jahren bei solchen Läufen immer genügend Klopapier dabei, sodass zumindest dieses Problem bewältigt werden kann. Mehr ins Detail will ich jetzt aber auch nicht eingehen *haha* Von da an hatte ich aber meine Ruhe. Klaus Neumann, der clevere Ultra und Transeuropalauf-Finisher meinte später nur zu mir "Du musst deinen Körper dahingehend optimieren, dass er alle Ausscheidungen nur noch gasförmig von sich gibt". *lachweg* Schön wäre es, wenn das so einfach ginge. Erwähnen möchte ich noch, dass es durchaus an einigen VPs Dixiklos gab, nur nicht an jedem. Also wusste man nicht, wann kommt das nächste Dixi. Ich hab beim Veranstalter angeregt, für das nächste Jahr, dies als Kennzeichnung für die VPs mit aufzunehmen, damit man als Läufer da besser planen kann.

    Jetzt verlief die Strecke schön im Grünen. Sträucher rechts und links, mal mehr mal weniger hoch. Das empfand ich als angenehm. Der Boden war auch abwechslungsreicher, an einen vernünftigen Schlurfschritt war oft nicht zu denken aber das war okay so. Hin und wieder kam die Sonne raus und dennoch war es schattig. Ich dachte daran, wie gut der Schatten wäre, hätten wir die Temperaturen von vor zwei Wochen. Dann wäre das nicht nur muskulär sondern auch körperlich eine äußerste Grenzerfahrung geworden. Klar war ich so gut wie nur möglich auch Hitze vorbereitet aber es ist dann doch viel schöner, wenn die Temperaturen moderat sind. Insofern hatten wir mit dem Wetter ein Riesenglück, die späteren kurzen Regenschauer waren ja so schlimm auch nicht.

    Bei Teltow kamen wir an die erste Wechselstelle der 4er-Staffeln. Dazu machten wir einen kleinen Ausflug weg vom Mauerweg, da die Wechselstelle in der Turnhalle eingerichtet wurde. Fand ich ganz gut so. Ich hatte mir zwar ein trockenes Laufshirt mit dem Dropbag hierher bringen lassen aber ich fühlte mich in dem was ich gerade an hatte pudelwohl und so war alles gut. Da ich vorher bemerkte, dass ich zwischen den VPs durchaus schon Durst bekam, füllte ich hier die Wasserblase in meinem Rucksack mit Wasser. Besser zwischendurch hin und wieder ein paar Schluck süffeln, als dann beim VP richtig viel trinken zu müssen. Bei ordentlicher Hitze hätte ich das schon viel eher gebraucht. Auch war es hier das erste mal, dass ich von dem köstlichen Sternburg Radler trank. Von dem sollte ich fortan noch sehr oft nicht gerade wenig trinken. Das war durchaus richtiges mit Alkohol, aber bei solch einem Lauf merkt man das eh nicht. Es gab auch oft alkoholfreies Hefeweizen. Und hin und wieder richtiges Pils. Bis auf einmal trank ich davon aber nichts, hatte ich keinen Appetit drauf. Ansonsten trank ich immer verdünnte Apfelschorle. Von den Getränken her gab es alles was des Ultraläufers Herz begehrt. Auch Cola, von der nahm ich aber dieses mal nichts. Und das Essen? Auch da blieben kaum Wünsche offen. Käsestullen, Salamistullen, Käsewürfel, Salzstangen, Erdnüsse, Studentenfutter, Kuchen, Waffeln ach Mensch ich kann das gar nicht alles aufzählen. Man sah, hier waren sehr erfahrene Ultraläufer am Werk, die das alles organisiert hatten. Und darüber hinaus gab es an einzelnen VPs noch spezielle Dinge, wie am VP 16 bei Familie Pagel & Friends frische heiße Pellkartoffeln mit Salz.

    Nach der Wechselstelle ging es auf der anderen Straßenseite zurück zum Mauerweg und durch Zehlendorf bzw. Kleinmachnow Ein wenig liefen wir durch Wohngebiete und hier hab es einen privat eingerichteten kleinen Erfrischungspunkt von einer Anwohnerin. Mit einem Schild "Für die 100 Meilen Läufer". Das war so lieb und nett, einfach umwerfend! Kurz vor Dreilinden bogen wir auf eine über 5 Kilometer schnurgerade Strecke durch den Wald südlich von Wannsee ein. Na hier hab ich mich aber auch wohl gefühlt! Das lief sich einfach nur so weg und machte wieder einmal richtig Spaß! Davon mal abgesehen, angesichts der Teilnehmerzahl waren jetzt noch richtig viele Läufer in meinem Tempobereich um mich herum. Das habe ich schon ganz anders erlebt. Dann kamen mir noch zwei Mädels mit Mini-Shettys entgegen. Da ging mir das Herz auf, musste ich fotografieren und mich mit ihnen in Position stellen und ein wenig knuddeln. Da kam ich noch etwas in die Hocke, nicht mehr ganz aber immerhin *hihi*

