PlayaRunner hat geschrieben:Offensichtlich habe ich den typischen Anfängerfehler gemacht und bin immer zu schnell losgerannt, war dann leicht erkrankbar und hab irgendwann genervt aufgegeben.
Jetzt habe ich wieder angefangen, weil ich gesehen habe dass es so tolle Apps gibt, die einen genauen Trainingsplan vorgeben und auch vorsagen. Idiotensicher!
Da ich einen Gegenpol zu meinem Surftraining brauche dachte ich Laufen wäre optimal, denn meine Arme und Oberkörper sind recht gut trainiert, aber meine Beine......
Laufe jetzt seit 5 Wochen 3x pro Woche und bin sehr zufrieden. Makes me feel good

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JEDOCH: Seit einigen Tagen habe ich ein wenig "Wadenkater" oder so. Ich weiss nicht wie ichs ausdrücken soll, denn es ist wohl kein Muskelkater und auch keine richtigen Schmerzen. Ich könnte problemlos "drüber weg laufen". Aber Vorsicht ist die Mutter der Ü40-Kiste.
Soll ich wohl lieber pausieren bis ich niiiix mehr spüre oder kann so ein kleines Aua-chen mit der Zeit von selber nachlassen?
Hallo PlayaRunner,
deine Anfrage reizt mich ungemein zu Antworten. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie gute Absichten mit einigem Irrglauben verquickt, der natürlich meinen Widerspruch herausfordert. Zunächst ist mir völlig gleichgültig, weshalb jemand mit dem Laufen beginnt. Hauptsache er/sie tut es, weil Ausdauertraining - richtig betrieben - ausschließlich positive Folgen für den Betreffenden hat. Du bestätigst dies einerseits mit der Formel "Makes me feel good", relativierst es allerdings durch den Bericht über Beschwerden. Es ist gut und wichtig, dass du nicht über diese Beschwerdenn einfach so hinweg gehst - pardon - läufst, was immer sie sein mögen.
Lass mich zunächst auf den Satz eingehen, der mein gerade eingenommenes Frühstück im Magen etwas hat in die Höhe "hupfen" lassen:
"... dass es so tolle Apps gibt, die einen genauen Trainingsplan vorgeben und auch vorsagen. Idiotensicher!" An moderne Versklavung erinnernde Technikgläubigkeit begegnet einem immer wieder, überall und ist manchmal auch unvermeidlich. Wenn ich mich in mein Auto setze, muss ich zum Beispiel davon ausgehen, dass der darin verbaute Stahl so geschickt und bombensicher angeordnet wurde, dass die Kiste nicht auseinanderbricht, wenn ich bei 120 eine Vollbremsung brauche, oder mit 100 in eine Kurve gehe. Auch meinem PC muss ich "vertrauen", dass er - Wunder der Technik - meine Daten sicher verwahrt und jeden Tag nach dem Hochfahren wieder herausgibt. Allerdings zeigt gerade das letzte Beispiel (solche von technischem Versagen mit blutigen Folgen beim Autofahren möchte ich nicht bemühen, weil sie eher selten sind), wie anfällig unser Leben durch Technik geworden ist. Denn oft genug versagt mein PC, entweder weil er nicht fehlerfrei konstruiert ist, ich falsch damit umgehe oder weil irgendein Bösewicht mir übers Internet Zeitbomben schickt, die mir schaden. Vor diesem Hintergrund ist es mir einigermaßen unerträglich, wenn jemand seinen Körper einer App anvertraut und von dieser dann in höchsten Tönen schwärmt, sie gar mit dem adjektiv "idiotensicher" belegt und einschätzt. Absolut falsch!
Vor allem schon deshalb falsch, weil es im Zusammenhang mit Ausdauertraining nichts Idiotensicheres geben kann. Es geht um einen menschlichen Körper, um hochkomplexes und sensibles biologisches Leben, das überdies mit einem Geist beseelt ist. Geist und Körper, die sich gegenseitig beeinflussen, was die Verhältnisse viel unberechenbarer macht, als wenn man - vergleichsweise - mit Pflanzen zu tun hat. Deren Reaktion auf irgendwelche Maßnahmen lässt sich mit mehr Wahrscheinlichkeit voraussehen, weil sie nicht denken und nicht fühlen (hoffe ich jedenfalls).
