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von Spiridon08
Wieder zurück zuhause, hier mein Bericht vom Boston Marathon:
Vorgeschichte
Mit meiner in Frankfurt 2024 gelaufenen PB wuchs die Idee, einen der Majors mit Quali zu laufen. In Frage kamen mit meiner Zeit nur Boston oder Chicago. Ich konnte mich anfangs nicht so recht entscheiden, beides reizte mich: Boston – der Mythos pur und das Privileg der Qualifikation. Chicago hingegen als superschnelle Strecke, worauf aktuell mein Fokus liegt, solange es das Alter hergibt (werde im Juni 40). Nach reichlich Überlegung wurde es dann aber Boston – ich wollte die Chance einfach nicht verstreichen lassen. Nach Chicago kommt man auch gut auf anderem Wege, die Chancen bei der Verlosung sind relativ gut. Danke hier auch noch mal an @ToPoDD und @Dartan für die wertvollen Antworten zu beiden Läufen.
Da Amsterdam im Oktober 2025 nicht so lief wie geplant, machte ich in der Boston-Vorbereitung wichtige Anpassungen im Training, vor allem im Bereich MRT und Schwelleneinheiten. Aus Respekt vor der Boston-Strecke war eine PB nie ein Thema, vielmehr ging es mir darum, die neuen Einheiten (inspiriert durch Daniel und Pfitzinger und mit reichlich Input aus dem Forum) auf ihre Verträglichkeit zu testen – für Frankfurt, wo ich meine PB angreifen möchte.
Die Vorbereitung lief sehr gut: keinerlei Wehwehchen und nur ein kleiner Infekt vier Wochen vorher, der keine wirkliche Trainingspause erforderte. Der Test-HM machte Mut, ich konnte bis auf eine Sekunde an meine PB heranlaufen.
Das Boston-Erlebnis
Boston als Stadt ist toll: nicht zu klein, nicht zu groß. Genug zu sehen gibt es, ein paar Tage reichen aber. Ich war sieben Tage vor Ort, donnerstags angekommen zwecks Akklimatisierung und Jetlag-Bekämpfung. Übrigens: Die Einreise war super easy, insgesamt nicht mehr als fünf Minuten Wartezeit, das Gespräch mit dem Beamten beschränkte sich auf die Antwort, aus welchem Grund man anreist. Der ÖPNV und vor allem die U-Bahn funktionieren sehr gut, ein Auto oder Uber/Taxi braucht man nicht.
In der Marathon-Woche ist der Marathon in der Stadt allgegenwärtig und man spürt den Hype und den Stolz darauf. Als Rahmenprogramm habe ich noch ein Playoff-Spiel der Boston Celtics gesehen (was für eine Show!) und ein Spiel der Red Sox verfolgt (eiskalt im Stadion und langweilig wie befürchtet).
Die Expo ist gut, aber nichts Außergewöhnliches. Adidas bringt jedes Jahr eine eigene Kollektion heraus. Die kann man auf der Expo kaufen oder auch schon in den Tagen davor oder danach in Läden in der Stadt. Auf Lager haben sie alle genug.
Race Day
Weil das für Boston-Interessierte hilfreich sein kann, gehe ich auf die Abläufe am Race Day etwas genauer ein:
Ich war in Wave 1 (rot), Corral 5. Startzeit 10 Uhr. Gegen 6 Uhr machte ich mich vom Hotel (Gegend North Station) mit der U-Bahn auf den Weg Richtung Zielgelände. Dort steht zunächst der Gear Check an, also die Abgabe des Beutels. Mit den Startunterlagen bekommt man einen großen und einen kleinen Beutel. Den großen kann man im Zielbereich abgeben; dazu stehen sehr viele gelbe Schulbusse bereit, in denen streng nach Startnummer die Beutel aufbewahrt werden. Wie überall und zu jedem Zeitpunkt an dem Tag gibt es unglaublich viele nette und motivierte Helfer und alles ist super organisiert. Bereits beim Gear Check stehen etliche Dixi-Klos bereit.