    Wir hatten das Waldstück hinter uns gebracht, auch jeder schöner Streckenabschnitt hat leider mal ein Ende, schon waren wir in Potdsam Babelsberg. Es war auch für mich eine Art Meilenstein als ich das Ortsschild Potsdam sah. Da bin ich von Prenzelberg bis nach Potsdam gelaufen. Auch für mich sind das Dimensionen, die so leicht nicht vorstellbar sind. Find ich auch gut so. Da konnte es ja nicht mehr weit sein bis zum Schloss Sacrow, der zweiten Wechselstelle. Es begann auf einmal, huch wie plötzlich!, zu regnen. Okay, war nicht so überraschend, hatte der Wetterbericht ausnahmsweise mal recht. Und glücklicherweise war das kurz vor dem VP Griebnitzsee. Da gab es genügend Platz für alle Läufer, sich etwas unterzustellen, damit man nicht komplett durchweicht. Das trocknet doch dann nicht mehr. Schlimmer noch wäre es, wenn die Schuhe nebst Socken absaufen. Es war zum Glück nur eine kurze Husche und wir konnten weiterlaufen, ohne zuviel Zeit verloren zu haben. Alexander von Ulenieckie, mit dem ich ein paar hundert Meter zusammen lief musste kurz darauf seine Regenjacke wieder ausziehen. Umsonst angezogen, aber es gibt Schlimmeres.

    Wir liefen durch Babelsberg bis wir über die Brücke nach Klein Glienicke liefen. Das kam mir alles wieder einmal sehr bekannt vor. Vor noch nicht all zu langer Zeit bin ich hier schon einmal lang gewetzt. Potsdam Marathon? Muss mir mal dessen Streckenverlauf anschauen. Hier in Potsdam und den historischen Stätten waren natürlich mehr Touristen anzutreffen, die uns teilweise komisch oder auch belustigt anschauten. Nach rund 10 Stunden Laufzeit, auf der Glienicker Brücke, welche Berlin mit Potsdam verbindet und berühmt durch den spektakulären letzten Agentenaustausch 1986, traf ich Alexander wieder und ich musste hier ein Foto von mir machen lassen. Alexander schaute derweil auf die Zwischenergebnise des Führenden und wir waren beeindruckt und rechneten hoch, dass er nach 13 bis 13:30 ins Ziel kommen müsste. Eine phantastische Zeit! Auch uns Lahmsoggen begeistert und motiviert so etwas. Wir unterquerten die Brücke auf der Potsdamer Seite und hätten dort verharren sollen, denn es begann, wieder zu regnen. Wir schafften es noch mit einem Sprint unter die nächsten dicken Bäume und warteten dort das Gröbste ab. Nach 75 Kilometern geht es doch noch flott, wenn man den will.

    Auch diesmal hielt der Starke Regen nicht lange an und als es erträglich wurde liefen wir wieder weiter und das war auch gar nicht unangenehm. Ein weiterer schöner VP erwartete uns: das Brauhaus Meierei bei Kilometer 78. Hatte ich sonst bei dem Lauf keinen großen Appetit auf Bier, genehmigte ich hier mir ein frisch gezapftes Pils. Öhm, nicht nur eins *grins*. Und weiter lief ich meinen Stiefel. Wir machten jetzt einen großen Ausflug weg vom Mauerweg bis nach Krampnitz. Für den dortigen VP hatte sich meine langjährige Lauffreundin Sylvia angekündigt. Sie wollte mich einige Kilometer laufend begleiten und darauf freute ich mich sehr. Sie hatte mich schon den Tag über den Live-Ticker von Sport-Ident verfolgt und konnte daher gut abschätzen, wann ich da sein würde. Und sie kam mir schon ein paar Kilometer eher entgegen. Meine Freude war groß. Schon ein paar Trainingsläufe sind wir gemeinsam gelaufen und auch ein paar Kilometer beim Tollenseseelauf vor drei Jahren. Sie hatte sich kleine Sorgen gemacht, dass ich nicht für Gespräche aufgelegt sein könnte aber nix da, ich war richtig gut drauf und wir unterhielten uns bestens. So war es der kurzweiligste Streckenabschnitt und und gemeinsam konnten wir lange Abschnitte durchlaufen. Sylvia hatte ihren Garmin dabei und nach einem guten Stück Laufens meinte sie, dass wir genau 7er Pace liefen. Ich freute mich schon darüber, denn das war genau mein geplantes und erwünschtes Lauftempo. Wir sammelten nebenbei schon nicht wenige Läufer ein, die jetzt längere Abschnitte gehen mussten. Gehpausen machte ich auch schon eine ganze Weile, aber ich bemühte mich, diese jedes mal so kurz wie möglich zu halten. Und noch konnte ich zwischendurch recht lange Abschnitte rennen. Solche Gehpausen, wenn sie denn noch so kurz sind erholen einen körperlich nicht wirklich, aber tun dem Kopf sehr gut. Die Beine tun jetzt ja doch schon ziemlich weh. Und auch nur eine Minute Gehen tun einfach nur gut, gefragt ist dann auch hier wieder mentale Stärke, die Pause halt schnellstens wieder zu beenden. Das hatte ich bisher sehr gut in Griff und mit Sylvia an meiner Seite funktionierte das noch viel besser.

