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    Avatar von burny
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    Standard Die alte Frau und der Plastiksprengstoff

    Es ist mittlerweile genau 50 Jahre her – oder penibelst genau 50 Jahre und 1 Monat –, dass mein 2-jähriger „Dienst fürs Vaterland“ endete. Danach hatte ich keinen Zugang mehr zum Kasernenbereich. Ich fühlte mich frei und ließ wieder die Haare wachsen. Ein halbes Jahrhundert später betrete ich freiwillig erneut militärisches Gelände. Die Haare sind in diesem langen Zeitraum gewichen, ich komme ohne Kamm aus. Der Anlass indes ist ein freudiger: das Flugabwehrraketengeschwader 1 und der Automobilclub Nordfriesland, zwar nicht die typischen Laufveranstalter, haben zum dritten Husumer Tinelauf eingeladen, und ich will die Gelegenheit nutzen auszutesten, was derzeit über 10 km drin ist.

    Ein etwas beleibter, freundlicher Wachmann lässt mich nach Check, dass ich auf der Liste der zufahrtsberechtigten Personen stehe, passieren, und ich fahre durch das sehr weitläufige Gelände zur Anmeldung. Ein mir immer noch präsenter militärischer Grundsatz war der der Tarnung (als Teil der Triade „ttv – tarnen, täuschen und verpissen“). Hier aber gibt es keine Tarnung, nur Asphalt, Gras links und rechts, kein Baum, kein Strauch. Das bedeutet: Wenn die Sonne scheint, läuft der Läufer in voller Sonne. Wenn der Wind pfeift, läuft der Läufer im Wind. Ohne Deckung, ohne Schutz! Ich registriere, dass die Straße leicht wellig verläuft – und nach Aussteigen, dass es windig ist. Ergo: Laufen im Wind, ungeschützt!

    Ich steige aus. Direkt vor mir treffen die 2 Läufer des vor mir stehenden Fahrzeugs ihre Laufvorbereitungen. Der eine steht barfüßig auf der Straße und ich will darüber schon einen Gag anbringen, als ich wahrnehme, dass es kein temporärer Zustand ist, sondern er offensichtlich die 10 km mit nackten Füßen bestreiten will. Ich laufe mich ein, schwerfällig. Ist heute mein Tag oder eher nicht? Auf der Originalstrecke laufend, kommen mir die 5-km-Läufer entgegen, in einer Kurve sehe ich das km-Schild 4 km und ich drehe um. Stante pede denke ich, mich tritt ein Pferd, heftigster Gegenwind, böenartig. Mannomann, das kann ja heiter werden! Ich kämpfe mich gegen den Druck zurück.

    Der Start wird als Paarstart durchgeführt, je 2 Läufer starten, das nächste Pärchen wird dann jeweils 10 Sekunden später auf die Reise geschickt. Ich akzeptiere das, es ist in Ordnung, aber eigentlich eine völlig sinnbefreite Maßnahme. Wir sind draußen, es weht heftiger Wind, die Starter, ganze 47 an der Zahl, stehen zudem weit auseinander, und das Risiko, von einem Windstoß umgehauen zu werden und sich eine blutige Nase einzufangen, dürfte um Längen größer sein als das Infektionsrisiko, aber gut.

    Die Starterpaare haben sich irgendwie zufällig gebildet, und ich bin geschätzt als 13. oder 14. dran. Sofort spüre ich den Gegenwind, hier nicht ganz so heftig wie der letzte km vorm Ziel, aber doch mit Wirkung. Nach dem ersten km-Schild schaue ich auf die Uhr: 4:50 min. Mist, mit den im Vorfeld für möglich gehaltenen 45 min wird das bei diesen Verhältnissen nichts werden. Ich laufe in einer Mischung aus zügig und verhalten, um meine Kräfte aufzusparen. Nach dem ersten Kilometer sammle ich einen ersten der vor mir gestarteten Läufer ein. Es sollen später weitere folgen. Allerdings höre ich seit einiger Zeit Schritte hinter mir, und etwa bei km 2 zieht ein Läufer an mir vorbei. Es wird der einzige in diesem Rennen bleiben. Kurz zuvor hörte auch der Gegenwindbereich auf. Logisch: bei einem Rundkurs von 2 x 5 km kann es nicht nur Gegenwind geben (auch wenn einem das manchmal so vorkommen mag).

    Die Streckenführung ist insgesamt nicht sehr kompliziert: lange Geraden, davon eine ganz, ganz lange und um Start-Ziel herum ein geschwungener, wellenförmiger Verlauf, klar, wir sind hier ja auch an der Nordsee, da gibt’s nun mal Wellen. Von km-Schild 2 bis kurz vor km-Schild 9 ist es ein leichtes zu laufen, da dieser verflucht heftige Wind einen nicht bremst, sondern schiebt. (Die Schilder der 2. Runde stehen immer ein paar Meter vor denen der ersten, d. h. die 9 steht einige Meter vor der 4.) Aber wie beim Einlaufen: der letzte Kilometer vor dem Ziel hat sich vorgenommen, die Läufer nochmal so richtig auszubremsen. Ich schaue nach diesem letzten Kilometer der ersten Runde auf die Uhr: 4:54 und damit der langsamste überhaupt, wobei: ein eigenes km-Schild 5 gibt es nicht, und ich habe etwa bei Start abgedrückt, also wird die Zeit geringfügig weniger sein.

