Ich habe gewonnen. Ja tatsächlich, ich bin selbst schockiert, das ist unfassbar. Und fast wäre es nie dazu gekommen. Denn wenn eine Freundin von mir nicht zufällig in Urlaub gefahren wäre, dann wäre ich mit ihr wahrscheinlich wandern gegangen anstatt einen 24h-Lauf in Angriff zu nehmen.
Aber so bin ich dann doch beim Solilauf in St. Ingbert gelandet. Durchaus ambitioniert, bei guten Wetterverhältnissen. Meine Frau übernahm den monetären Part der Spenden für den guten Zweck, ich musst nur die Runden laufen um den Betrag zu bestimmen. Die Runde war mit 795m angegeben, relativ flach, aber es gab so einen kleinen Hubbel, mit vielleicht 3hm, der sich durchaus bemerkbar machte im Laufe des Rennens.
Wie das bei Spendenläufen ist, die Strecke war am Anfang richtig voll, aber die Stimmung gut, das Wetter hat gepasst, ich war motiviert. Also forsch rangegangen und das (Haupt)feld mit Rundenpaces von ca. 5:30 vielfach überundet. War nicht immer einfach, da sich ja viele Leute genau diese Läufe aussuchen um ihren Jahreslauf zu machen und sich nicht unbedingt so verhalten wie man es von Läufern gewohnt ist. Und es waren auch viele Kinder unterwegs, die man nie einschätzen kann, in welche Richtung sie sich im nächsten Moment bewegen. Gerade wenn irgendwelche Tiere am Rand der Strecke unterwegs sind. Aber das wusste ich ja vorher und das war tatsächlich auch keine große Sache, aber man muss sich erst drauf einschießen. Tatsächlich genervt war ich nur von den Stock-Walkerclub:innen, die in fünfer Reihen gegangen sind, damit sie sich gegenseitig auch höhen können. Sowas muss echt nicht sein. Aber who cares? Ein kleiner Adrenalinschub jede Runde hat nicht geschadet. Trotzdem war ich froh als es dunkel wurde und die Strecke leerer.
Vorgenommen hatte ich mir 200 Runden, also ca. 160km. Ich wollte diesmal nicht den Fehler machen und wieder komplett zusammenbrechen, sondern mich an die Backyardstrategie halten und konsequente Pausen machen. Funktionierte, wenn auch nicht immer. Das lag aber eher an meinen nachlassenden kognitiven Fähigkeiten. Denn der Plan sah vor jede Stunden 9 oder 10 Runden zu laufen und dann den Rest der Stunden zu pausieren. Mein Basislager stand aber genau auf der Mitte der Runde. Oft hatte ich deshalb einfach schon wieder vergessen in welcher Runde ich bin und wieviel ich noch laufen muss. Deshalb bin ich irgendwann dazu übergegangen und einfach nach Zeit zu stoppen. Des Weiteren habe ich mir, ob des Essens, irgendwann angewöhnt etwas früher los zu gehen und erst in der Folgerunde wieder zu laufen.
So ging der erste Marathon in (+-) 4:27 Stunden durch. Da mich nicht viele Leute unterwegs überholten, dachte ich mir, dass ich ganz gut liege, aber das Rennen war ja noch in der Startphase und noch lang.
Nach sechs Stunden nahm ich dann etwas Tempo raus. Die Sonne war weg und es wurde über Nacht echt frisch. Zum Glück hatte ich im letzten Moment noch eine Jacke eingepackt, sonst wäre ich in den Pausen wohl erfroren. Aber es lief weiterhin sehr gut, unterwegs gab es viele Gespräche mit anderen Läufern. Das mag ich ja am liebsten an diesen Formaten, man hat Zeit zum quatschen ohne Ende. Es hat Spass gemacht. Dazu waren auch noch ein paar Gruppen von jungen Läufern und Läuferinnen unterwegs die Musik mit dabei hatten und immerhin die Nacht durchwalkten bzw. zum Teil auch liefen.
Nachdem ich klargestellt hatte, dass ich kein "Sie" bin, sondern ein "Du", wie jeder andere Läufer auch, kamen auch hier nette Gespräche zustanden.
Nach 12 Stunden hatte ich mir einen Vorsprung von 10 Runden erarbeitet, aber nicht weil ich so schnell war, sondern weil die Verfolger etwas nachließen. Aber was sind schon 8 Kilometer, bei noch 12 Stunden zu gehen? Nix!
Also bewegte ich mich zügig weiter. Und das funktionierte weiterhin gut, ich war nach wie vor auf einem guten Kurs 200 Runden. Sogar einige mehr. Aber ich wusste auch, dass der Mann mit dem Hammer direkt hinter der nächsten Ecke lauern kann.