    Wir unterhielten uns weiterhin wunderbar, sie freute sich natürlich auch für mich, dass ich läuferisch noch so gut drauf bin und sie mich nicht irgendwie aufbauen müsste. So hatten wir beide richtig viel Spaß auf dem Abschnitt. Allerdings ärgerte sie sich auch immer mal wieder, dass sie mir hier und da den schönen See und Uferweg hätte zeigen können, nur die vielen Bäume waren immer im weg. Unsere Laufstrecke verlief eben mehr auf geraderen, asphaltierten Wegen, als dass es nach Schönheit ging. Hier läuft sie viel und oft und hätte mir gerne mehr gezeigt. Ich für meinen Teil meinte, dass mir das im Moment viel lieber sei. Guter Asphalt kommt dem Schlurfschritt entgegen und es besteht keine Stolpergefahr und nach der bereits zurück gelegten Strecke und vor allem, das was noch vor mir liegt ist meine Aufmerksamkeit für die schönen Dinge neben der Strecke doch etwas eingeschränkt und das Interesse lässt nach. Sylvia könnte ja mal wieder einen Lauftreff anregen und uns diese schöne Strecke am Ufer des Krampnitz- und des Lehnitzsees zeigen *zwinker*

    Wir kamen zum VP Schloss Sacrow und dies war auch die zweite Wechselstelle für die 4er-Staffeln. Hierher hatten sich wohl alle Läufer viele Wechselsachen mit den Dropbags liefern lassen. Nach meiner Zeittabelle hätte ich hier nach kapp 12 Stunden eintrudeln müssen, war aber etwa fast 50 Minuten hinter meiner geplanten Zeit. Ich machte mir da aber keine großen Gedanken. Die Sub24 waren zwar ein Ziel und ein Wunsch aber kein Dogma. Wenn es denn damit nicht klappt, geht die Welt nicht unter. Die Strecke an sich zu bewältigen war das Wichtigste. Ich hatte in meinem Beutel frische Schuhe, die wirklich frisch waren. Ich hab mir dieses Frühjahr eine neue Sorte Laufschuh zugelegt, den Asics Gel Cumulus 15 und dieser ist sehr schnell zu meinem absoluten Lieblingsschuh aufgestiegen. So sehr, das ich ein paar Monate später einen weiteren baugleichen Schuh kaufte. Und das wird nicht der letzte sein. Jedenfalls lief ich mit dem alten Paar bis hier, wo wir bereits 91 Kilometer unter der Sohle hatten und ab hier wollte ich mit den neuen weiter laufen. Mit dem Gedanken, frischer Schuh läuft wieder gut. Nun, nach anfänglichem Drücken der Einlage, lief sich das wunderbar ein und mein Plan ging auf. Ich fühlte mich weiterhin sehr wohl auf meinen Füßen und so war das die richtige Entscheidung. Ein langes Shirt hatte ich noch eingepackt für die Nacht, da es doch recht kühl werden sollte und natürlich die Stirnlampe und die Warnweste. Ich packte alles erst einmal in meinen Rucksack, wollte es später anziehen, wenn ich es brauchen würde. Das Ganze dauerte schon seine Zeit, etwas essen und trinken wollte ich nebenbei ja auch noch und so "verplemperte" ich hier über 12 Minuten. Zeit, die aber nicht vergeudet war, ich hab ja nicht wirklich getrödelt.