Danach ging es zum Bustransfer. Wie ihr wisst, ist es Tradition in Boston, die Läufer mit den typischen amerikanischen Schulbussen vom Stadtzentrum zum Athlete’s Village in Hopkinton zu bringen. Es ginge auch anders, aber das sollte man nicht missen. Als Wave 1 sollte ich mich um 6:45 Uhr bei den Bussen einfinden, die unweit (5 Minuten Gehweg) vom Gear Check abfahren. Ich war pünktlich vor Ort, aber das heißt nicht, dass man um 6:45 Uhr abfährt. Man stellt sich in die Schlange, die wieder von zahlreichen Dixi-Klos gesäumt ist – praktisch. Es dauert etwas, aber es geht voran. Um das Ganze aufzulockern, moderiert ein Typ am Mikro das Geschehen und macht Gags. Da ich immer drei Stunden vor dem Start esse, hatte ich mein Essen mit und habe es in der Schlange gegessen. Im Hotel wäre es zu früh gewesen, im Village zu spät (sollte man bedenken).
Nach etwa 35 Minuten stehe ich ganz vorne, wo die Gruppen schon vorportioniert werden: Man stellt sich in ein Karomuster am Boden, sodass klar ist, wann wieder eine Gruppe einen Bus füllt. In den Bus darf man nur noch den kleinen Beutel mitnehmen (etwa gefrierbeutelgroß). Ganz so streng ist es aber nicht – ich hatte dabei: kleiner Beutel mit Gels usw., zwei Flaschen. Der Bus stand dann noch etwa zehn Minuten, ziemlich genau um 07:30 Uhr fuhr der Konvoi los (etwa sechs Busse). Die Stimmung ist geil, im Bus redet jeder durcheinander, es war richtig laut. Draußen verabschieden Zuschauer und Helfer die Busse winkend und klatschend – fast so, als würde man in den Krieg ziehen. Die Fahrt dauert etwa 50 Minuten, der Fahrer fuhr sportlich. Zum Glück ist das meiste Interstate (Autobahn), es könnte einem sonst übel werden. Als wir die Abfahrt nach Hopkinton nehmen, werden unsere Busse quasi mit Polizeieskorte zum Village gelotst.
Das Athlete’s Village befindet sich auf einer großen Wiese eines Schulkomplexes. Es gibt zwei riesige Festzelte, unglaublich viele Dixi-Klos, mobile Pissoirs, Medical-Zelte und Infostände sowie gratis Wasserflaschen. Das Ganze ist regelrecht choreografiert: Man befindet sich immer nur mit den Läufern seiner Welle dort, richtig voll wird es nicht. Jede Wave hat ihren eigenen, vorher festgelegten Zeitpunkt, um das Village zu verlassen und sich zum Startbereich aufzumachen, der noch einmal 800 Meter entfernt liegt. Bei mir war das 09:25 Uhr, ich verbrachte also etwa 50 Minuten im Village. Das reichte völlig aus, um sich bereit zu machen.
Da es super kalt war (etwa 6 °C), hatte ich im Hotel bereits mehrere Lagen alter Kleidung angezogen. Diese kann man im Village oder besser auf dem Weg zur Startlinie an mehreren Stationen ausziehen und spenden. Der Weg zum Start ist bereits abgesperrt, man geht direkt an Einfamilienhäusern vorbei, deren Bewohner euphorisch jubeln – dabei sind wir noch gar nicht gestartet. Unterwegs gibt es Sonnencreme und Vaseline auf Eisstielen.
