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  1. #1
    Laufen bleibt Herzenssache Avatar von schauläufer
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    Standard Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Zeitenwendelauf in Remscheid 2021

    Ich bin am Samstagnacht beim Röntgenlauf 2021 gestartet. Es handelte sich ursprünglich um den 2020 ausgeschriebenen 20. Röntgenlauf, der sonst immer auf dem Röntgenwanderweg bei Remscheid ausgetragen wurde mit einer Länge von 63 km. Bei der 20. Ausgabe wurde eine 100 km Variante angeboten, da wollte ich starten, war aber zu spät dran (ausgebucht) und ließ mich auf die Warteliste setzen. Über die rutschte ich zwar noch rein, dann wurde der aber wegen Corona abgesagt.

    Dafür wurde angeboten am letzten Wochenende im Oktober in der Nacht der Zeitumstellung eine identische Halbmarathonstrecke 5-mal zu absolvieren mit je 341 hm, die teils auf dem Röntgenweg aber auch über Trails rund um die Wuppertalsperre verlaufen. Das hieß nun 105,5 km mit 1700 hm.

    Im Vorfeld musste ich mich dann entscheiden, ob ich diese Braut küssen wollte oder dem Charme eines anderen Events in einer deutlich näheren Entfernung erliegen würde. In 20 Stunden, 10 Runden über 10 km zu absolvieren, auf einer wunderschönen wilden Nordschwarzwald Trail Runde mit jeweils mind. 300 hm. Jede Runde alle 2 Stunden neu gestartet. Das hätte auch ihren Reiz gehabt. Im Nachhinein kann ich sagen. Meine Entscheidung für Remscheid war für mich goldrichtig. Denn was sich recht easy anhört. 2 Stunden für 10 km. Was kann daran schwer sein? Das kann man doch entspannt wandern und trotzdem, haben von 41 Startern, gerade mal 15 dieses abgewandelte Backyard-Format gefinished. Und unter den DNFs waren recht hartgesottene und erfahrene Ultra-Verrückte dabei. Ich wollte mir bei meinem heutigen 150 Marathon/Ultralauf einen frühzeitigen "läuferritus interruptus" ersparen. Denn seither bin ich, abgesehen von den Backyards, noch ohne ein echtes DNF ausgekommen. Nach diesem kleinen Exkurs nun aber schnell zu meinem Rennen zurück.

    Die samstagnachmittägliche Anreise war übel. Ich hatte heftigste Kopfschmerzen und kam mir vor als hätte ich am Vorabend 4 Viertele des Hiesigen gebechert. Wie soll das bloß gehen heute durch die Nacht fragte ich mich immer wieder. Soll ich mir das überhaupt antun, die Moral war im Keller. Lustlos kam ich nach 4,5 h nerviger Fahrt bei teils heftigem Regen am Startgelände am Freizeitbad in Hackenberg an. War noch gut eine Stunde Zeit bis zu meinem Start (21:25) der in kleinen 10er Gruppen ab 21:00 Uhr stattfand. Der Bereich auf einem Platz hinter einer Sporthalle wurde erst eingerichtet, es herrschte noch ein bisschen Chaos. Und man musste sich erst zurechtfinden und die paar wenigen Helfer fragen, denn die Skizze vom Startgelände aus dem Netz, war wenig hilfreich. Vermutlich nicht aktualisiert, zeigte sie als Start/Ziel ein Stadionrund.

    In einem vorne offenen Holzhäuschen konnte man einen privaten Supportbeutel ablegen. Das Auto hatte ich in ca. 150 m von der Strecke stehen und so beschloss ich eine Hybrid-Lösung. In der Hütte vor allem meine Verpflegung und das Cola zu deponieren. Wechselklamotten und Zweitschuhe bleiben im Auto. Auf jede Laufrunde musste eine Pflichtausrüstung mitgeschleppt werden. Die war für einen Lauf in der nicht alpinen Umgebung einer Großstadt für meinen Geschmack etwas overstyled. Aber nun denn, es hat sich dann gezeigt, dass das nächtliche Rumgerenne im dunklen, nebelverhangenen dichten Wald, auf schmalen und rutschigen Trails doch nicht ganz ohne ist.