    Und weiter ging es, Sylvia wollte bis zum nächsten VP bei Familie Pagel & Friends mitkommen, da sie dort eine Mitfahrgelegenheit hatte. Harald, ihr Schatz wollte sie dort abholen. Ich freute mich natürlich auch sehr, ihn wieder zu sehen. Bis dahin liefen wir weiterhin wunderbar. Okay ich wurde etwas schweigsamer. Den VP der Familie Pagel sahen wir schon von weitem und als wir näher kamen drehten sie die Musike voll auf. Und es gab eine persönliche Laola-Welle nur für uns. Was für ein toller Empfang! Bei solchen Läufen sind die VPs an sich schon äußerst willkommene Stellen, aber ein solcher Empfang ist schon was Besonderes. Und die nächste Überraschung lies nicht lange auf sich warten: Es gab frische, heiße Pellkartoffeln und Salz dazu. Das war der absolute Hammer! Ich bedauerte es ein wenig, dass ich mir nicht mehr Zeit nehmen konnte, um mehr zu futtern. Denn ich musste mich auch umziehen. Wir sind ja jetzt schon im Spätsommer und es wird doch eher dunkel. Also das lange Shirt angezogen und die Warnweste drüber. Manche trugen ihre Warnwesten unter ihren Rucksäcken, ich dachte mir, drüber wäre lockerer und angenehmer. Und ich sollte recht damit behalten. Ich kam weiterhin an alle meine vorderen Taschen meines Rucksacks heran. Bis auf die Kamera, die brauchte ich dann nicht mehr, es wurde zu dunkel und fotografieren lohnte sich nicht mehr. Ich verabschiedete mich von Sylvia und Harald schweren Herzens und schlurfte nun wieder alleine meines Weges.

    Es traf zum Glück nicht das ein, was ich befürchtete. Ich fiel in kein weiteres Loch, nachdem ich nun wieder allein meines Weges dahin lief. Ich war wohl schon längst fern von Gut und Böse. Kurze Zeit später hatte ich die 100-Kilometermarke hinter mir und es waren nur noch 61 Kilometer. Das ist doch eine überschaubare Reststrecke. Ich gehöre eh nicht zu den Läufern, die sich schier erschlagen vorkommen in Anbetracht der weiten Strecke, dir noch vor einem liegt. Logisch teile ich mit jede Strecke auch in kleinere überschaubare Abschnitte ein. Da sind dann immer Teilziele und man freut sich diese zu erreichen. Hier beim Mauerweglauf waren das immer wieder die Verpflegungsstellen. Mal war der Abstand 7,53 Kilometer, *stöhn* und dann waren aus auch wieder mal nur 4,07 Kilometer. Mein geplantes Tempo inklusive Gehpausen sollte mittlerweile nur noch 8:30 und dann später 9:00 min/km betragen und ich schaute auf meiner Liste, wie lange ich bis zum nächsten VP brauchen würde.
    Wie schon erwähnt, kam ich so auch ohne GPS bestens zurecht. Da ich die Gehpausen weiterhin recht kurz halten konnte, schaffte ich es, die Zeit jedes mal zu unterbieten. Und das war auch jedes mal ein Aufholen des Rückstandes auf die Sub42. Meine Zuversicht, stieg weiter und das förderte die guten Laune. Und etwas zusätzliche Motivation brauchte ich jetzt schon. So im Lichte der Stirnlampe war es schon ein anderes Laufen als im Tageslicht. Auch wenn ich mal links und mal rechts schaute, mehr als angestrahlte Bäume gab es nicht mehr zu sehen. Jetzt beginnt es für viele, hart zu werden. Ich schaffte es, wie schon bei meinem ersten 24-Stundenlauf, meine innere Ruhe zu bewahren, und zu laufen und zu laufen. So lange bis es nicht mehr geht, dann gehen bis es wieder läuft. Ich setzte mit immer kleine Ziele nach der Art: Du läufst jetzt 10 Minuten, dann darfst du eine Minute gehen. Mein Laufstil war zwar z einem kompletten Geschlurfe verkommen und ich schmirgelte mir herrlich die Sohlen von meinen neuen Schuhen ab. Aber was war mir wurscht. Mir ging es gut dabei, ich kam gut voran damit und nur das Zählte. So verging Kilometer um Kilometer und was wollte ich mehr?

    Was ich mehr wollte war Schmerzfreiheit! *lachweg* Na allgemein tun die Beine ja eh weh und die Füße und so manches mehr was alles nicht schlimm ist. Aber was mich echt geärgert hat war mein rechter Adduktor. Das trat schon viel früher zwei mal eher kurz auf um mich nun permanent quälen zu wollen. Eine Zerrung war es nicht, aber doch ziemlich schmerzhaft. Wie nervend! Schwer ist es in solcher Situation, nicht irgendwie in eine Ausweichbewegung zu kommen, die den Schmerz zwar entlastet, aber mit Sicherheit später wo anders zu Problemen führen wird. Da half nur eines, ertragen und weiterlaufen. In der Hoffnung, dass es weniger wird oder was auch immer. Nun, es wurde nicht weniger, aber nach ein paar Stunden begann der Spaß im linken Bein ebenfalls und somit war wieder Gleichstand. Es lief sich wieder viel gleichmäßiger.

