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    Möchtegern-Kilometerfresser Avatar von nachtzeche
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    Standard Wie ich mich selber an der Nase herumgeführt habe - Test-Halbmarathon in Neustadt

    Ich befinde mich gerade in der Vorbereitung auf den München-Marathon. Und da gehört laut Trainingsplan ein Halbmarathon-Test-Wettkampf dazu. Leider war mein Wochenende an dem vorgesehenen Termin schon sehr voll und es gab auch kein entsprechendes Rennen in der Nähe.
    Also habe ich beschlossen, das „Rennen“ alleine gegen mich selber auf dem Radweg vor der Tür zu absolvieren. Nicht optimal, weil man in einem Wettkampf halt schon noch mal mehr rausholt, nicht so schnell aufgibt, sich noch mehr am Riemen reicht.

    Und gerade weil Steffny viel Wert auf diese Testwettkämpfe legt, weil sie bei ihm so wichtig sind, hatte ich Angst vor diesem Lauf. Schon zu Beginn der Vorbereitung war klar, dass das für mich die schlimmste Einheit wird. Unvorstellbar schnell, lang, widerlich.
    Ich bin auch den ersten Test 10er alleine auf dem Radweg gelaufen, habe da auch eine neue PB geschafft, aber das war widerlich hart. Ich hätte mich nach 2 km am liebsten an den Rand gesetzt und geheult. Und das mehr als doppelt so lang, nur unwesentlich langsamer? Unvorstellbar.

    Und so hat sich da wirklich eine Angst bei mir aufgebaut. Mir ging es bei dem Gedanken an diesen Lauf zunehmend schlecht. Und das hat mich geärgert, weil es ist mein Hobby, das soll Spaß machen. Also habe ich noch mal meine Ziele kalibriert. Es geht nicht um Leben oder Tod. Sondern nur um eine harte Trainingseinheit. Und so habe ich meine Ziele formuliert:

    Minimalziel: 1 Durchkämpfen, durchziehen, nicht aufgeben, alles geben.
    Minimalziel 2: Pace unter MRT halten
    Normalziel: Pace unter 4:10 halten.
    Traumziel: HM in 1:25 (so von Steffny vorgegeben)

    Und dann habe ich einen kleinen Kunstgriff getan: Eigentlich wollte ich den Lauf am Sonntagnachmittag (Wettervorhersage: 22 Grad und sonnig) oder am Montagmorgen (14 Grad, windig) machen. Beides suboptimal. Dann habe ich gesehen: am Sonntagmorgen, um 5 sollen es 7 Grad und windstill sein. Gut, auch dunkel, aber das würde ich dann vor der Arbeit noch schaffen und hätte es weg.

    Also, heimlich meine Klamotten am Vorabend raus gelegt (so, dass ich es selber nicht merke), den Wecker auf vier Uhr gestellt und früh ins Bett gegangen. Mir dabei immer selber gesagt, dass ich den HM ja am Montag laufe… So hatte ich gar keine Gelegenheit, nervös zu sein, denn ich wusste ja nicht, was ich morgen früh vorhabe…

    Als der Wecker geklingelt hat, habe ich schon ein wenig mit dem Gedanken gespielt, liegen zu bleiben. Die paar Stunden Schlaf waren unruhig und ich war nicht sicher, ob ich um diese Uhrzeit Leistung würde bringen können. Egal, geplant ist geplant, also raus aus dem Bett.

    Frühstück, Kaffee und Wasser rein, kurz mit ein paar Übungen versucht, den Kreislauf in Schwung zu bringen, und nichts wie raus aus dem Haus. Dem Schweinehund keine Gelegenheit geben, wach zu werden.

    Es war kalt und dunkel draußen. 7 Grad, ich habe mich trotzdem für kurz/kurz entschieden, was auch richtig so war. Nur das Einlaufen war wirklich unangenehm.

    Die 2,5 Kilometer bis zu meinem Startpunkt waren gut beleuchtet. Die Beine fühlten sich gut und locker an. Nur die ersten Km Zeiten beim Einlaufen (6:30) passten nicht dazu. Egal, ist nur einlaufen.