    Die inzwischen trockene und relativ milde Nacht (Die Temperatur erreichte gerade so den 2-stelligen Bereich) änderte sich schlagartig als die Startfreigabe unter dem luftgefüllten Startbogen erteilt wurde. Kaum war die offizielle Uhr am Laufen, blieb ich auch schon stehen um die Regenjacke rauszukramen. Und ich sollte sie anbehalten bis zum Beginn der letzten Runde. Ich hatte mich für normale Laufschuhe entschieden. Fehlentscheidung. Nachdem das Wohngebiet verlassen wurde ging es über einen feuchten Wiesenweg. Und dann in den Wald auf grobem Naturweg steil bergab. Einziger Vorteil. Ich beginne zwangsweise im gemäßigten Tempo. Die Markierung für Abzweigungen mit gelben Pfeilen am Boden war so lala, weil das feuchte Laub die im Lauf der Zeit mehr und mehr zudeckte oder stark verwischte. Dazu kamen Plastikbänder und reflektierende Silberfolienstücke, die im Wald an den Bäumen hingen. Persönliches Fazit: Es war kein Fehler den gespeicherten Runden-Track auf der Uhr über Komoot gestartet zu haben und einfach abzulaufen. Zusätzlich noch das Handy benutzen für sprachgebundene Richtungsangaben wollte ich, um etwas Akku zu sparen, erst ab der nächsten Runde. Würde bei zunehmenden Nebel hilfreich sein im Wald safe zu sein. Man darf halt nur nicht dem Mitzieheffekt erliegen und einem Vorläufer trotz der ausgeklügelten Satelliten-Technik besseren Wissen unbeirrt erst mal weiter nachlaufen. So geschehen bei km 15. Und damit erfolgreich ein paar hundert Extrameter auf das Laufkonto angespart.

    Nach der 1. Runde direkt zum Auto. Reifenwechsel an den Füßen. Slicks runter, nasse Socken aus- und die profilierten Goretex Trailer aufgezogen. Wieder an der Wupper entlang, man sieht sie nicht, aber man spürt das nahe Wasser. Irgendwann kommt auch wieder deren Überquerung. Da laufe ich über die Wupper. Über die Wupper gehen wäre fatal. Auf etwa der Hälfte der Rennrunde ist die einzigste Verpflegungsstelle, neben der im Start-/Zielbereich. Beide sind nicht sehr üppig ausgestattet. Es gibt Wasser in 0,5 l Flaschen, die man dort leeren und entsorgen soll, oder halt umfüllen ins Trinksystem oder die Flask. Am Start/Ziel VP noch heißen Tee. Dazu gibt es selbstgebackene Müsliriegel. Die sind lecker, aber sehr, sehr süß. Deshalb lasse ich die, bis auf insgesamt 2 verdrückte, links liegen. Und halte mich an meine Riegel, Gels und die Babybreibeutel. Mein Magen findet das nicht so ganz nach seinem Geschmack. Und so finde ich mich am Ende der Runde auf einem der bereitgestellten Dixieklos wieder.

    Erleichtert weiter in die nasskalte, neblige Nacht. Ich blende mich mit der Stirnlampe selbst so extrem, dass ich sie immer häufiger in der Hand tragen muss um die dichte Suppe laufend zu unterwandern. Die einst grellorangenen HOKA nehmen mehr und mehr Patina an beim Pflügen durch den Schlamm und Morast. Nach der 2. Runde lässt der Regen etwas nach, es wird kälter in den nassen Laufklamotten. Also noch mal eine längere Umzugspause am Auto und trockene warme Sachen anziehen. Wieder in die schwarze Nacht. Nochmal Ballast abwerfen beim Stelldichein in der Blue Box.

    Nächste Runde. So langsam wird es zäh. Ich bin kein bisschen müde, meinem Kopf geht es deutlich besser als vor ein paar Stunden im Auto. Oder doch nicht. Zumindest der Dickkopf in mir meint es mal wieder zu gut mit mir und will durch die Wand, respektive weiter gerade stur geradeaus durch den Wald. Obwohl doch alle Zeichen auf Abzweig standen. Obwohl schon 2-mal richtig gelaufen an der Stelle bei km 18, bin ich nun auf dem Holzweg gelandet. Also back to the roots, zumindest denen auf dem Waldboden.

    4. Runde – es wird langsam hell. In der Dämmerung wird endlich sichtbar, wo ich mich heute Nacht herumgetrieben habe. Die Strecke wird belebter. Die ganzen Kurzdistanzler kommen von hinten – leichtfüßig – herangetrabt. Ich habe die beiden geforderten Stirnlampen und die Ersatzbatterien, Handschuhe und Wechselshirt im Auto gelassen. Bei aller Liebe. Das weiter, über eine bei Tageslicht zu laufende Halbmarathonstrecke mitzuschleppen, wäre doch sehr dekadent gewesen. Die Jacke habe ich ja noch anbehalten, was bei dem windigen Wetter die richtige Entscheidung war.

    Durch die vielen Pausen sehe ich die von mir avisierte 15 h Marke schon seit Stunden schwinden. Wenn ich daran denke, dass ich vor ein paar Jahren 100 km in weniger als 10 h laufen konnte? Gut dann war das flach, schneller Untergrund und ich - am Limit. Aber – auch entspannter unterwegs – und mit ein paar topografischen Unzulänglichkeiten, konnte ich sowas in ein dutzend Stunden eintüten. Times there a changing. Eine Stunde wegschummeln ginge nur wenn ich die Zielezeit zurückdrehen könnte wie die Zeiger der Uhr heute Nacht.