    Ansonsten gab es nichts groß zu meckern. Eher was kleines, was später doch groß wurde. Aber zum Glück kein muskuläres oder anderes wichtiges Problem. Ich scheuerte mir genüsslich die Haut unter den Achseln auf. Der Großteil des Gleitgels, was ich mir vor dem Start drauf geschmiert hatte, musste wohl im ersten Shirt verblieben sein und nun rubbelte es an der Haut. Das ist schon ein recht unangenehmes Gefühl und immer wieder zog ich den Ärmel des Shirts hoch um es etwas zu verbessern. Brachte alles nichts und am Ende war das durchaus richtig schmerzhaft. Und es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. Doch: Gehen! Nur das wollte ich wiederum nicht. Zumindest nicht zu oft und nicht zu lange. Das Wiederanlaufen kostete immer mehr Überwindung. Aber was sollte ich machen?

    Etwa 2 Kilometer vor der dritten Wechselstelle bei Kilometer 128 ging meine Stirnfunzel aus. Akku leer. Aha, bei voller Leistung hält der also ungefähr drei Stunden. Muss ich mir merken. Ich stellte aber fest, dass ich durch die Bewölkung und dem reflektierten Licht der Stadt noch ganz gut erkennen konnte, wo es lang ging. Auch die weißen Pfeile auf dem Weg konnte ich noch gut sehen. Derweil überholte mich ein Läufer, der mich in seinem Licht bis zur Wechselstelle mitlaufen lies, eine sehr nette Geste. Dort wollte ich neue Batterien in die Lampe fummeln aber meine Fingernägel waren zu aufgeweicht, ich bekam die Lampe nicht mehr auf. Ein netter Helfer am VP half mir aus der Patsche. Ich traf mit Thomas und Stefan leider zwei Läufer, die ich hier nicht mehr erwartet hatte. Sie hatten böse Blasen an den Füßen und mussten dadurch mächtig das Tempo drosseln. Thomas meinte, dass er wohl nur noch Gehend das Ziel erreichen wird. Auch Nina hatte ihre körperlichen Probleme, die ihr zu schaffen machten. Aber auch sie kämpfte sich bis ins Ziel durch. Wenn es einfach wäre könnte es ja jeder.

    Ich schlurfte auch wieder von dannen. Die Lichtstärke meiner Lampe stellte ich jetzt auf kleinste Stufe und konnte damit immer noch alles auf dem Boden bestens erkennen. Was auch nicht unwichtig war. Der Asphalt war des öfteren aufgeplatzt und auch Wurzeln brachten Unebenheiten mit sich. Aber schlussendlich gab es keinerlei bösen Stolperer und ich musste keine intensivere Bekanntschaft mit dem Boden machen. Die reflektierenden blauen Pfeile waren neben den weißen auch eine wunderbare Sache. Weit voraus waren sie oft schon zu sehen und so hatte ich auch die ganze Nacht keine Schwierigkeiten, auf der Strecke zu bleiben. Natürlich durfte meine Konzentration nicht nachlassen. Einmal, ich lief gerade durch Frohnau und es müsste bald der nächste VP kommen aber er kam nicht. Da hatte ich leichte Zweifel, ob ich noch richtig wäre. Ah! Am Ortseingang hatte ich die Lampe ausgeschaltet um Strom zu sparen und schon sah ich keinen der reflektierenden Pfeile mehr. Eingeschaltet und schon blitzte es mir blau entgegen. Und der VP kam auch so viel später nicht.