    An meiner imaginären Startlinie habe ich noch mal durchgepustet und schon ging es los - und ich rannte in eine Mauer von Dunkelheit. Logisch, wenn man von der beleuchteten Stadt auf den unbeleuchteten Radweg abbiegt, brauchen die Augen einige Zeit um sich umzustellen. Das war schon gruselig. Ein echter Blindflug. Und wieder kamen Zweifel auf: war das so clever? Wenn es so dunkel bleibt kann ich das nicht durchziehen. und überhaupt: was macht mein Tempogefühl im Dunklen? Kann das funktionieren?
    So zweifelte ich vor mich hin. Und beschloss: Wenn der erste Km langsamer als 4:30 ist, breche ich ab. Dann macht das bei den äußeren Umständen keinen Sinn. Das Körpergefühl war total gut, locker, entspannt. Der km muss zu langsam sein, so wie sich das anfühlt. Die Uhr piepst: 4:03. WOW! Geil. Punktlandung.

    Und jetzt führte der Weg auch auf freies Feld, keine Wolke am Himmel, es war super hell. Den Weg kenne ich in und auswendig, ab hier war es kein Problem mehr. Die Uhr piepst wieder. Zweiter Kilometer vorbei: 4:04. Hammer! Unglaublich. Und es ist immer noch locker.

    Das ist ein Tempo, für das ich mich in den letzten Wochen sehr quälen musste. Vor etwas weniger als zwei Wochen bin ich einen TDL in 4:10 gelaufen und war völlig am Ende danach. Schon nach 2 km hatte ich keinen Bock mehr. So ging es mir ja auch beim nur unwesentlich schneller gelaufenen 10er vor einigen Wochen. Und heute? Total easy. Atmung ruhig, Beine locker. Wunderbar.

    Die nächsten drei Kilometer sind meine „Ekel-km“, die gehen tendenziell leicht bergauf bzw. haben eine leichte Rame drin, da rechne ich damit, die „gewonnenen“ Sekunden wieder zu verlieren. 4:04 / 4:08 / 4:08. Unfassbar. Und das wirklich entspannt. Hier beschließe ich, dass ich auf jeden Fall eine 1:28 laufen will. Das muss heute drin sein.

    Ich habe meine Uhr so eingestellt, dass ich nur die Gesamtlaufzeit sehe, keine Strecke, keinen Pace-Schnitt. Und ich schaue während des gesamten Laufes kein einziges Mal auf die Uhr. Nur zu den Kilometerzeiten kontrolliere ich. Die Gesamtzeit sehe ich kein einziges Mal. Und das war richtig, richtig gut so. Voller Fokus auf den Moment, um reagieren zu können, mehr nicht. Jetzt und hier laufen!

    Schon piept die Uhr wieder („Echt? Schon?“): 4:02. Wahnsinn. Jetzt wieder ein Kilometer mit Rampe: 4:09. HA! Sogar hier unter 4:10! Und die erste Runde ist geschafft (ich laufe zwar keine Runden, teile mir das Rennen aber in drei 7-km-Runden ein. Das hilft meinem Kopf, locker zu bleiben.

    Ein Drittel ist vorbei. Und es ist noch deutlich leichter als gedacht. Es macht sogar Spaß. Klar, langsam merke ich die Anstrengung, aber alles im Rahmen. Wobei ich mir immer noch verbiete, euphorisch zu werden. Nicht, dass ich gleich total abkacke. Einen Kilometer nach dem anderen!

    Die km 8-12 sind alle entweder 4:03 oder 4:04. Total gleichmäßig. Total zufrieden. Mehr als die Hälfte der Strecke ich zurückgelegt. Deutlich mehr. Das tut meinem Kopf sehr gut.
    Bei km 12 nehme ich das Gel, das ich dabei habe. Nicht, weil ich es brauchen würde, sondern weil ich es für den Marathon testen will. Und der Test ist voll gelungen. Marathon definitiv ohne Gel! Ich verschlucke mich, das rumgefummel an der Packung nervt mich, das Gel kratzt im Hals. Widerlich. Und ich verliere auf diesem Kilometer 10 Sekunden. 4:15. Und ich brauche fast 3 Kilometer (!) bis ich mich von diesem Gel erholt habe und mich nicht mehr räuspern/husten/… muss. Das muss auch ohne gehen!