Kurz vor dem eigentlichen Startbereich gibt es noch einmal eine letzte Station für diejenigen, die nicht mit dem Bus gekommen sind – wieder mit Toiletten. Keine 200 Meter weiter dann endlich die Startlinie. Das Einreihen in die Corrals wird streng kontrolliert. Es war blauer Himmel, eigentlich kalt, aber durch die Sonne sehr angenehm – perfektes Wetter. Kurz darauf singt eine Sängerin die Nationalhymne, alle Läufer schweigen und hören zu. Mit den letzten Tönen ein Dröhnen: Eine Militärmaschine (C-130 Hercules der US Air Force) überfliegt uns sehr niedrig. Keine zwei Minuten später fällt der Startschuss (ca. 10:02 Uhr). Die Männer-Elite ist da schon 27 Minuten unterwegs, die Frauen 17 Minuten.
Das Rennen
Wie bekannt sind die ersten 7,5 km bergab – aber nicht ohne kleine Steigungen, insgesamt sehr wellig. Es gilt, sich nicht zu einem zu schnellen Tempo verleiten zu lassen. Ich pendle mich bei etwa 4:01 min/km ein und gehe die ersten 5 km in 20:06 durch.
Bei km 8 nehme ich das erste Gel (Maurten 160). Bis km 15 folgt ein weitgehend flacher Abschnitt, auch wenn es nie wirklich flach ist. Es rollt aber sehr gut. Zwischenzeiten: km 10 in 40:23, km 15 in 1:00:30. Bei km 16 nehme ich das zweite Gel (Maurten 160).
Beim Wellesley College wartet der berühmte „Scream Tunnel“ – ein echtes Highlight. Schon von Weiten hört man das Kreischen der Schüler. Ich klatsche ein paar Hände ab. Die Halbmarathonmarke passiere ich in 1:25:03, voll im Soll.
Ab km 25 (1:40:40) wird es wieder welliger, danach folgen die Newton Hills. Davor nehme ich das dritte Gel (Maurten 100 Caffein). Ich komme gut durch und verliere wenig Zeit. Ab km 32 dann Heartbreak Hill – spürbar, aber machbar. Kurz davor ein letztes Gel genommen (Maurten 100 Caffein). Bei km 35 (2:21:27) sind die Anstiege geschafft.
Auf den letzten Kilometern versuche ich noch einmal alles herauszuholen. Die Downhills sind allerdings nicht ohne und gehen ordentlich in die Oberschenkel. Die 5 km zwischen 35 und 40 laufe ich in 20:13 (2:41:40 gesamt).
Der Schluss ist flach. Ich kann nicht mehr groß zulegen und komme schließlich in der Boylston Street ins Ziel: 2:50:26. Rang 3085, also vor meiner Startnummer gelandet (4510). Das ist in Boston immer ein guter Richtwert.
Fazit und Ausblick
Ich bin absolut zufrieden. Zweitschnellste Zeit bei meinem 13. Marathon und ein durchgehend kontrolliertes Rennen ohne Einbruch.
Im Nachhinein wäre vielleicht sogar eine PB drin gewesen, wenn ich etwas mutiger angegangen wäre. Der Respekt vor den Newton Hills war vielleicht etwas zu groß – aber nach Amsterdam wollte ich ein sicheres Erfolgserlebnis.
Sportlich nehme ich vor allem zwei Dinge mit:
Die Trainingsanpassungen haben gewirkt und ich komme auch mit wenigen Gels gut zurecht.
Boston ist unglaublich – jeder, der die Chance hat, sollte sie nutzen. Allein der Weg zum Start und das Drumherum sind eine besondere Erfahrung.
Ausblick: Alle Majors zu laufen war nie mein Ziel, aber jetzt reizt es natürlich. Chicago wäre mit der Zeit machbar – aber nochmal USA? Mal sehen. Im Oktober steht Frankfurt an. Für London habe ich mich ebenfalls beworben – die Verlosung hat heute (24.04.) geöffnet. Chancen gering, aber versuchen kann man es ja.
Zuletzt geändert von
Spiridon08 am 24.04.2026, 17:43, insgesamt 2-mal geändert.
10km: 35:41 (Deulux-Lauf, Langsur 2022 & 2025)
HM: 1:18:20 (Route du Vin 2025)
M: 2:49:21 (Frankfurt Marathon 2024)