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

  20. #20
    Pfützen machen glücklich! Avatar von dicke_Wade
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    Vorher kamen wir durch ein Waldstück, wo der Veranstalter zur Sicherheit zwei Radler als Begleitung eingesetzt hatte. Sie sollten immer wieder pendeln und die Läufer über die paar Kilometer begleiten. Mich sprachen sie auch an, wie es mir ginge und ob ich Begleitung wünschte. Ich hatte aber beste Sicht und lehnte dankend ab. Zwei weitere Radler, ein Nacht-Radwanderndes Ehepaar, trieben sich derweil ebenfalls auf dem Mauerweg herum. Sie standen an einer Weggabelung und ich sagte zu ihnen, dass sie einfach nur den Pfeilen folgen müssten. Ich wusste gar nicht, was sie wollten, aber sie taten dies und ich sah sie später noch ein paar mal. Auf die Idee musste man auch mal kommen, des Nachts mit dem Rad auf dem Mauerweg zu fahren. Immerhin war es nun gegen zwei Uhr. Aber bekloppter als das, was wir Läufer taten, war das wohl auch nicht *hihi* hat eben jeder seine liebste Freizeitbeschäftigung. Am folgenden VP machten sie auch Rast und wir quatschten noch ein bisschen. Sie bekamen netterweise vom VP auch einen heißen Kaffee. Es war mittlerweile doch recht kühl und es nieselte sogar leicht. Allerdings nur so leicht, dass es mich nicht störte. Ich merkte es fast nicht, sah es nur durch durch die Stirnlampe. Heißen Kaffee trank ich auch recht häufig und das fand ich ne tolle Sache, dass die VPs auch dies anboten. Was die VPs betraf war ich über die Maßen zufrieden und bin voll des Lobes. Wenn ich nur daran denke, wie lange die Helfer an den VPs bereits da standen, als ich vorbei kam und wie lange sie noch würden ausharren müssen! Riesenrespekt. Und immer hatten sie so gute Laune. Einige VPs waren so gelegen, dass sie am Ende einer längeren Gerade positioniert und somit durch die Fackeln schon weithin sichtbar waren. Da es mir mittlerweile doch recht schwer fiel, längere Abschnitte durchweg zu laufen, war dies eine zusätzliche Motivation, es bis dahin durchzuhalten.

    Und somit wieder kostbare Sekunden bis Minuten gut gemacht. Ich war Mittlerweile ziemlich oft am Rechnen und jedes mal wurde es besser. Bei Kilometer 61 hatte ich die erste halbwegs sinnvolle Hochrechnung angestellt. Etwa 8 Stunden hatte ich für die 61 Kilometer benötigt. Blieben noch 16 Stunden für 100 Kilometer was einer Pace von 9,6 min/km oder 6,25 km/h entsprach. Da war ich schon der Meinung, das müsste doch auf jeden Fall zu schaffen sein. Wenn nichts Gravierendes passiert. Und fortan rechnete ich der Einfachheit halber nur noch in Km/h. Und mit jeder Stunde wurde es weniger. Also ich durfte mich langsamer fortbewegen und kam immer noch unter 24 Stunden ins Ziel. Ja ich konnte da noch wunderbar rechnen. Einerseits freute mich das, ein gutes Zeichen, dass ich geistig noch voll fit bin und andererseits lenkte mich das in der Nacht schön ab. Und nicht zuletzt war das eine sehr gute Motivation, weiterhin durchzuhalten und immer wieder ein Stück laufend zu bewältigen.

    Hatte ich schon Stunden vorher Karl Rohwedder und Conny Balke überholt kamen die zwei auf einmal wieder von hinten heran. Beide sind zwei sehr erfahrene Ultraläufer auf allen möglichen Strecken der Welt und zwei äußerst nette und angenehme Zeitgenossen. Karl ist immer für einen lustigen Spruch zu haben. Ich wunderte und freute mich, die zwei wieder zu sehen und Karl meinte nur, Conny will ins Bett, also müssen wir jetzt schnell ins Ziel. Wir blieben noch eine ganze Weile mehr oder weniger beieinander.

    Ja ansonsten passierte die letzten Stunden nicht mehr viel. Außer laufen, gehen, laufen, gehen und so weiter. Meine Berechnungen ließen mich immer mehr frohlocken und dann kam ich zum vorletzten VP. Ab hier waren es nur noch 6,7 Kilometer. Eigentlich ein Katzensprung. Und was noch schöner war. Es waren noch genau anderthalb Stunden Zeit bis Sechs Uhr! Wir waren sechs oder sieben Leute gerade am VP und alle waren wir uns sicher: "heute holen wir uns den Buckle!". Im Prinzip hätte jetzt sogar gemütliches Wandern gereicht. Und fast wäre es so gekommen. Die Lust, jetzt zu Laufen war angesichts dieses Zeitpolsters doch etwas geringer, aber hin und wieder schaffte ich es, wieder zu Karl, Conny und zwei weiteren Läufern aufzuschließen. Diese hatten noch einen recht flotten Wanderschritt drauf, bei dem ich nicht mithalten konnte. Mittlerweile liefen wir endlich wieder durch urbaneres Gebiet. Kamen an der Bornholmer Brücke und dem S-Bahnhof Gesundbrunnen vorbei. Hier am Grenzübergang Bornholmer Straße wurden am 9. November 1989 gegen 23:30 Uhr die Passkontrollen eingestellt und fortan war die Mauer offen und nichts konnte dies mehr rückgängig machen!