    Als ich die zweite Runde beginne, habe ich mich auf die Strecke eingestellt und antizipiere die unterschiedlichen Anstrengungsgrade, halte mich bis kurz vor km 7 etwas zurück, bin aber dennoch wohl etwas flotter als in der ersten Runde. Dann versuche ich, den Schwung der „einfacheren“ Strecke bis km 9 zu nutzen. Allerdings: Es scheint sich die bisherige Anstrengung bemerkbar zu machen, denn ich verspüre ein gewisses Gefühl von Schlappheit. Nach km 8 kontrolliere ich nochmal die Zeit und rechne herum, wo ich landen könnte. Müsste eigentlich unter 46 klappen. Für den letzten km kalkuliere ich mal grob mit 5 min. Das Ziel ist nun nicht mehr so weit, ich kämpfe gegen die Schlaffheit an, versuche einigermaßen das Tempo hochzuhalten, dann kommt die Kurve, dort kommt der Druck und die Windbremse von vorn. Ich versuche, die Kraft einzuteilen, in den wenigen Windtälern Tempo zu machen und ansonsten nicht zu viel Zeit zu verlieren.

    Der Abstand zum einzigen Läufer, der mich (bereits bei km 2) überholt hat, schmilzt zunehmend, fast bin ich dran, dann entdecke ich den Barfußläufer vor uns beiden. Auf den letzten 100 m geben wir alle 3 nochmal alles. Der Barfußläufer entwischt etwas, aber ich werde in der Endabrechnung vor ihm liegen, da er viel früher gestartet ist. Mein „Überholer“ läuft nur äußerst knapp vor mir ins Ziel, ist aufgrund des späteren Starts aber netto klar vorne. Ich selbst bin ordentlich platt, atme heftig ein und aus und schaue dann auf die Uhr. 44:49 min! Hä? Stimmt das? Ja, es stimmt. Die Rundenzeiten zeigen, dass die letzten 3 km alle knapp über 4:20 liegen, selbst der schwere Schlusskilometer ging mit 4:25 durch. Einfaches Fazit: die scheinbare Schlappheit war lediglich ein Indiz, dass ich unbewusst in den Kampfmodus gewechselt war. Bedeutet aber wohl auch, dass die allgemeine Quälbereitschaft im Alter so langsam am Schwinden ist. Jedenfalls ergibt diese Zeit bei den Männern Platz 15 von 40. Als ältester Läufer heute und einziger der M70 sagt die AK-Platzierung dagegen nichts aus.

    Ich laufe ein wenig aus und mache mich dann auf den Weg zurück ins Hotel. Tja, und dann wird es noch einmal etwas spannend. Den direkten Weg zurück zum Kasernentor kann ich wegen der Einbahnstraßenregelung nicht fahren. Das Kasernengelände ist weiträumig, sehr weiträumig, und ich gurke umher, weiß nicht, wo ich bin und wie ich zum Ausgang kommen soll. Keine Hinweisschilder, keine Soldaten, keine Security-Leute, die ich fragen kann. Ich fahre lange Geraden, Kurven und werde schon leicht nervös, bis ich dann irgendwann doch in der Ferne etwas sich bewegen sehe, was sich schließlich als Möglichkeit entpuppt, das Militärgelände wieder zu verlassen. Aus meiner aktiven Zeit vor 50 Jahren kannte ich es so, dass streng überwacht wurde, wer sich im Sicherheitsbereich befand. Daher denke ich mir, ich sollte mich ordnungsgemäß abmelden. Der freundliche Security-Mann belehrt mich eines Besseren. Da müsste nun nichts festgehalten werden, ich sollte einfach rausfahren. Mache ich dann auch.

    Ich will ja nun keinen auf dumme Gedanken bringen, aber mir geht schon durch den Kopf, dass ich ohne Probleme das ganze Auto vollgepackt mit Plastiksprengstoff, Tretminen, Panzerfäusten und sonstigem gefährlichem Zeugs ins Kasernengelände hätte hineinschleppen, alles in aller Seelenruhe scharfmachen und mich selbst als Schläfer auf dem Gelände verstecken können. Das hätte ich als angemeldeter „Ich“ oder auch in James-Bond-Manier als Bösewicht und Kaperer eines angemeldeten Läufer-PKW machen können. Mich erstaunt ein wenig die merkwürdige Diskrepanz zwischen dieser Laxheit und die angesichts des tatsächlichen Risikos überpowerten Maßnahmen beim Start des Laufes.

    Vielleicht vertraut man in Husum aber auch darauf, dass die alte Fischersfrau Tine, die diesem Lauf ihren Namen gegeben hat, sich in so einem Fall erneut als selbstlose Retterin opfern wird. [Der Sage nach machten die Husumer Party im Hafen, Tine allein zu Haus erkannte, dass eine Sturmflut nahte und warf, nachdem keiner ihre Rufe hörte, ein brennendes Holzscheit auf ihr Bett, das sofort lichterloh brannte. Das sahen die Feierbiester, rannten zu Tines Haus und entkamen so der Sturmflut. Ende gut, alles gut – nur nicht für Tine!]

    Bernd
    Das Remake

    Infos zum Laufen und Vereinsgedöns gibt's auf www.sgnh.de

  2. Folgenden 10 Foris gefällt oben stehender Beitrag von burny:

    Bald-Elfe (03.08.2021), Dicker Schleicher (03.08.2021), heikchen007 (03.08.2021), Jogging-Rookie (04.08.2021), Kalle99 (03.08.2021), Kerkermeister (04.08.2021), movingdet65 (04.08.2021), spaceman_t (04.08.2021), spacy (03.08.2021), Steffen42 (03.08.2021)

  3. #2
    Rock´n´Run Avatar von MichaelB
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    Wow,

    10Km in der Zeit habe ich auch mit Haare und deutlich jünger seinerzeit nicht geschafft... aber ich war auch nicht beim Bund 😉

    Sehr schön geschriebener Bericht zu einer grandiosen Leistung 👍

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