Tag zusammen,

mit zwei Tagen Abstand zu meinem ersten Marathon schreibe ich hier meinen ersten Laufbericht. Auf geht`s.

Da war er also nun, der große Tag. Mein erster voller Marathon, nachdem ich 2012 den ersten halben in Mannheim in 2:19h gelaufen war und seitdem viele 10er und doch einige HMs finishen konnte. Aufgeben musste ich in ca. 20 Wettkämpfen noch nie, aber dazu später mehr. Bestzeit für den halben steht seit 2015 bei 1:43h, in Stuttgart mit welligem Profil gelaufen. Drei Wochen vor Mannheim stand als Trainingslauf der HM in Heidelberg auf dem Programm, den ich trotz vieler Höhenmeter und angezogener Handbremse - vor allem Bergab - in 1:49h beenden konnte.

Ursprünglich wollte ich meinen ersten Marathon erst im September standesgemäß in Berlin laufen, doch als Test für Berlin bot sich Mannheim dann doch sehr gut an: Start/Ziel sind nur 300m von der Haustür entfernt, ich kenne zumindest den Mannheimer Teil der Strecke in- und auswendig von den vielen Trainingsläufen und den Halbmarathons 2012,14 und 15 und mal erfahren wie sich so der Mann mit dem Hammer anfühlt, wieso nicht.

Als Vorbereitung nahm ich mir einen individualisierten 8-Wochen Plan zur Hand, in den ich mit etwa 50 Wochenkilometer einstieg. Gedacht waren ca. 65-85 Wochenkilometer verteilt auf 4 Einheiten. Die Form war ganz gut, aber durch die tägliche Pendelei zur Arbeit (3-4h) und anderen Ablenkungen wie Familie und Freunde an den Wochenenden konnte ich den Trainingsplan nicht mal zur Hälfte erfüllen. Zwei Wochen vor dem Marathon fiel eine Woche dann noch komplett das Training aufgrund einer Erkältung aus. Vor allem die langen Läufe blieben auf der Strecke, 26, 30, 29 und 28km in den 8 Wochen. Zuvor war ich nie weiter als 32km gelaufen. Mir war also durchaus bewusst, dass ich vielleicht nach 19,5km rechts abbiegen sollte um den Halbmarathonis ins Ziel zu folgen. Aber was solls, da war ja noch alles in Ordnung.

Aber zurück zum Anfang. Wie gesagt wohne ich direkt an der Strecke bzw. an Start/Ziel und war somit optimal vorbereitet. Um 17 Uhr meinen Sohn beim Bambinilauf angefeuert und danach etwa 5 Minuten gesucht, bis ich ihn wieder gefunden hatte. Nicht geweint der Junge, brav
Dann nochmal kurz nach Hause, Magen war recht unruhig und Laufkumpel kam noch vorbei zum Umziehen. Die Verzögerungen um etwa 15 Minuten bei den Schülerläufen bekam ich noch mit und rechnete schon mit einem späteren Hauptstart. Daher gingen wir erst 18:40 Uhr aus der Wohnung und liefen uns kurz ein, um dann in den A1 Startblock zu gehen. Als Ziel für den gemeinsamen ersten Marathon stand eine 3:40-45h auf der Tagesordnung. Bei km19 hatte ich Verstärkung in Form von Sohn+Laufgürtel mit 4 Gels deponiert. Bis dahin wollte ich mit meinem Laufbuddy zusammenbleiben und etwa 5:25min/km rollen lassen, um dann die zweite Hälfte etwas schneller zu laufen. Negativsplit wie die Profis, is klar.

Der Startschuss fiel und es rollte sich gemütlich ohne Stau an. Startblöcke sind auf jeden Fall eine Verbesserung zum letzten Jahr. Auch wenn sie weder markiert, noch kontrolliert wurden. Es hieß also doch wieder 3-4km Slalomlaufen. Nach einem Kilometer (!) war mein Laufbuddy weg. Besser: ich war weg, er war brav im angepeilten Tempo unterwegs. Viel schneller war ich aber nicht, nach 5km zeigte die Uhr 26:50min. Wie ich nachher erfuhr war ich lange Zeit in Sichtweite. Hätte ich mich doch mal umgedreht...Es lief jedenfalls sehr gut, nach 10km standen 53:46min auf der Uhr. Puls bei 83%. Beine locker, Kopf locker
Durch Seckenheim an der Partymeile vorbei ging es am Neckar entlang auf die Strecke, die ich sicher schon 100 mal gelaufen bin. Am Luisenpark vorbei Richtung km19, wo Familie und Freunde und Gels auf mich warteten. Immer noch alles easy mit Kilometern zwischen 5:17 und 5:34min (viel trinken kostete einige Sekunden). Nach dem Lauf meinte ein Kumpel vom Straßenrand, dass ich schon ziemlich fertig ausgesehen hatte, als ich vorbeirauschte. Mein Laufbuddy 30 Sekunden dahinter schien hingegen graziös zu schweben. Den besseren Laufstil hatte er schon immer und sein vermehrtes Stabitraining, welches ich sehr vernachlässigt hatte, sollte sich auszahlen. Vorbei ging es an der HM-Marke in 1:52h. Kumpel weiterhin 30 Sekunden dahinter. Brücke rauf über den Rhein in meine geliebte Geburtsstadt Lumpehafe am Rhoi.
Den Großteil der Strecke in LU war ich eine Woche vorher in großer Hitze abgelaufen und stellte mich auf einsame Streckenabschnitte ohne viele Zuschauer ein. Die aufkommende Dunkelheit und vor allem die Kälte - mit Splitshort und sehr dünnem Laufshirt vielleicht falsch gekleidet - waren unangenehm. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. "Hallo" sprach die vertraute Stimme meines Best Buddies. Kurzes Schwätzchen, er fühle sich super und wird in etwa 2-3 km das Tempo anziehen. Meine kurze Frage nach seinem Puls beantwortete er mit "161". Sein Maximalpuls liegt sicher 10 Schläge über meinem. Ich schaute zur Sicherheit auf die eigene Uhr: "170". Mist, was ist da los. Gemeinsam legten wir die Kilometer 24-29 zurück. Gefühlt war es mir zu schnell, doch ich versuchte einfach dranzubleiben. Bis zur Wendemarke in Rhoigönnem (Rheingönheim) gelang mir dies auch, aber der Puls stieg Richtung 90%. Es war einfach zu schnell für mich, aber ich wollte es mir nicht eingestehen