    Vor dem Haupteingang der Max-Schmeling-Halle war es noch einmal feiner Asphalt und ich setzte mich ein vorletztes mal Laufend in Bewegung. Einmal, weil ich es noch konnte und mich darüber freute, andererseits wollte ich mich etwas von zwei Läufern absetzen. Ich wollte meinen Zieleinlauf für mich alleine haben! Das Stadion kam in Sicht, hoch die Rampe und durch den Zaun. Jetzt noch eine Runde auf der Tartanbahn laufen, klar jetzt ging das auch noch einmal, ehe ich die letzten paar Meter gemütlich und freudestrahlend lieber ging. Ich wollte das einfach nur genießen und das war soooooo schön. Rechtzeitig vorher zog ich noch flink die Warnweste aus und nahm die Stirnlampe ab, sieht doch blöd aus auf dem Zielfoto! Und dann Jubeeeeeeeelllll!!! Rennleiter Ronald Musil empfing mich und umarmte mich. Ich bekam mein Finishershirt und musste natürlich noch mit dem Shirt ein paar schöne Fotos machen. Auf die Fotos freue ich ich schon riesig. Ich war so glücklich und auch nun erschöpft, dass ich keine Lust mehr hatte, noch Fotos mit meiner Kamera zu machen.

    Als nächstes kam nun: Hinsetzen! Bis auf drei mal Steinchen aus den Schuhen holen und dem Schuhwechsel hatte ich mich sonst auf der Strecke nicht ein einziges mal hingesetzt. Ich wollte immer auf den Beinen bleiben, damit gar nicht erst der Schlendrian einkehren konnte. Als nächstes besorgte ich mir ein Erdinger. Und dann setzte ich mich ins Foyer des Stadions und da saß Berit Jessen. Sie war schon eine Weile im Ziel und wir beide freuten uns riesig über unseren Erfolg. Sie wartete auf einen dänischen Lauffreund, den sie bejubeln wollte. Und dann war ich einfach zu allem zu faul. Ich wollte mich erst etwas hinlegen aber mir schmerzten nun die Beine dermaßen, dass an Ruhe eh nicht zu denken war. Die Endorphinproduktion kam zum erliegen und nun merkte ich in den Beinen, was ich mir angetan hatte. Selbst Schuld! *lacht* Die Zeit verging, die Dusche genoss ich sehr und glücklicherweise brannte es nur kurz an den Scheuerstellen. Später wurde dann die Gullaschkanone angeworfen und es gab schönes warmes Futter. Zu Konnopke zu latschen und ne Currywurst zu verdrücken hatte ich dann keine Lust mehr. Ich wartete mit einigen anderen auf den Shuttlebus zum Ramada-Hotel, in dem ab 14 Uhr die Siegerehrung statt finden sollte. War ganz schön voll der Saal und es war ziemlich stickiges Klima. Warm noch dazu und ich nickerte erst einmal ein. Alle Finisher wurden einzeln nach vorn gerufen und wir bekamen unsere Medaille und es gab ein Foto. Das zog sich alles ganz schön hin. Clevererweise hab ich mir vorher ein paar Hefeweizen aus dem Nachbarhotel besorgt. Es gab noch viele schöne Begegnungen aber auch die schönste Siegerehrung war dann vorbei. Auf dem Heimweg kam ich am Hofbräuhaus nicht vorbei, saßen da doch noch ein paar Bekannte und ich musste mich auf eine Maß hinzu pflanzen, ehe ich dann mit der U-Bahn nach Hause fuhr. Zu Hause schaffte ich gerade ein paar Schluck vom Bierchen und ich fiel dann wie ein Toter ins Bett.

    Nächstes Jahr die Back-To-Back-Medaille? Lust hab ich ja durchaus darauf aber bis dahin ist noch viel Zeit. Und ich brauche auch noch ein neues Attest ;)

    Gruss Tommi


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

  21. #21
    Avatar von Isse
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    So, alles durchgelesen. Ein richtig schöner Bericht, der wohl ein wenig länger war. Immerhin müssen auch 161 km verarbeitet werden.

    Ich finde deine Leistung echt bemerkenswert und hammermäßig. Schon alleine der Gedanke, da nachts ohne Begleitung nur mit Stirnlampe vor mich hinzudümpeln, siehst nix außer Wurzeln und Nieselregen. Diese mentale Stärke alleine schon aufzubringen, hält mich vom Gedanken an den Mauerlaufsweg aber so was von ab, niemals nicht!