    Bei km 13 komme ich wieder durch einen Ort, der den Wendepunkt meiner Strecke darstellt. Einen km durch den Ort gerannt, dann auf der anderen Seite der Bundesstraße wieder zurück Richtung Heimat. Aber eben nur noch 7,5 km. Ein echter psychologischer Vorteil.

    Jetzt fängt es langsam an, anstrengend zu werden. Der nächste km in 4:10. Noch okay, aber jetzt will ich das nicht mehr herschenken, ich sehe die 1:27 als erreichbar an. Ab hier muss ich mich bewusst konzentrieren, das Tempo zu halten. Km 15 wieder in 4:05. YEAH! Geht noch. Noch sechs Kilometer, ui, das hört sich lang an. Moment – ich habe schon 15 geschafft! Da packen wir die 6 km auch noch.

    Langsam wird es hell, es ist aber noch immer sehr dämmerig. Und so sehe ich den Spaziergänger mit (großem!) Hund erst kurz bevor ich fast in sie hereinrenne. Ui, ist! Ich werde deutlich langsamer, muss wieder Gas geben. 4:10. Alles klar, passt, nach diesem Hindernis. Km 17 in 4:05 macht mich wieder stolz! Passt! Geht doch! Weiter so!

    Km 18 ist wieder ein Km, den ich im Training gar nicht mag. Leicht bergan und windanfällig. In meinem Kopf ist das die letzte Hürde vor dem Ziel. Wie erwartet zieht sich dieser km, ich muss beißen, mich immer wieder bewusst ermahnen, locker zu laufen. Endlich piept die Uhr: 4:10. In Ordnung. Kann man gelten lassen.

    Der nächste km ist leicht abschüssig, jetzt habe ich es in der Tasche! Ich merke langsam, dass ich das ziel herbei sehne. Ich fange an nachzudenken: Was wäre jetzt wohl im Wettkampf? Wie würde es dir da gehen? Ob da jetzt noch was gehen würde? Da piept die Uhr: 4:10. Was? Das fühlte sich schneller an. Und dann noch auf diesem leichten Km?. Ich fange an zu schreien: „REIß DICH ZUSAMMEN!“. Jetzt will ich es wissen. Gebe noch mal Gas. 2 Kilometer noch.

    Jetzt habe ich langsam wirklich die Schnauze voll. Es wird anstrengend, die km scheinen jetzt länger zu sein. Ich schnaufe deutlich lauter, aber ich kann noch zulegen. Hoffe ich. Und tatsächlich: 4:00 min für km 20. JA! Komm, der letzte geht noch unter vier. Ich ziehe noch mal an. Die Beine tun weh, schon seit km 14 ungefähr, aber jetzt richtig. Aber die Muskeln werden nicht zu machen, das merke ich.

    Ich biege auf meine Zielgerade ein. Oaaaahhhhh, komm schon, Schluss jetzt. Uhr piept. 3:57! Jajajajajajaja. 100 Meter noch. Abdrücken. Aus. Fertig. Vorbei.

    Ich schaue auf die Uhr: 1:26:13. Wie geil ist das denn? Ein Schnitt von 4:05 min/km. Neue persönliche Bestleistung (um mehr als 10 Minuten verbessert!!!). Unvorstellbar vor dem Lauf. Ich bin echt fertig. Muss ständig husten, ich taumle. Es wird kalt. Jetzt schnell nach Haus unter die Dusche.

    Aber eines bleibt für die nächste Stunde bestehen. Das leicht dümmliche Grinsen in meinem Gesicht…

    Ich denke, München kann kommen. Und es juckt mich jetzt ja schon zu wissen, was denn in einem „richtigen“ Rennen, mit Gegnern und Adrenalin und nicht zu nachtschlafender Zeit möglich gewesen wäre…

    Liebe Grüße
    nachtzeche
    "Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden!" (Die Bibel, Jesaja 40,31)

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