Nachdem die Zeiten zum frühen Morgen hin langsamer wurde, taute ich mit dem Sonnenaufgang wieder etwas auf und konnte wieder etwas zulegen. Viele sahen mich schon als den Gewinner, aber es waren immer noch 7 Stunden zu laufen. Ich war bei ca. 130km angelangt und mir relativ sicher, dass ich mein Ziel erreichen werden würde. Immerhin hätte ich dafür "nur" durchwandern müssen. Aber auch das kann sehr hart sein.
Allerdings hatte ich mittlerweile meinen Vorsprung auf 23 Runden ausgebaut. Umgerechnet auf die Paces die angeschlagen wurden, waren das gut 2:30 Stunden. Also begann ich etwas taktischer an die Sache ran zu gehen. Ich schaute fast nur noch auf die Konkurrenz und ließ mich vom nächsten Verfolger einfach nicht mehr überholen. Dadurch wurde ich zwar insgesamt langsamer. Aber ich wollte jetzt nichts mehr riskieren. Warum freiwillig in einen Hungerast rennen, wenn es nicht nötig ist. Lieber unterhielt ich mich mit den Leuten, die zumeist mich ansprachen. Viele gratulierten schon. Es war der Wahnsinn. Und der Körper funktionierte noch immer. Auch wenn mittlerweile meinen gewohnten Schmerzstellen schmerzten. Rennen ging zwar noch, aber ich reagierte eher, als dass ich agierte.
Ich war mir echt noch nicht sicher. Auch 4 Stunden vor dem Ende dachte ich noch an die Leute hinter mir, die ja in der Zeit einen Marathon abreißen könnten und plötzlich an mir vorbeispringen. Das war zwar völlig irrational. Aber an was soll man sonst denken? Immerhin hielten mich diese Gedanken in Bewegung, zudem unterstützten mich die anderen, die mich mich immer wieder mitzogen. Es lief einfach super, aber ich war im Verwaltungsmodus, mit etwas mehr Hingabe hätte ich ggf. die 180 km angreifen können. Aber es war nicht nötig und ich wollte nichts riskieren. Es war schon hart genug.
Und es ging dem Ende entgegen. Tatsächlich fühlten sich die letzten 7 Stunden an, als vergingen sie im Fluge. Das fasziniert mich immer wieder. Am Anfang passiert gefühlt ewig nichts und man kommt gefühlt nicht vorwärts. Und am Ende ist es genau umgekehrt. Man kommt nicht mehr richtig vorwärts aber es fühlt sich an als würde die Zeit nur so verfliegen. Seltsam wie das Gehirn einen selbst schützt mit wirren Gedanken. Vermute ich.
Da die Duschen nicht direkt anbei waren, sondern man etwas fahren musste, skippte ich die letzte halbe Stunden zugunsten einer warmen Dusche vor der Siegerehrung. War das arrogant? Ich denke nicht. Ich wollte einfach geduscht hin und die Ehrung war ziemlich zeitnah. So wurden es "nur" offizielle 173,886 km. Ich hätte also theoretisch meine Maximaldistanz, die ich je in einem Stück gelaufen bin, überbieten können. Aber die Dusche war mir wichtiger, es ist unfassbar wie dreckig man auf einer Parkschotterpiste wird, die staubtrocken ist.
Der Wahnsinn. 24h-Lauf gewonnen. Hätte ich nie gedacht und die Leistung war auch gut. Natürlich laufen viele Leute deutlich weiter. Aber wer nicht da ist, der zählt nicht.
Aber was noch viel wichtiger ist. Es hat endlich funktioniert mit den 24 Stunden. Keine taktischen Fehler, keine Wetterunbillen etc. Einfach ein fast perfektes Rennen ohne Probleme. Zwar keine 180 km aber ich denke, die hätte ich rauskitzeln können, wenn es nötig geworden wäre. Ich bin also rundum zufrieden und stolz auf meine Leistung.
219 Runden wurden es, je Runde spendete meine Holde 50ct. Ich denke das hat sich gelohnt, für alle.
Was habe ich verbraucht?
ca. 25 Gels, 2l Cola, 3l Wasser, 2l KH-Mischung, 3 Bananen, 6 Waffeln (kleine), 6 Pfannkuchen (selfmade), 250g Pistaziencreme.
Was kommt als nächstes? Regeneration. Und in zwei Wochen ein 6-Std.-Lauf. Da sollte dann wieder die 5:30er Pace angezeigt sein, allerdings ohne die Pausen unterwegs. Ich werde berichten.
PS:
Funfakt 1) Ich bin einige Runden mit Nasenatmung gelaufen, sogar relativ schnelle. Ging Problemlos. Was wohl an Funfakt 2 liegt
Funfakt 2) Durchschnittliche HF von 95 über alles. Habe ich überhaupt Sport gemacht? Das scheiden sich wahrscheinlich die Geister. In einer Pause fiel er auf 69 runter