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U_d_o
09.05.2008, 01:08
... aber beim heutigen Training trug sich folgendes zu:

Diesen Donnerstag bleibt mir für das Lauftraining relativ wenig Zeit und das ist auch gut so. Nach Sonntag Marathon, Dienstag 20 km und gestern 32 km wird die Biologie bestimmt nach Ruhe gieren. Ich wähle eine Standardstrecke von zu Hause aus. Sie ist komplett asphaltiert, dennoch wenig befahren, weil sie eine Fast-Sackgasse darstellt. Was eine Fast-Sackgasse ist? Abwarten!

Heute wähle ich zum ersten Mal Shorts in diesem Jahr. Tätärätä! Endlich ist es warm genug und ich hab mir nur 14 Km vorgenommen, muss also kein Wundscheuern befürchten. Derzeit entstellt ein entsetzlich, hässlicher Rand meine Oberschenkel eine Handbreit oberhalb des Knies. Rührt von den Sonnenläufen in der Kurztight in Madrid, Windhagen und zuletzt zu Hause. Wie das aussieht! Und ich gehe regelmäßig einmal in der Woche in die Sauna, da können es alle sehen ... Also nein, dagegen setze ich heute die Shorts ein!

Am Schuhschrank noch eine, viel wichtigere Idee. Ich stelle die Asics wieder weg und greife nach dem Nike free 5.0. Glatte, trockene, saubere Sträßchen, da kann ich den Quasi-Barfuß-Schuh nutzen und was für meine Fußgesundheit tun. Wow! Was für ein Laufgefühl! Während der ersten Schritte hab ich den Eindruck, dass meine Füße ein Freudenfest feiern. Liegt's an den Schuhen oder warum tritt nicht ein, was ich erwartete? Wieso bin ich nicht todmüde? Zwei Kilometer laufe ich mich ein, vorbei an Pferdekoppeln, einem Baggersee und einem Golfplatz. Dann schlage ich die Richtung zur nächst gelegenen Lechstaustufe ein und erhöhe das Tempo auf etwa 4:40 bis 4:50 min/km, um den Puls zwischen 75 und 80% Hfmax einzupegeln. Ich glaub's nicht, wie leicht mir das heute fällt ... Vorbei an einem Aussiedlerhof, einem weiteren Reitverein, einem ersten Badesee, einem Fischweiher, dann durch Auwald, den zweiten idyllisch gelegenen Badesee passierend und schon erreiche ich die Staustufe. Das Sträßchen führt über die Staumauer, ist jedoch für den Verkehr gesperrt. Deshalb Sackgasse! Allerdings gibt es keine Barrieren, die ein Befahren verhindern würden und etliche Bewohner beidseits des Flusses nutzen den Übergang trotzdem. Deshalb Fast-Sackgasse! Umweltpolitisch ist das sogar sinnvoll, denn der nächste offizielle Lechübergang erfordert einen erheblichen Umweg. Schweller auf der Staumauer sorgen dafür, dass keiner mit Karacho da drüber brettert und Spaziergänger, Angler oder Radfahrer gefährdet. Die Polizei? Die toleriert die Verkehrsverstöße seit Jahren und so lange da nichts passiert wird das wohl hoffentlich auch so bleiben ...

Blick nach Süden auf den Stausee: Hübsch wie immer, aber heute nichts Besonderes zu entdecken. Blick nach links über den abfließenden Lech, auch hier keine Sondermeldung erforderlich. Auf der anderen Seite wende ich mich einem ebenfalls für den Verkehr gesperrten asphaltierten Feldweg zu und erreiche nach 500 Metern das neue Kraftwerk. Ah! Jetzt haben sie ein Infoschild montiert. "3,2 Megawatt Nennleistung" liefern die vielen hundert aufgestellten Solar-Panels. Schräg montiert und nach Süden ausgerichtet, bedecken sie eine Riesenfläche, auf der in den Jahrzehnten vorher Kartoffeln, Mais und Getreide geerntet wurden. Vier dieser Anlagen sind in den letzten Monaten auf dem Lechfeld (So heißt der brettflache Landstrich zwischen Augsburg und Landsberg) entstanden. Vorbei am Stromquell, links eine Weide dahinter ein Dorf, vorbei auch an einer Feldscheune und noch ein Stück nach Süden, hinein in den Frühling ... Ein Vogel hält flatternd seine Position über einem Feld und zwitschert dabei unentwegt. Die Wende! Sieben Kilometer sind um - sagt der Forerunner.

Alles noch einmal beschreiben? Keine Bange ich werde euch nicht langweilen. Macht also mit mir einen Zeitsprung von etwa 10 Minuten und schon rennen wir wieder über die Staumauer. Der Stausee ist übrigens mit Dämmen gegen die Umgebung abgegrenzt, weshalb man zur Staumauer hoch und auf der anderen Seite wieder runter wetzen muss. Unten und auf meiner Heimatseite angekommen, wird mein Blick von etwas eingefangen, das ich im ersten Moment nicht fassen kann. Doch wirklich: Schon wieder eine Schlange! Und diesmal eine Kreuzotter! Stehen bleiben und den Forerunner stoppen sind fast eins. Nun hab ich auch ne Kreuzotter gesehen und damit ist die Welt für dieses Jahr gerettet (Isse natürlich nicht, oder warum müssen in Birma grade wieder mal 100.000 Menschen verrecken?).