    Tommi, du kannst so sehr stolz sein auf das was du da geleistet hast.

    Wie verliefen denn gesundheitlich die nächsten Tage nach dem WK? Was machten die Beinchen? LG
    Highlights bisher:
    2012: 100MC Brocken Berlin -
    22.12.2012 - Bergmarathon - insgesamt 1.570 hm und 42,195 km
    2013/2014/2015/2016/2017/2018/2019: Majors in Boston, New York, Chicago, Tokio und Berlin
    15.+16. Juni 2018 - 24 h Burginsellauf = 121,74 km






  22. #22
    Limited Edition Avatar von Mario Be
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    So, auch alles geschafft.
    Klasse Bericht, danke dafür!
    Ich lese ja selten Laufbericht, aber wenn dann von Ultras. Ich bin immer wieder begeistert von solchen Leistungen. Zudem motivieren diese Berichte ungemein finde ich, gerade wenn man selber seine ...im vergleich dammt kurzen... LaLas läuft, und es dort doch mal zäh wird.

    Wie Frau Isse (sorry, fand den von Udoh gut) schon schrieb, wäre ein Bericht "The Day after" mal interessant. Mich würde auch interessieren wie man sich am Tag danach fühlt, ob man sich dann nicht doch etwas selber verflucht oder so.

    Beste Grüße, Mario
    HM-10/14 - 2:10:08 | 10k-11/14 - 49:45 ...to be continue

  23. #23
    Mit Ausdauer hat es auch die Schnecke bis zur Arche geschafft! Avatar von zanshin
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    Danke Tommi!!!

    Ich bin beim Lesen im Geiste die Strecke nochmals abgelaufen.
    Und: Jetzt kann ich mir auch ein Bild von der Strecke jenseits vom km123 machen.
    Freue mich schon auf nächstes Jahr. Aber da will ich dann auch so ein Shirt!
    Liebe Grüße
    - Carmen

  24. #24
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    Moin,

    auch ich lese selten die Laufberichte, aber von den Ultras doch schon öfter und diesen hier... hab ich quasi verschlungen!
    Super geschrieben, man kann quasi mitlaufen ;-)))

    Und: Hut ab vor dieser Leistung!
    Wie Mario schon schreibt, wir laufen LaLa - wenn man die jetzt noch so nennen darf ;-)) - und hier werden in einem Rutsch mehr viele Km gelaufen als ich momentan im Ø pro Monat laufe...

    Gruß
    Michael

  25. #25
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    Dankeschön ihrs für eure Worte und fürs Interesse
    Zitat Zitat von Det_isse Beitrag anzeigen
    Wie verliefen denn gesundheitlich die nächsten Tage nach dem WK? Was machten die Beinchen? LG
    The day after aus unangenehm zu bezeichnen dürfte die Untertreibung des Jahres sein Ich bin gegen halb sieben aus dem Bett weil ich nicht mehr schlafen konnte. Ich bin ein Langschläfer aber die Schmerzen in den Beinen waren höllisch. Ich bin sowas ja an sich gewohnt (und bei meinem ersten 24er schaffte ich 166 km), aber dies war eine neue Qualität. Am PC konnte ich mir wenigstens die Zeit vertreiben. Ich war dann auch nahe drann, mir den Kaffeeautomat gleich auf den Schreibtisch zu stellen um mir das Aufstehen zu ersparen Aber am Ende konnte ich das nur mit dem selben Gleichmut ertragen, wie die lange Strecke auch. Jammern is nich, das hab ich mir ja selbst mit Absicht zugezogen. Der Rechte Adduktor war ein paar Tage etwas geschwollen und sehr berührungsempfindlich. Am Dienstag hatte ich eine Stunde Massagetermin und das tat soooooo gut. Ne halbe Stunde hintere Beine und den Rest für Schulter-Hals-Bereich, der mir bei solchen Läufen immer ziemlich verspannt. Glücklicherweise hatte ich die Woche noch Urlaub (gute Planung ) und so konnte sich alles wieder normalisieren. Vorgestern "musste" ich schon wieder ne Runde drehen, die Füße zappelten und wollten was tun. Ansonsten hab ich meine "Planung" wahr gemacht und halte mich auch daran: Keine größeren Wettkämpfe mehr dieses Jahr und auf keinen Fall die 24 Stunden von Bernau. Meine alten Gräten brauchen nun erst einmal Ruhe

    Gruss Tommi


    "Unser Denken bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was uns missfällt, werden wir auch viel Schlechtes sehen, dementsprechend über die Welt denken und unser Verhalten danach ausrichten. Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren, sind folglich zweifelsfrei glücklicher."

    Thorsten Havener

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