    Wenigstens reiße ich nicht die 16 Stunden, als ich endlich Schichtende habe. Fast 2 volle Arbeitstage verplempert. Lohn der Mühe. Eine echt schöne Medaille und das Gefühl den älter werdenden Knochen gezeigt zu haben. Der alte Holzmichel lebt noch. Die Schuhe eher weniger. Die haben im Gegensatz zu mir keinen Biss mehr und werden den Gang des Vergänglichen gehen und bis zum nächsten Laufabenteuer gegen ein baugleiches Jüngeres getauscht. Wenn es bei mir nur auch so einfach wäre.

    Nun aber nichts wie raus aus dem Gewand und nach Hause. So einfach ist das gar nicht. Der Parkplatz ist zwischenzeitlich megavoll, und ein freier Platz wie ein Sechser im Lotto. Während ich mich abmühe mich am Auto aus den versieften Klamotten zu schälen ohne der Erregung öffentlicher Erregung schuldig zu werden, werde ich zigmal von suchenden Kraftfahrzeuglenkenden Personen erfleht meinen Platz an der Sonne doch möglichst schnell den eigenen Interessen freizugeben. Gemach, gemach. Ich muss allen Ersuchen Abbitte leisten. Das kann dauern. Wenn sich ein älterer Herr seines Gewandes entledigt, muss er sich etwas länger sortieren und dann dauert es halt mit dem züchtigen Wiederankleiden. Ich rief die Geister….Irgendwann ist es geschafft, und das Alltagshäs jungenfrei am Mann verankert.

    Ich starte die Karre, schnappe mir ein Gebräu, das mich beflügeln soll und reite heim. Dann ab unter die Brause und den Schweiß der Arbeit in den Abguss befördern. Hat sich gelohnt der Tripp. Ich kann es noch. Trotz der müden Beine freue ich mich schon auf mein Treffen mit dem Kini. Dem Märchenkönig. Das kann nur magisch werden morgen.
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    M 3:10:47, HM 1:28:04, 10 km 00:40:05, 24 h:176,1 km, 12 h:102,729 km, 6 h:66,524 km, 200 km 27:33:00, 100 Meilen 20:30:08, 100 km 09:29:33, 50 km 4:19:10, Mt. Everest TM 8848m 19:08:23, Vertical Marathon 13:57:03, Spartathlon 35:29:34,
    2022
    08.05. RUR Marathon (evtl.)
    Juli
    16.07. Maintal Ultra Trail, 64 km 1700 hm oder 24 h Dettenhausen
    August
    13.08. 100 Meilen Berlin
    Oktober
    08.10. Bilstein Marathon Jubiläumslauf 100 km

  2. Folgenden 7 Foris gefällt oben stehender Beitrag von schauläufer:

    Bald-Elfe (05.11.2021), d'Oma joggt (05.11.2021), feu92 (05.11.2021), heikchen007 (05.11.2021), Stebbins (05.11.2021), todmirror (06.11.2021), vinchris (07.11.2021)

  3. #2
    Rock´n´Run Avatar von MichaelB
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    schöööner Bericht

    Danke für´s Mitnehmen und Hut ab vor Deiner Leistung

  4. #3

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    Ich liebe deine Laufberichte.....Danke...gerne mehr.....
    Grüße
    Cornelius
    Bestzeiten: 17.08.2019 Mauerweglauf 100 Meilen 19.36.35 Stunden. 08.09.2018 RUNWINSCHOTEN (Holland) 100 km 9:33.30. 16.06.2018 Karlsruher Nachtlauf 80 km 7:55:45. Marathon 3:22.10. HM 1:34:32. 10 KM 43:37
    Laufberichte: www.corneliusrennt.de

  5. #4
    Laufen bleibt Herzenssache Avatar von schauläufer
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    Vielen Dank ihr beiden.
    Meine Tageszeitung hat auch noch ein bisschen was geschrieben.
    index.pdf
    M 3:10:47, HM 1:28:04, 10 km 00:40:05, 24 h:176,1 km, 12 h:102,729 km, 6 h:66,524 km, 200 km 27:33:00, 100 Meilen 20:30:08, 100 km 09:29:33, 50 km 4:19:10, Mt. Everest TM 8848m 19:08:23, Vertical Marathon 13:57:03, Spartathlon 35:29:34,
    2022
    08.05. RUR Marathon (evtl.)
    Juli
    16.07. Maintal Ultra Trail, 64 km 1700 hm oder 24 h Dettenhausen
    August
    13.08. 100 Meilen Berlin
    Oktober
    08.10. Bilstein Marathon Jubiläumslauf 100 km

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    Hauptmieter (09.11.2021)

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