Apropos gerettet: Die Otter kann ich da nicht liegen lassen. Hier am Straßenrand wär's ok, aber da liegt sie im Schatten und da wird sie nicht bleiben. Die schlängelt in die Sonne mitten auf den Asphalt und hier ist eben leider nur Fast-Sackgasse. Das nächste Auto kommt bestimmt. Und wenn kein Auto, dann ein Traktor und eventuell reicht ja auch schon der fette Reifen eines Mountainbikers, um ihr den Garaus zu machen. Also suche ich mir einen Stock und gebe ihr mit dem unmissverständlich zu verstehen, dass sie auf der Straße nix zu suchen hat. Hei wie sie mich anzischt. Wütendes kleines Reptil. Verzieh dich auf die Böschung ins Gras und die Hecken! Schwerfällig überwindet sie den Bordstein und nachdem sie etwa einen Meter Sicherheit gewonnen hat, lasse ich sie in Frieden. Und ich ziehe zu-Frieden meiner Wege. Bin ich nicht ein doller Pfadfinder!? Jeden Tag eine gute Tat!

Der Forerunner tickt wieder (sag ich nur so, Digidingsbumse ticken nicht mehr), mein Puls klettert über 130 und die Beine stampfen zufrieden nach Hause ... Im Kopf bewegt mich eine Frage: Wieso hat das Tierchen sich nicht ebenso flugs in die Büsche verdrückt wie die Ringelnattern gestern und vorgestern? Machen Giftzähne mutig? - Logisch: Die lag im Schatten, war wahrscheinlich auf dem Weg in die Sonne. Wechselwarme Reptilien nehmen die Temperatur ihrer Umgebung an, also arbeitete ihr Stoffwechsel höchstens mit 18°C, wahrscheinlich weniger. Deshalb war sie so lahm, sozusagen noch steif vor Kälte. Aber Zischen konnte sie trotzdem ganz ordentlich ...

Ich bin Läufer. Ich laufe durch die Natur. Ich laufe viel. Nur selten mache ich mir bewusst, wie viel ich dadurch erlebe und zu sehen bekomme.

Ich bin Läufer und das ist ein Geschenk des Himmels.

Grüße an alle

Udo

Magimaus
09.05.2008, 03:05
Du bist wirklich Läufer UND Naturliebhaber mit Herzblut.
Es liest sich fantastisch! KOmpliment!

Liebe Grüße
Marion

viermaerker
09.05.2008, 07:32
Du bist offensichtlich nicht nur Läufer und Naturliebhaber sondern auch Nachtmensch:D

Walter

Tati
09.05.2008, 07:43
Danke Udo für's berichten. Habe mich gestern und heute durch deine letzten Aufzeichnungen gelesen. :daumen: Für mich ist immer wieder beeindruckend wie du die Natur und deine Umgebung aufnimmst. Ich sehe auch viele Sachen, aber wenn ich wieder zu Hause bin .... :peinlich: dann sind die meisten davon schon wieder ganz weit hinten im Gehirn gespeichert.
Schreib bitte weiter so und genieße die Welt bei deinen Läufen. Und ab und zu musst du auch schlafen ... oder machst du das auf Arbeit :confused: :teufel:

Viele Grüße :winken:

Steif
09.05.2008, 07:54
Sehr nette Geschichte, Udo. Ich werde auch immer mit großen Augen angesehen wenn ich wegen irgendwelcher bemerkenswerter Naturentdeckungen eine Vollbremsung mache. Das kann ein besonderer Vogel, ne Ameisenstrasse oder sonstwas sein.

Kesla1
09.05.2008, 08:13
Schön, diesen Bericht von dir zu lesen, danke. :daumen:
Ich wünsche dir viele weitere solcher Läufe.

Grüsse
Kesla

Thestral
09.05.2008, 08:41
Hallo Udo,

schöner Bericht! Diese Begegnungen mit der Natur sind immer wieder überraschend und auch schön.

Gruß
Ralph

wetterauer
09.05.2008, 09:13
Mensch Udo, bei dem Traings- und Wettkampfpensum dann noch die viele tollen Berichte hier....
Wann schläfst und isst du? :P

TagrandRenner
09.05.2008, 09:55
Hallo Udo,
danke für deine Schlangen-Bereichte. Tut gut!

LG Michael

lilly66
09.05.2008, 10:13
Danke das hab ich mir gewünscht. Jeden Tag ein kleiner(großer) Laufbericht.
Im Frühling ist die Natur aber auch wundervoll.

Schreibst Du morgen wieder einen Bericht? Bitte, Bitte?

Lg Lilly

Reno
09.05.2008, 14:14
Sehr schön beschrieben. Wirklich sehr nett von dir, die Schalnge zu retten.

Ich sehe eigentlich nur Blindschleichen, aber erschrick dann immer so, dass ich fast hinfalle.

Tortuga
09.05.2008, 20:08
Hallo Udo,

vielen Dank für den tollen Bericht. Ich freue mich auch immer, wenn mich bei meinen Läufen das ein oder andere Tierchen überrascht.

Letzten Monat war ich erst spät in der Dämmerung im Wald unterwegs. Ich laufe in Gedanken vor mich hin und hinter einer Wegbiegung stehen da plötzlich 3 Rehe vor mir. Sie schauten mich ziemlich überrascht an ... fragt sich nur, wer mehr verdutzt war. War auch für mich ein tolles Erlebnis.

Ich wünsche Dir ein schönes Pfingstwochenende mit vielen erholsamen Kilometern.

Gruß
Christiane