Meine lange Rede in diesem Zusammenhang hat nicht das Ziel dich von deiner App als Trainingsgrundlage abzubringen. Wohl aber Skepsis und Zweifel gegenüber jedem Trainingshilfsmittel in dein Herz zu pflanzen. Egal was es ist und wer auch immer es ersonnen hat: Trainingshilfsmittel (Trainingspläne, sonstige Technik, Kleidung, Schuhe, Literatur, usw.) können lediglich gute Trainingsvoraussetzungen schaffen, uns unterstützen und anleiten. Anleiten in dem Sinne, dass sie eine Richtung vorgeben und etwas über die Art und Weise GRUNDSÄTZLICH aussagen, wie wir trainieren sollen. Aber nichts kann das ersetzen, was man bestrebt sein muss vom ersten Laufschritt an zu erwerben: Laufgefühl. Laufgefühl, das mit wachsender Erfahrung über die Wochen und Monate in Laufkompetenz mündet. Laufkompetenz für und mit dem eigenen Körper, denn jeder Körper reagiert nur im Grundsatz wie alle anderen auf Ausdauertraining. Im Detail kann für dich falsch sein, was für einen anderen mit ähnlichen Voraussetzungen richtig ist.
Dass du zu schnell bisher angelaufen bist und deshalb deine Versuche jeweils versandeten, mag richtig sein, vor allem vor dem Hintergrund des warmen Klimas in deiner Wahlheimat. Die Verantwortung deshalb nun einer Maschine und fehlerbehafteter Software zu überantworten ist jedoch überzogen. Ich empfehle dir dich von der App (oder irgendeinem anderen Trainingsplan) anleiten zu lassen, aber das tatsächlich durchgeführte Training von den Meldungen deines Körpers beim Laufen und danach abhängig zu machen.
Im Moment lautet die Meldung deiner Waden: "Du hast uns falsch behandelt! Mach eine Pause, wir sagen dir, wenn wir wieder kooperieren wollen!" Was dir die Waden leider nicht sagen, ist, auf welche Weise du sie falsch behandelt hast, bzw. wo das eigentliche Problem liegt. Es kann sein, dass du einfach eine zu hohe Gesamtbelastung trainiert hast. Es kann auch sein, dass ein Training dich überfordert hat, weil es vielleicht über zu viel Anstieg und Bergab führte. Oder vielleiht war ein Weg vom Untergrund her schwierig (Bist du vielleicht mal am Strand gelaufen? Ich hatte mal einen netten Muskelkater in den Waden nach einem ungewohnten Barfußläufchen am Sandstrand.). Möglich ist aber auch, dass dein Bewegungsapparat Defizite aufweist, die man mit gezieltem Krafttraining beheben müsste.
Und da stoße ich dann auf die zweite ziemlich massive Fehleinschätzung in deiner Anfrage. Du glaubst mit dem Lauftraining deine Beine trainieren zu können. Das klingt sehr umfassend, was es nicht ist. Mit Laufen trainierst du im Beinbereich lediglich die Ausdauer. Du wirst keine Beinkraft hinzu gewinnen, weil Ausdauertraining keinen Muskelaufbau zur Folge hat. Es ist sogar so, dass sich die muskuläre Zusammensetzung der Muskelgruppen an den Beinen "neu ausrichtet". Wir haben in unseren Muskeln zweierlei Muskelfasern. Ich vereinfache jetzt dramatisch: Welche, die für Kraft und Schnelligkeit zuständig sind und solche die ausdauernde Bewegungen mit geringem Krafteinsatz bewerkstelligen. In gewissem Maß können Muskelfasern von schnell/Kraft auf Ausdauer "umgebaut" werden. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet heißt das: Wer schon mit muskulären Defiziten im Bewegungsapparat (nicht nur Beine, auch Gesäß, Hüften, Bauch, Rücken) in das Lauftraining geht, wird die dort nicht ausgleichen können.
Was den grundsätzlichen Aufbau deines Trainings für Einsteiger angeht, erkenne ich kein Übermaß, da hast du wohl alles richtig gemacht: Dreimal pro Woche laufen, immer mindestens ein (Lauf-)Ruhetag zwischen den Trainingstagen, immer langsam laufen, und von einer zur nächsten Woche die Wochenkilometersumme (Zeitsumme) nicht um mehr als 10 % überschreiten (Ketzerische Zwischenfrage: Braucht man für diese recht einfache, leicht einzuhaltende Trainingsanweisung eine App?).
Meine Empfehlung: Pausiere bis die Beschwerden in den Waden vollständig abgeklungen sind. Dann setze dein Training fort, dosiere aber vorsichtiger und höre nicht auf die App, sondern in dich hinein. Erwerbe Laufgefühl und damit in den kommenden Wochen Trainingskompetenz für dich selbst. Sollten sich die Beschwerden nicht geben, das heißt also wiederkommen, wenn du neuerlich trainierst und dein Pensum steigerst, dann müsste man drüber nachdenken, worin das Problem besteht und wie man ihm abhelfen kann. Zunächst unterstelle ich - weil am wahrscheinlichsten - eine Überlastungsreaktion der Waden.
Ich wünsche dir bald beschwerdefreies Laufen unter südlichem Himmel,

worum ich dich von Tag zu Tag im nebelgrauen Deutschland mehr beneide ...

(lachen lässt mich aber die Tatsache Flug, Hotel und Startplatz zum Barcelona Marathon 2014 bereits gebucht zu haben ...)
Gruß Udo