Nun drückte auch noch die Blase wie verrückt. So langsam verabschiedete sich mein Kumpel ohne sich umzusehen und ich hechelte in die unbekannten Bereiche - wie gesagt war ich nie zuvor über 32km gelaufen. Bei km32 entschied ich mich zum Boxenstopp und ließ gefühlt 30 Sekunden Wasser. Puls ging zumindest mal auf 77% runter. Doch das Anlaufen nach dem Stehenbleiben war hart. Sehr hart. Und nun dämmerte es mir: Übersäuert beim Versuch mitzulaufen, fuck it! km31 ist mit 5:34min der letzte vorzeigbare, danach ging es in den tiefsten Keller. Auf eine 6:23 bedingt durch den Boxenstopp folgte eine 6:09min für km33. Die Beine krampften, der Magen drehte sich. Kurz übergeben und weiter ging es. Jetzt war die Luft raus. Ich kam gefühlt kaum vom Fleck. 7:12, 6:44 und 6:50 folgten für km34-36. Am Ende der Parkinsel kam die gefürchtete Schneckenudelbrücke. Wieder Gehpause und eine 7:24 für km37. Weiter am Rheinufer rechnete ich im Kopf, wie ich noch wenigstens die 4h unterbieten könnte. Finishen wollte ich auf jeden Fall, aufgeben ist nie eine Option. Auf eine 7:57 folgte die Gewissheit, dass auch die 4 Stunden nichts mehr werden. Die Brücke rauf über den Rhein war ultrahart, eisiger Wind, viele Gehpausen, einige Leidensgenossen und Genossinnen. Selbst Teamläufer gingen hier neben mir her, die waren doch nur Teilstücke unterwegs?! 8:02min für km39. So etwas läuft mein 3 jähriger Sohn, wenn wir gemeinsam auf der Laufbahn dahinzuckeln...Er volles Tempo, ich regenerativ. Schlimmes Gefühl, die Oberschenkel brennen, die Waden krampfen. Aber weiter, immer weiter, durch Schloss und Quadrate Richtung Ziel. Nicht mehr auf die Uhr schauen. Ankommen, irgendwie ankommen. Dann zur Massage und heim in die Wanne. Ich friere nun schon ziemlich und rette mich ohne Gehpausen in 7:26, 7:16 und grandiosem Endspurt in 6:52min für den letzten Kilometer ins Ziel.

2 Meter nach der Ziellinie breche ich erstmal zusammen. Emotional am Ende, aber auch begeistert von dieser Grenzerfahrung. Verärgert über die Naivität, dass meine Ergebnisse der vielen Halbmarathons doch für eine 3:40er Marathonzeit reichen sollten. Der Ärger darüber, meinem Laufkumpel folgen zu wollen, statt auf 5:40 runterzugehen und so vielleicht ohne großen Einbruch ins Ziel zu kommen. Wer weiß. Alles egal, ich rappel mich auf, hole mir Essen und Trinken und schleppe mich in den Rosengarten zur Massage. Kumpel ist schon durchmassiert und mit 3:49h ein super Rennen gelaufen. Ohne jeden Einbruch. Hat aber auch 35km als LaLa gemacht und noch einige 28-32km Läufe in der Vorbereitung. Ich beglückwünsche ihn und stell mich in die Schlange zur Massage. Die angehende Physio ist wenigstens kein heiß und kein grober Kerl wie im letzten
Ich komme nach der Behandlung - geplagt von Krämpfen und Schmerzen - nicht mehr richtig hoch. Schleppe mich irgendwie raus, mein Kumpel stützt mich auf dem Weg durch die kalte Nacht. Die 300m fühlen sich an wie die letzten 11km. Zu Hause angekommen noch die Treppen hoch, weiterhin schüttel ich mich wie ein Baum im Sturm. Trinken, trinken, trinken. Heiße Wanne mit Natron, rein, eine Stunde im Halbschlaf dösen. Raus, urgh ist das hart. Ab ins Bett, vorher noch eine Schmerztablette rein. Ein Glück ist Montag Feiertag!

Fazit: Ohne gute Vorbereitung keinen Wettkampf mehr. Halbmarathon geht sowas immer, aber ein Marathon ist eben doch mehr als zwei Halbe, das habe ich immerhin gelernt. Und den Anfängerfehler, mit einem offensichtlich zu schnellen Tempo mitzugehen, den mache ich sicher auch nie mehr

Jetzt erstmal Beine hoch und dann langsam den Fokus auf Berlin richten. Mit realistischem Ziel und einer guten Vorbereitung.